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Experte über Antisemitismus auf der documenta: „Hier wird aus Kunst Propaganda“

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Von: Matthias Lohr

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Umstritten: Mohammed al Hawajris Zyklus „Guernica Gaza“ bringt Israels Besatzungspolitik in Zusammenhang mit dem deutschen Luftangriff auf die spanische Stadt Guernica 1937. Die Arbeiten sind im Ausstellungsort WH22 in der Werner-Hilpert-Straße zu sehen.
Umstritten: Mohammed al Hawajris Zyklus „Guernica Gaza“ bringt Israels Besatzungspolitik in Zusammenhang mit dem deutschen Luftangriff auf die spanische Stadt Guernica 1937. Die Arbeiten sind im Ausstellungsort WH22 in der Werner-Hilpert-Straße zu sehen. © Pia Malmus

Der Kunsthistoriker Andreas Mertin klagt, dass die documenta aus Kunst Propaganda macht. Trotzdem verteidigt der Experte die Kasseler Kunstschau gegen ihre Kritiker.

Kassel – Der Kulturwissenschaftler Andreas Mertin aus Hagen besucht seit Jahrzehnte die documenta. Diesen Mittwoch spricht er im Sara-Nussbaum-Zentrum für Jüdisches Leben unter dem Titel „Wenn Bilder töten“ über umstrittene documenta-Kunstwerke – insbesondere über den Gaza-Guernica-Zyklus von Mohammed al Hawajri. Wir sprachen mit Mertin.

Warum ist der Gaza-Guernica-Zyklus von Mohammed al Hawajri für Sie problematisch?

Es ist diskutabel, weil man nicht unmittelbar sagen kann, dass es antisemitisch ist – wie etwa das Banner „Peoples’s Justice“ von Taring Padi auf dem Friedrichsplatz. Man muss genau hinschauen, um herauszufinden, was der Künstler eigentlich macht. Er verbindet Meister der Kunst mit „Meistern des Krieges“, wie er es ausdrückt. Humanistische Bilder der Kunstgeschichte werden mit Photoshop zerlegt. In diese Bilder werden Soldaten der israelischen Verteidigungsstreitkräfte montiert. Die Botschaft lautet: Alles, was für Humanität steht, wird durch Israel zerstört. Ich glaube nicht, dass das Werk deshalb schon antisemitisch ist. Aber Israel wird hier als das Böse dargestellt. Damit ist der Gaza-Guernica-Zyklus exemplarisch für palästinensische Propaganda.

Neben Mohammed al Hawajri kritisieren auch andere Künstler die israelische Besatzungspolitik in den Palästinensergebieten. Ist das nicht legitim?

Das ist völlig legitim. Trotzdem kann man kritisieren, dass nur die Opfer der einen Seite dargestellt werden, nicht die der israelischen Seite. Hier wird aus Kunst Propaganda gemacht. Es stellt sich die Frage: Wie konnte aus der documenta eine Propagandaausstellung werden? Kuratoren sorgen doch sonst immer für eine Vielzahl an Perspektiven.

Das ist so gewollt von Ruangrupa. Diese documenta ermöglicht den viel zitierten Blick aus dem „Globalen Süden“.

Aber der „Globale Süden“ ist nicht per se antisemitisch. Laut dem Antisemitismusindex der Anti-Defamation League weisen beispielsweise auf den Philippinen nur 3 Prozent der Bevölkerung antisemitische Einstellungen auf. In Deutschland sind es 15 Prozent. Und trotzdem zeigt das Kollektiv „Subversive Film“ bei der documenta auf dem Hübner-Areal Filme von Terroristen, die für das Abschlachten von Israelis verantwortlich sind – beim Massaker 1972 am israelischen Flughafen Lod, das 26 Menschenleben forderte. Auf der documenta-Seite heißt es dazu: „Indem es die bewegten Bilder wieder in Umlauf bringt, reaktiviert Subversive Film mit Bedacht heutige Solidaritäts-Konstellationen und reflektiert die Utopie einer weltweiten Befreiungsbewegung.“ Wie kann das sein?

Das Taring-Padi-Banner „People’s Justice“ ist längst abgebaut. Wo sehen Sie heute noch antisemitische Kunst auf der documenta?

Ich sehe nur antizionistische Werke – wie etwa den Gaza-Guernica-Zyklus. Das Banner von Taring Padi auf dem Friedrichsplatz hätte ich übrigens nicht abgebaut. Man hätte darüber diskutieren müssen. Es findet leider zu wenig Diskurs statt.

Sie kritisieren, dass Juden als Schweine dargestellt werden. Im Werk von Taring Padi werden aber fast alle gesellschaftlichen Gruppen als Schweine oder Ratten dargestellt. Warum ist die Entmenschlichung von Juden antisemitisch, von anderen Menschen aber okay?

Das Problem ist hier etwas anderes. Die Frage ist, warum hier jemand herausgegriffen wird. Das indonesische Suharto-Regime wurde von vielen internationalen Geheimdiensten unterstützt. Der israelische Mossad hat hier allerdings keine große Rolle gespielt. Anders als etwa der bundesdeutsche BND, der auf dem Banner aber gar nicht auftaucht. Das ist ein Doppelstandard. An Israel werden andere Maßstäbe angelegt. Dass dann noch ein jüdischer Bürger mit SS-Runen auf dem Hut dargestellt wird, ist nicht mehr erklärbar. Ich glaube, Taring Padi und Ruangrupa wussten, was sie da machen.

Der israelische Soziologe Moshe Zuckermann spricht angesichts der aus seiner Sicht überzogenen Antisemitismusvorwürfe von einem „rein deutschen Eklat“. International wird die documenta gefeiert, hierzulande wird sie von Kritikern als „Antisemita“ denunziert. Könnte Zuckermann recht haben?

Ich denke schon. Seit Januar wurde mit sehr vergifteten Argumenten gegen die documenta gehetzt. Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank hat schon früh darauf hingewiesen, dass zwischen Antisemitismus, Antizionismus, also der Ablehnung des jüdischen Staates, und berechtigter Kritik an der israelischen Politik nicht mehr unterschieden wird. Ich habe viele jüdische Freunde, die die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus unterschrieben haben, laut der legitime Israelkritik nicht antisemitisch ist. Die tauchen in der Debatte hierzulande nun als Böse auf. Das alles finde ich problematisch. Wir brauchen eine Versachlichung der Debatte. Dazu soll auch die Veranstaltung am Mittwoch beitragen.

Kuratoren und Künstler haben Angst vor einer Zensur, wenn externe Berater alles begutachten wollen, wie das gerade vorgestellte Gremium angekündigt hat. Verstehen Sie die Angst vor einer Einschränkung der Kunstfreiheit?

Das ist vermutlich ein Kommunikationsproblem. Gegen ein Beratungsgremium ist wenig einzuwenden. Bei den Kuratoren muss jedoch das Gefühl entstehen, dass ihnen ein kunstfernes Gremium vorgeschaltet wird. Das kann natürlich nicht sein. Und das kann niemand wollen. Staatliche Institutionen dürfen niemals entscheiden, welche Kunst zu sehen ist und welche nicht. Sonst werden Kunstliebhaber in Zukunft zur Biennale nach Venedig fahren und nicht nach Kassel. Entscheidungen dürfen nur die Kuratoren treffen. Die wiederum sollten aber offen für Gespräche sein.

Wie oft waren Sie diesen Sommer auf der documenta?

Insgesamt war ich elf Tage in Kassel. Meine Studenten, mit denen ich hingefahren bin, waren allesamt sehr angetan – vor allem die, die zum ersten Mal in Kassel waren. Es gibt so viele bedeutende und wichtige Arbeiten, über die man nachdenken sollte. (Matthias Lohr)

Vortrag „Wenn Bilder töten“ von Andreas Mertin am Mittwoch (18 Uhr) im Sara-Nussbaum-Zentrum für Jüdisches Leben, Ludwig-Mond-Straße 127. Eintritt frei, Spenden erbeten. Mitveranstalter ist die Jüdische Gemeinde, Kooperationspartner ist die Deutsch-Israelische Gesellschaft.

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