Der Journalist Alfred Nemeczek blickt zurück auf die erste documenta

Erinnerungen an die erste documenta: Das Herz schlug schneller

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Alfred Nemeczek

Alfred Nemeczek war Volontär der „Hessischen Nachrichten“ in Kassel, als vor 55 Jahren die erste documenta eröffnet wurde. Im Gespräch blickt der langjährige Kulturredakteur in Kassel und stellvertretende Chefredakteur von „art“ zurück.

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Im HNA-Bildarchiv gibt es von der ersten documenta sehr wenige Aufnahmen. Ist die Bedeutung dieser Ausstellung 1955 noch gar nicht richtig eingeschätzt worden?

Alfred Nemeczek: Doch. Das hatte schon einen Anstrich des Sensationellen. Denn es war eine Ausstellung mit einem sehr großen Anspruch, obwohl die Koppelung mit einer Gartenschau etwas spekulativ gewesen ist. Mindestens wuchs die Bedeutung der ersten documenta mit dem Abstand zum Ereignis ganz gewaltig. Auch was ich jetzt sage, ist sozusagen rückwärtsgewandte Prophetie.

Sie haben die erste documenta einen „Segen für die geschundene Stadt“ genannt. Haben die Kasseler das damals auch so empfunden?

Nemeczek: Es wäre damals unmöglich gewesen zu sagen, Kassel ist ab jetzt documenta-Stadt. Das war auch nach der dritten, vierten und fünften documenta noch nicht möglich. So groß war die Akzeptanz noch nicht. Nun sind die Besucherströme nicht, wie heute üblich, evaluiert worden. Man weiß also nicht, wie viele Besucher zufällig dort hängen geblieben sind. Aber der Erfolg war mit 134 850 Menschen in acht Wochen stattlich.

Wie haben Sie die documenta damals erlebt?

Nemeczek: Als Volontär war mein Job, im Lokalen als Gartenschaureporter über Randereignisse wie die Eröffnung der Dahlienschau oder die begleitende Hundeausstellung zu berichten. Von Bildender Kunst hatte ich keine Ahnung. Die documenta betrat ich auf inständiges Bitten meines älteren Kollegen Friedrich Herbort aus der Kulturredaktion. Den Rat habe ich befolgt. Weil ich sowieso immer am Fridericianum vorbeigehen musste, war ich nach einer Eingewöhnungsphase auch täglich in der documenta und habe sie sozusagen auswendig gelernt.

Und Ihr Eindruck?

Nemeczek: Irgendwie hat mich das gepackt, und ich war sehr fasziniert. Die eigene Aura dieser documenta ist schwer zu vermitteln, weil das Medieninteresse noch überhaupt nicht mit der Aufmerksamkeit heute vergleichbar ist. Selbst 1964, als ich Pressesprecher war, kamen zur Eröffnung vielleicht 60 Journalisten, aber kein Fernsehteam. Heute akkreditieren sich zum Auftakt 2000 Menschen.

Die „Zeit“ hat damals geschrieben, in der documenta sei „neue Zuversicht“ zu verspüren, „die alle Lebensangst zu vertreiben vermag“. Haben Sie das auch so empfunden?

Alfred Nemeczek

Nemeczek: Ja, das habe ich. Die Stadt war zwölf Jahre nach ihrer Zerstörung noch ziemlich kaputt, hatte aber nach ihrem Selbstverständnis bedeutende Fortschritte beim Wiederaufbau gemacht. Die Treppenstraße beispielsweise war schon entstanden. Die Gartenschau war die Beglaubigung dieser Anstrengung, sie war ein Stempel dafür, eine Belohnung für das Geleistete. So wurde das auch in Kassel empfunden. Es war Leben in der Stadt. Ich kam euphorisiert von dieser Aufbruchstimmung zurück in die Redaktion und habe eine Glosse geschrieben mit dem Titel: „Schneller schlägt nun Kassels Herz.“ Die ist nie gedruckt worden, aber ich kann mich an diese Euphorie noch erinnern.

Nun gibt es Stimmen von Kunsthistorikern, die auf die konservative Künstlerauswahl hinweisen. Die erste documenta sei ein Akt der Wiedergutmachung nach der Nazi-Verfemung gewesen, aber eben noch rückwärtsgewandt. Ist das ein ungerechtes Urteil? Oder wird die erste documenta verklärt?

Nemeczek: Dieses Urteil steht natürlich jedem frei. Die Kunstgeschichte hat sich ein bisschen darauf eingeschossen. Das unmittelbare kritische Echo hat die documenta als großartige Zwischenbilanz des 20. Jahrhunderts empfunden. Das Konzept war ja, die Kunst von 1905 bis 1955 zu zeigen.

Man darf nicht vergessen, was den Deutschen durch die Nazi-Zeit vorenthalten wurde, wie viel Nachholbedarf es gab.

Nemeczek: Das war natürlich die Absicht. Im Vorwort des Katalogs schreibt Werner Haftmann, wie froh und glücklich man war, wieder an der vereinten Anstrengung des modernen europäischen Geistes teilnehmen zu können. Davon hatten sich die Deutschen auf barbarischste Weise verabschiedet.

War die erste documenta für Sie die wichtigste und die schönste?

Nemeczek: Die wichtigste sicher. Mein Leben wäre anders verlaufen, wenn ich sie nicht gesehen hätte und wenn es mich nicht gepackt hätte. Die schönste war sie sicherlich auch. Die Form der Inszenierung von Arnold Bode hat dazu beigetragen, dass von den Kunstwerken eine besondere Wirkung ausging. Aber das ist subjektiv, das hat mit der Situation zu tun, in der sich das Land befand und in der ich mich selbst befand.

Was erwarten Sie von der Künstlerischen Leiterin der d13, Carolyn Christov-Bakargiev? Also, was ist heute die Aufgabe der documenta?

Nemeczek: Jede documenta ist wegen der Autonomie der künstlerischen Leitung eine Wundertüte. Auch die nächste wird uns überraschen, ärgern oder kaltlassen. Es hat sich natürlich gewandelt, was wir als Kunst verstehen, was wir von Kunst erwarten, was sie leisten kann. Ich werde wieder schauen, ob sie mich packt, ob sie mir unvergesslich bleibt.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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