Hass auf die „Dreckskerle“ - die Aufreger der documenta

+
1972: Zur documenta 5 lud der Bauer und Holocaust-Leugner Thies Christophersen eine Ladung Mist vor dem Fridericianum ab.

Kassel. Die Schauspielerin Heidi de Vries war früher immer ganz neidisch auf die Kasseler. Sie wohnte damals noch im Westen, kam aus Bochum und Essen als Besucherin zur documenta und musste dann wieder weg - im Gegensatz zu den Kasselern, denen so eine Kunstliebe damals mehrheitlich fremd war.

Mittlerweile ist de Vries 73 und seit 33 Jahren in Kassel zu Hause. Sie liebt die documenta so sehr, dass sie manchmal eine Erdbeerbrosche trägt - als Reminiszenz an die d13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev, die 2012 ein Wahlrecht für Erdbeeren forderte. Das war einer von vielen Skandalen in der 60-jährigen Geschichte.

Zum Jubiläum hat sich de Vries im documenta-Archiv durch unzählige Schmähbriefe gewühlt. Die besten wird die ehemalige Schauspielerin des Staatstheaters am 19. Juli im Kasseler Naturkundemuseum vortragen. Die Auswahl zeigt, wie die documenta für Aufreger sorgte, aber auch, wie die Menschen sich gewandelt haben.

Heidi de Vries

„Geht erst mal arbeiten, ihr Dreckskerle“, schrieb ein Besucher 1972 den Verantwortlichen der documenta 5. Der Bauer und Holocaust-Leugner Thies Christophersen aus der Nähe von Kiel lud einen Haufen Mist vor dem Fridericianum ab, um gegen „westliche Dekadanz“, „das Vordringen der Frau in der Öffentlichkeit“ und „Verschleuderung öffentlicher Gelder“ zu protestieren.

Auch die Oberbürgermeister erhielten viel Post. Hans Eichel bekam 1977 zur documenta 6 mit Walter De Marias „Vertikalem Erdkilometer“ den Rat, „den Wahnsinn mit dem Stab einzustellen. Narren gehören ins Narrenhaus, nicht in die Öffentlichkeit als Amtsträger.“ Selbst die legendären Kunstwerke von Joseph Beuys wie die „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ und die „7000 Eichen“ stießen auf viel Ablehnung.

Gemährt haben nicht nur Kasseler, sondern Besucher aus der ganzen Republik. Das änderte sich erst mit der documenta IX von Jan Hoet 1992, sagt de Vries: „Da hat sich die Stimmung gewandelt.“ Die Kasseler waren nicht mehr nur auf den Herkules stolz, sondern auch auf den Himmelsstürmer.

Heute lieben sie ihre documenta so sehr, dass sie auf die Barrikaden gehen, wenn ein Teil von ihr 2017 auch in Athen stattfinden soll. Die Protestwelle gegen den griechischen Ableger war der jüngste Aufreger, aber sicher nicht der letzte.

Das müsste doch verboten werden! Lesung mit Heidi de Vries, 19. Juli, 15 und 17 Uhr, Naturkundemuseum Kassel 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.