Die documenta 13 verstehen: Ökologie und Nachhaltigkeit sind zentrale Themen der Ausstellung

Hier entstehen Archen des Lebens

266 Sorten: Anwar Kanwar dokumentiert die Vielfalt von Reis aus dem indischen Orissa. 2 Fotos:  Koch

Im indischen Bundesstaat Orissa wächst eine Reis-Arche. Nathar Sarangi hat dort 266 Sorten angepflanzt –es sind alles einheimische Pflanzen, die er wiederentdeckt und deren Eigenschaften er erforscht. Welcher Boden passt zu welcher Sorte? Die heimischen Arten erwiesen sich als widerstandsfähig und geschmacksintensiv.

Früher gab es in der Gegend unzählige Sorten, heute nur mehr 20 - und die wurden zumeist von Saatgut-Konzernen zu den Bauern gebracht wurden: Sie sind oft anfällig, müssen gedüngt werden, damit sie ausreichenden Ertrag bringen. Der indische Künstler Amar Kanwar bringt nun Nathar Sarangis Reis-Arche auf die documenta. Im Ottoneum werden in Schälchen, die in einem dunklen Raum an der Wand hängen, jene 266 Sorten präsentiert, kleine Häufchen mit Namen wie Panjab Basumati oder Nadiajodi.

Amar Kanwar holt in seiner poetischen Arbeit „The Sovereign Forest“ den Reis ins Museum - und damit auch das Wissen der heimischen Kleinbauern. Mit Büchern aus Bananenfaserblättern erzählt er weitere Geschichten aus Orissa. Auf die rechten Buchseiten wird ein Film projiziert, links liest man die Geschichte von Menschen, die in 40 Jahren zweimal umgesiedelt wurden, weil Staudämme auf ihren Feldern angelegt wurden.

Das Ottoneum ist der documenta-Ort, an dem der Schwerpunkt Ökologie am greifbarsten wird. Die Beschäftigung mit unseren Lebensgrundlagen ist zentrales Thema der d13. Kunst und Wissenschaft denken hier über die Erde nach, über ein neues Gleichgewicht menschlicher Bedürfnisse und Biosphäre. In den documenta-Notizbüchern wurden vorab theoretische Grundlagen gelegt, etwa von Vandana Shiva, der Umweltaktivistin, die dieses Jahr in Kassel den Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ erhält. Sie hat sich mit rechtlich umstrittenen Biopatenten und kleinbäuerlicher Konzernabhängigkeit beschäftigt.

Verheerende Auswirkungen menschlicher Eingriffe zeigt die Mexikanerin Maria Thereza Alves mit großen Landschaftsmodellen. Sie erzählt mit mehr dokumentarischen als künstlerischen Mitteln, wie die Grundwasser-Entnahme des Chalco-Sees bei Mexiko-Stadt das Ökosystem ruiniert, und die indigene Bevölkerung darunter leidet.

Pratchaya Phinthong braucht im Fridericianum nur zwei auf den ersten Blick lächerlich wirkende Fliegenleichen, um das Thema Schlafkrankheit in den Fokus zu rücken. Das Künstlerkollektiv AND AND AND will öffentliche Stadtflächen für die Bevölkerung zurückerobern und hat dort Gemüsegärten angelegt. In der Karlsaue hat Fiona Hall in ihrer eindrucksvollen Jagdhütte bedrohte Tiere aus Militärutensilien und Zivilisationsmüll gebaut.

Mit Tieren, Pflanzen und Erde arbeitet auch Pierre Huyghe in der Karlsaue. Er hat eine Landschaft gestaltet, die eine (allerdings schwer entschlüsselbare) Geschichte erzählen soll.

Ein atmosphärischer Höhepunkt in der documenta-Halle sind Räume von Moon Kyungwon und Jeon Joonho. Sie haben mit befreundeten Künstlern einen eleganten, optisch von klassischen Science-Fiction-Filmen inspirierten Blick in die Zukunft geworfen. Auf einem riesigen Foto des vom Erdbeben zerstörten japanischen Orts Sanriku baut Toyo Ito winzige Modelle von neuen Häusern und Parks: bunte Lebenszeichen in der Ödnis.

Und die Forscherin in einem futuristischen Labor in Moons und Jeons Video erlebt ihren größten Glücksmoment, als sie vor einer Wand voller Pflanzenproben steht: Wieder eine Arche des Lebens.

Von Bettina Fraschke

Quelle: mydocumenta

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