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Antisemitismus-Streit auf der documenta: So soll die Debatte weiter gehen

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Von: Matthias Lohr

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Nur wenige Zuhörer: Im Veranstaltungsort UK 14 fanden lediglich 100 Besucher Platz. Unter ihnen waren 20 Journalisten sowie viele geladene Gäste. Viele Interessierte erhielten keinen Platz mehr und mussten die Debatte im Livestream verfolgen.
Nur wenige Zuhörer: Im Veranstaltungsort UK 14 fanden lediglich 100 Besucher Platz. Unter ihnen waren 20 Journalisten sowie viele geladene Gäste. Viele Interessierte erhielten keinen Platz mehr und mussten die Debatte im Livestream verfolgen. © Andreas Fischer

Die erste documenta-Diskussion zu Antisemitismus wurde bundesweit beachtet. Die Reaktionen sind nicht nur positiv. Unklar ist, wie es nun weiter geht.

Kassel – Nach all der Aufregung um das antisemitische Kunstwerk von Taring Padi auf der documenta war dieser Abend mit Spannung erwartet worden: Fünf Experten diskutierten am Mittwoch im Veranstaltungsort UK 14 über Antisemitismus in der Kunst. Die ersten Reaktionen waren positiv, aber es gab auch kritische Stimmen.

Der Mitorganisator

Meron Mendel ist in diesen Tagen ein gefragter Interviewpartner. Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank hatte als einer der ersten auf die antisemitischen Motive von Taring Padi aufmerksam gemacht und gefordert, das Kunstwerk zu entfernen. Das ist längst geschehen. Das Antisemitismusproblem ist damit jedoch nicht gelöst.

Mendel berät die documenta im Umgang mit anderen Kunstwerken. Seine Bildungsstätte konzipiert gerade einen Begegnungsstand zum Thema auf dem Friedrichsplatz. Und auch die Diskussion organisierten seine Mitarbeiter gemeinsam mit der documenta.

Natürlich saß auch Mendel auf dem Podium. Einen Tag nach der 90-minütigen Veranstaltung sagt der Deutsch-Israeli: „Es ist gut, dass die Diskussion zustande gekommen ist, wir alle an einem Tisch saßen und die Differenzen klar geworden sind. Aber wir sind noch weit davon weg, die Probleme gelöst zu haben.“

Es werde weitere Debatten brauchen. Sie sollen laut Mendel in den nächsten Tagen und Wochen zunächst nicht öffentlich geführt werden. Danach soll es wieder eine öffentliche Veranstaltung geben.

Ob sie wieder im UK 14 stattfindet, ist unklar. Der neue Veranstaltungsort in der Unteren Karlsstraße ist schick, aber für den Auftakt war er zu klein. Viele Interessierte bekamen keinen Platz mehr. Die Livestream-Angebote auf Youtube wurden bis gestern immerhin mehr als 10 000 Mal abgerufen.

Nicht auf dem Podium saßen am Mittwoch diejenigen, die die documenta kuratiert haben. Das Kollektiv Ruangrupa war angefragt worden, Mitglieder saßen nur im Publikum. Ade Darmawan sagte in einem Statement: „Dies ist ein guter Ort zum Lernen und Zuhören. Wir sind hier.“

Mendel hat dafür Verständnis: „Sie haben sich dafür entschieden, nicht auf dem Podium zu sitzen, vermutlich weil sie sich noch nicht sicher fühlen in dieser Thematik. Das respektiere ich.“

Die Reaktionen

Nicht alle Zuhörer waren von der Diskussion angetan. Ein prominenter Gast meinte hinterher, der Abend sei „wenig hilfreich“ gewesen. Ein anderer nannte ihn „überflüssig“. Mit Namen wollten die Kritiker jedoch auf keinen Fall zitiert werden.

Auch in den überregionalen Medien kommt die Diskussion nicht gut weg. „Die Gäste waren allesamt Experten mit langen Referenzlisten und viel Ahnung – allerdings, wie sich herausstellen sollte, von unterschiedlichen Dingen“, schreibt Arno Frank für den „Spiegel“: „Selten dürfte auf so hohem Niveau so weit aneinander vorbeigeredet worden sein wie bei dieser Veranstaltung.“ Titel seines Artikels: „Therapiestunde auf dünnem Eis.“ Der Autor greift eine Formulierung aus der ersten Erklärung des indonesischen Kollektivs Taring Padi auf: „Wenn es ein ,Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs’ gibt, dann war es dieser Abend.“

Hart ins Gericht geht mit der documenta erneut Nils Minkmar („Süddeutsche Zeitung“). Er schreibt unter der Überschrift „Ein schrecklicher Abend“: „Die Bühne wurde zum ground zero einer vollkommen missglückten Kunstschau, die weder in der Vorbereitung noch in der Durchführung und nicht einmal in der Aufbereitung des denkwürdigen Skandals auf die Höhe der Zeit kam.“ Sein Fazit: „Offenbar wurde so in Kassel eine beispiellose, weil organisierte Unzuständigkeit, in deren Nebel alle Katzen grau sind.“ Man könne den Eindruck gewinnen, dass „gerade die pauschale Feier des ,globalen Südens’ und die Flucht in Kollektive eine Strategie sind, der deutschen Geschichte und der Verantwortung für die Jüdinnen und Juden in Deutschland, aber auch in Israel, zu entkommen.“ Die documenta sei „irreparabel beschädigt“. (Matthias Lohr, Mark-Christian von Busse)

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