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Heavy Metal rettet Leben: Safdar Ahmed und das Refugee-Art-Project im Stadtmuseum

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Von: Christina Hein

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Videoinstallation: Safdar Ahmed und Partner präsentieren im Stadtmuseum Arbeiten von und mit Geflüchteten, hier ist es der Musiker Kazem Kazemi.
Videoinstallation: Safdar Ahmed und Partner präsentieren im Stadtmuseum Arbeiten von und mit Geflüchteten, hier ist es der Musiker Kazem Kazemi. © pia malmus

„Heavy metal is the best world“, sagt Kazem Kazemi in ruhigem Ton und mit weichem persischen Akzent. Der Mann mit den langen Haaren erzählt in der zweiteiligen Videoinstallation „Border Farce“ seine Geschichte.

Kassel – Und er schwärmt für Heavy-Metal-Musik. Sie bedeutet für ihn alles: spendet ihm Kraft, bietet Schutz, rettet Leben.

Der kurdisch-iranische Geflüchtete erzählt von seiner sechs Jahre währenden Internierung im australischen Flüchtlingslager, dem Off-Shore-Gefängnis auf Manus-Island, Papua-Neuguinea. Er erzählt davon, wie er dort 2014 den „schlimmsten Tag“ seines Lebens erlebte, als bei einem rassistischen Überfall 70 Geflüchtete verletzt wurden und sein Freund getötet wurde. Von australischen Ordnungskräften erfuhren sie keinen Schutz.

Die Dokumentation über Kazem Kazemi, den Metal-Gitarristen, der in Australien gestrandet ist, läuft im Stadtmuseum auf einer großen Leinwand. Sie zeigt ihn kochend, telefonierend, mit Freunden Tee trinkend. Im Kontrast zu diesen Alltagstätigkeiten wird Kazemis sanfter Tonfall immer wieder von lauten martialischen Musiksequenzen auf einer gegenüberliegenden Bildfläche unterbrochen. Sie zeigen Kazemi mit seinen Mitmusikern der Band Hazeen, in düsterer Metal-Montur und Zombie-Maskierung in Aktion. Das Publikum muss sich jedes Mal interaktiv umdrehen, um das Musikvideo zu sehen, um sich danach wieder dem ruhigen Erzählton Kazemis auf der anderen Seite zuzuwenden. Es ist eine Arbeit, die sich Zeit nimmt, bei der keine Minute überflüssig ist, auf die sich in Ruhe eingelassen werden kann. Kazemi erzählt genug – von seinen Albträumen und Träumen –, dass der Zuhörer zu dem Mann mit den traurigen Augen leicht eine empathische Brücke herstellen kann.

Und man erfährt vom Umgang mit Geflüchteten downunder, so weit weg, dass man hierzulande nur wenig davon mitbekommt. Was die Flüchtlinge in den Camps auf Inseln erlebt haben, sei „systematische Vernachlässigung, die an Folter grenzt“, schrieb seinerzeit der „Spiegel“. Männer, Frauen und Kinder hausten dort über Jahre, obwohl die meisten als Flüchtlinge anerkannt seien.

Die documenta-Arbeit „Border-Farce-Sovereign Murders-Alien-Citizen“ stammt von dem in England geborenen Australier Safdar Ahmed, der das Video zusammen mit der Filmemacherin Alia Ardon und Mitgliedern des Refugee-Art-Projects angefertigt hat. Ahmed widmet sich in seinen Werken, die unter dem Begriff „Storytelling“ zusammengefasst werden können, Flucht- und Migrationsgeschichten. Aufmerksamkeit widmet er auch dem Thema Kolonisierung. Nach seinen eigenen Angaben lebt und arbeitet er auf dem traditionellen Land der indigenen Guringai, Gadigal und Wangal in einer Stadt, die „Sydney genannt wird“.

Multimedial: Auch Ahmeds Cover-Gestaltung des Albums „Sovereign Murders“ von Hazeen wird gezeigt.
Multimedial: Auch Ahmeds Cover-Gestaltung des Albums „Sovereign Murders“ von Hazeen wird gezeigt. © Malmus, Pia

Weitere Videoarbeiten des Flüchtlings-Projekts sind im Treppenhaus des Stadtmuseums zu sehen (ungünstig platziert, weshalb sich kaum jemand länger aufhält). Darin wird unter anderem ein nach Australien Geflüchteter gefragt, was er dazu sagt, dass er auf einem Land angesiedelt wurde, das eigentlich Indigenen gehört. Dazu sagt der alte, in seinem Gemüsebeet werkelnde, sichtlich gestresste arabische Mann: nichts.

Der vielseitig talentierte und politisch engagierte Safdar Ahmed präsentiert im Stadtmuseum ein multimediales Paket an künstlerischen Darstellungsformen, von der Graphic Novel (seinem „Kerngeschäft“) über üppig gestaltete Zines (Mini-Publikationen), Texte, Schallplatten-Cover bis hin zu Video-Dokumentationen. Auf seiner Homepage (safdarahmed.com) erklärt er, dass er in seinen Kunst-Formen den Fokus auf Themen der Repräsentation und Zugehörigkeit legt, indem er Bezug nimmt auf „persönliche Geschichte, grafisches Storytelling, kulturelle Exegese und muslimische Tradition“.

Die Band Hazeen ist übrigens 2014 von Safdar Ahmed (Gitarre, Gesang) und Can Yalcinkaya (Drums) als „antirassistische muslimische „Death-Metal-Band“ gegründet worden. „Wir evozieren das Monster als Figur der Kritik“, heißt es dazu im Zine.

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