Die documenta verstehen: Carolyn Christov-Bakargiev reizt die Kuratoren-Rolle besonders stark aus

Sie hält alle Fäden in der Hand

Beispiellose Position: documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev, aufgenommen bei der Eröffnungspressekonferenz. Foto: Fischer

Die künstlerischen Leiter einer documenta haben beispiellosen Spielraum. Begrenzt ist er finanziell, durch den Etat der Ausstellung. Doch ihre inhaltliche Freiheit ist unvergleichlich. Darin liegt die Stärke der documenta, aber auch ihr Risiko.

Natürlich kann eine documenta, der nur ein einziger Kurator den Stempel aufdrückt, fürchterlich Schiffbruch erleiden. Dies ist 2012 gewiss nicht der Fall. Doch für manche Kritiker liegt allein in dieser herausgehobenen Position eine Provokation. Bei der Venedig-Biennale etwa wird die Kuratoren-Rolle relativiert, indem einzelne Staaten in eigener Verantwortung Länder-Pavillons bespielen. Anders auf der documenta.

Hier hält Carolyn Christov-Bakargiev mit einem ausgeprägten Kontrollbedürfnis alle Fäden in der Hand. Ihre mediale Omnipräsenz mit manch bizarrer Interview-Äußerung im Vorfeld sollte Hunderttausende zur Fahrt nach Kassel motivieren. „CCB“ begründete sie aber auch damit, sie habe sich vor die Künstler stellen wollen, die in Ruhe arbeiten sollten.

Unverkennbar ist aber, wie sehr die 54-jährige US-amerikanisch-italienische Kunsthistorikerin Themen gesetzt hat, die von Künstlern geradezu illustriert wurden: Ökologie, Feminismus, der Kassel/Kabul-Konnex, Wissenschaft und künstlerische Forschung. „CCB“ hat die vier „Geisteszustände“ oder Positionen benannt, für die sich künstlerische Belege finden lassen (auf der Bühne/unter Belagerung/im Zustand der Hoffnung/auf dem Rückzug). Auch den Hundespielplatz gibt es, weil die Halterin des Maltesers Darsi närrische Hundefreundin ist. Die Liste ließe sich fortsetzen. Insofern ist Christov-Bakargievs Darstellung, sie habe kein Konzept, falsch. Vermutlich sollte auch diese Behauptung Druck vor der Eröffnung rausnehmen, die Erwartungshaltung beruhigen.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Das „Brain“ (Gehirn) genannte Zentrum der d13, die Rotunde im Fridericianum, bildet Christov-Bakargievs assoziatives, offenes Denken ab. Hier können wir ihr in den Kopf gucken. Im „Brain“ laufen die Leitfäden der d13 zusammen, hier werden sie miteinander verknüpft. Von hier hat sie ein Netz von Bezügen über Kassel ausgespannt. Von hier strahlt aus, wird aufgefächert, was Besucher mit einem schönen Aha-Effekt bis in die entlegensten Ecken der Schau wieder entdecken können.

Alle fast 200 Teilnehmer hat „CCB“ aufgefordert, das ehemalige Konzentrationslager Breitenau vor den Toren Kassels zu besuchen. Manche Künstler haben Bezug darauf genommen. Überhaupt sind noch nie so viele Werke eigens für eine documenta angefertigt worden oder erst in Kassel entstanden. Sie sind gerade deshalb wunderbar auf spezifische Räume bezogen.

Die einmalig starke Position der künstlerischen Leiterin reizt auch zum Widerspruch. Der Karlsruher Professor Wolfgang Ullrich sieht als „die ersten und größten Verlierer“ die Künstler, die brav abgeliefert hätten, was „CCB“ gewünscht habe. Ihre Anliegen habe sie am besten mit jungen, eher unbekannten Künstlern durchsetzen können. Ullrich spricht deshalb von „kuratorischer Selbstherrlichkeit“. Michael Hübl kritisiert in „Kunstforum“ „grandios aufgeblähte Welterklärungsformeln“ und allzu simple Analysen von Christov-Bakargiev. Titel seines Verrisses der documenta 13: „Eine Omnipotenzphantasie“.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.