Neues Kunstforum-Sonderband zur documenta 13: „Horizont bis zu Blumentöpfen“

Zu allererst ist die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Kunstforum, die gerade erschienen ist, das bessere Logbuch der documenta 13. Für das über 400 Seiten starke Magazin hat Wolfgang Träger die Ausstellung bis in alle versteckten Winkel der Karlsaue und im Stadtraum systematisch fotografiert. Bei größeren Installationen bietet es jeweils mehrere Aufnahmen.

Vor allem aber gibt es für jedes „venue“, wie die Standorte neudeutsch gern genannt werden, einen präzisen Lageplan mit kleinen Fotos eines jeden Werks, was zur optimalen Orientierung verhilft. Susanne Boecker steuert kurze „Wahrnehmungshilfen und Kommentare“ bei, die die Künstler (von denen einige auch abgebildet sind) vorstellen und ihren documenta-Beitrag einordnen. All das ist erhellend und hilfreich.

Zusätzlich zum umfangreichen Bildteil stellt Kunstforum-Autor Heinz-Norbert Jocks in Interviews einige Künstler ausführlich vor: Llyn Foulkes, Thomas Bayrle, Ida Applebroog, Amar Kanwar, Robin Kahn und Anton Vidokle. Mit d13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev und ihrer „Agentin“ Chus Martinez unterhält er sich über die Standorte Kabul und Kairo. Gregor Schneider, dessen parallele Schau in Kassel nicht zustande kam, äußert sich zu „Fouls der documenta“.

In zwei Aufsätzen bewertet „die Zeitschrift für alle Bereiche der Bildenden Kunst“ die documenta 13. Amine Haase vergleicht sie mit der gleichzeitig stattfindenden Manifesta 9 in Genk (Belgien), schlägt vor allem beschreibend Schneisen, lobt einige „Zauberstücke“ und kommt zum Schluss: „Das, was bislang als Kunst bezeichnet wird, verschwindet mehr und mehr.“ Zugunsten der Wirklichkeit, des Lebens, der Bienen, Schmetterlinge, Bäume.

Härter geht Michael Hübl mit der documenta ins Gericht. Die „Vogue“-Ausgaben im „sensationslüsternen Arrangement“ in der Rotunde geben ihm das Stichwort. Die d13 sei eine als Kunst- und Welterklärungsveranstaltung getarnte, überzogene Variante des Modells „Illustrierte“. Ein paar Häppchen von allem, für jeden etwas, auch ein bisschen Nervenkitzel, Sex & Crime, aber als bunte, leicht konsumierbare Mischung. Vielerorts erkennt er einen „Hang zur Gesamtverniedlichung“ und „Schrebergartenweltbilder“.

Alles Komplizierte werde auf ein überschaubares, handliches Maß zurechtportioniert. Entwürfe einer besseren Welt seien „auf den Horizont von Blumentöpfen beschränkt“. „CCB“ trumpfe mit grandios aufgeblähten Formeln auf, werfe mit grobschlächtigen Analysehappen um sich: „Sie mögen in einzelnen Objekten und Installationen Resonanz finden - die fehlende intellektuelle Konsistenz der Ausstellung verhüllen sie allenfalls notdürftig.“

Kunstforum international, Bd. 217, 412 S., 20 Euro, erhältlich u. a. in der Buchhandlung Walther König auf dem Friedrichsplatz, www.kunstforum.de

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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