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Handbuch zur documenta: Zahlen, Daten und Fakten zu den Publikationen

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Von: Bettina Fraschke

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Das Handbuch der documenta fifteen.
Bunt, mit vielen und Abbildungen von Notizen: Das Handbuch der documenta fifteen. © Bettina Fraschke

Wie gut ist das Handbuch zur documenta fifteen in Kassel? Lohnt es sich, das zu kaufen? Wir haben uns die Publikationen angeschaut.

Neben all dem Wischen auf Handy-Displays, winzigen Bildchenfriedhöfen und suchmaschinenoptimierten Trefferlisten der digitalen Welt sehnen wir uns zunehmend nach dem Haptischen, nach Material und Textur. Ein Anfassgefühl, ein tatsächliches Greifen, erleichtert das Begreifen. Der Boom von edlen Notizbüchern belegt diese Sehnsucht.

Und auch das Handbuch zur documenta fifteen, das so fröhlich und positiv, so ansprechend und bunt daherkommt, wie es das bei der Weltkunstausstellung lang nicht gab.

Die künstlerische Leitung nimmt den Titel ernst: Ruangrupa hat einen 320-seitigen Band geschaffen, den man tatsächlich gern immer wieder zur Hand nehmen möchte. Man kann sich festlesen, kurz etwas nachschlagen, aber auch nur blättern und sich von Texten und Bildern dorthin führen lassen, wo man das gar nicht aktiv vorhatte.

Dann schlägt man etwa das Handbuch irgendwo auf und stolpert über einen Satz wie „Abgelenkt durch Ablenkung, sind wir kaum noch in der Lage, die Welt in uns und um uns herum mit echtem Interesse und Gefühl zu betrachten.“ Stutzen, der Satz (aus dem Eintrag zum Kollektiv Madeyoulook) hakt sich im Gehirn fest, ein Nachdenkprozess rattert los. So wünscht man sich das bei der documenta.

„Assalamualaikum, liebe Leser*innen“ – so sprechen uns die documenta-Leiter mit dem indonesischen Gruß an: „Friede sei mit dir“. Sie erzählen vom Prozess, die Ausstellung zu entwickeln, wollen die Leser mit in ihr Gedanken- und Assoziationsgebäude hineinnehmen. Und das nicht nur über Artikel, sondern auch mit Hilfe von vielen Skizzen, Schemazeichnungen und Bildern.

Als säßen wir in Jakarta mit am Esstisch, als dort die Köpfe zusammengesteckt und die Konzepte für Kassel entwickelt wurden. Klar stehen da auch Texte mit intellektuellem Gehalt drin, aber auch mal ein Strichmännchen mit Sprechblasen, das schnell mit Kuli hingekritzelt unter anderem sagt: Es ist ein bisschen wie die Suche nach neuen Freunden – „For us, it’s more like looking for new friends.“

Die Begleitbücher zur documenta fifteen im Überblick

Schon in diesem Satz und in seiner optischen Präsentation wird die Herangehensweise von Ruangrupa konkret greifbar, die gerade nicht im kuratorischen Elfenbeinturm sitzen und mit möglichst hochgestochenem Kunstsprech protzen wollen.

Mit all den Skizzen und farbigen Zwischenseiten wirkt das Buch teilweise wie ein Fanzine, das selbst gebastelte Magazin einer Subkulturszene. Extrem verständlich, zugänglich sowie visuell anregend und witzig.

Alles, was in Listenform ist, ist in Schreibmaschinentypo gesetzt, teilweise weiß auf schwarzen Hintergrund. Sehr grafisch, aber nie kalt. So nimmt dann einen großen Teil des Handbuchs die Vorstellung der Künstler und Kollektive ein. Die porträtierenden Autorentexte sind sehr unterschiedlich im Stil, mal journalistisch-flott, mal doch im eher abstrakten Katalog-Duktus mit vielen theoretisierenden Vokabeln. Auf der jeweiligen Doppelseite steht rechts der Text, links sind Fotos oder Illustrationen eingefügt.

Kurze Porträts der Ausstellungsorte mit Karten und Fotos sind erhellende Ergänzungen – und machen ein bisschen deutlich, warum gerade sie als Locations ausgewählt worden sind.

Und mit einem Gedicht von Jimmie Durham, dem mehrfachen documenta-Teilnehmer, der im November 2021 gestorben ist und sich für die Rechte indigener Völker eingesetzt hat, hebt das Buch an. „I want You to hear these words about Jo Ann Yellowbird (Ars Poetica)“ heißt das Werk. Es handelt von einer indigenen Aktivistin, die durch Polizeigewalt ihr ungeborenes Baby verloren hat und sich daraufhin mit Rattengift das Leben genommen hat. Ein bedrückendes Statement zum Auftakt.

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