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Kritik an Berichterstattung über documenta: Hysterische Schlagzeilen und Empörungsjournalismus

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Von: Matthias Lohr

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Umstrittene Kunst: Im Hübner-Areal werden die Filme des Kollektivs Subversive Film gezeigt.
Umstrittene Kunst: Im Hübner-Areal werden die Filme des Kollektivs Subversive Film gezeigt. © Dieter Schachtschneider/NH

„Antisemita“ und „documenta der Schande“: So schrieben deutsche Medien über die Kunstschau. Ex-“Geo“-Chef Peter-Matthias Gaede kritisiert den Empörungsjournalismus seiner Kollegen.

Kassel – Der aus Nordhessen stammende Journalist Peter-Matthias Gaede hat sich immer wieder mit der documenta beschäftigt. Für „Geo“, dessen Chefredakteur er später war, berichtete er 1992 über die documenta 9. Vor fünf Jahren veröffentlichte er eine große Reportage über die documenta 14 im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“. Und für das Kunstmagazin „art“ schrieb er über die Kulturstadt Kassel jenseits der documenta. Diesen Sommer hat sich Gaede mehrmals in die Debatte um die documenta fifteen eingeschaltet. So kritisierte er in einem Offenen Brief „Spiegel“-Redakteur Alexander Neubacher, der die documenta eine „Horrorshow“ genannt hatte, ohne in Kassel gewesen zu sein. Wir sprachen mit dem 71-Jährigen über die mediale Wahrnehmung der Kunstschau.

Herr Gaede, der „Spiegel“ schrieb diesen Sommer von der „Antisemita“. Die „Bild“ titelte die „documenta der Schande“. Ist dieses negative Presse-Echo berechtigt?

Ich setze mich vermutlich der Gefahr aus, zu den Verharmlosern des Antisemitismus gerechnet zu werden. Aber solche Schlagzeilen halte ich für überzogen. Schon der noch vor Eröffnung kursierende Vorwurf, die Nichtberücksichtigung israelischer Künstler sei ein Beleg dafür, dass dem Antisemitismus in Kassel Tür und Tor geöffnet würden, hat nicht berücksichtigt, dass es hier nicht um die Diffamierung eines einzelnen Staates ging, sondern darum, dass dies eine documenta nahezu ausschließlich mit Stimmen der Peripherie war, mit den Stimmen der Marginalisierten. Israel ist dem reichen globalen Nordwesten zugeordnet worden, nicht ganz ohne Grund. Also eher Europa, wozu es ja auch Sportverbände zählen. Die Repräsentanz der palästinensischen Stimmen dagegen hat sich eingereiht in das, was die documenta von Sinti und Roma, von Aborigines, von Künstlern mit anderen Unterdrückungserfahrungen erzählen wollte, seien sie aus Vietnam oder Kuba.

Schon vor Eröffnung gab es Kritik an der documenta, weil viele rund um das Kuratoren-Team als Unterstützer der Israel-Boykott-Bewegung BDS gelten – wie generell viele im Kulturbetrieb und übrigens auch bei der documenta vor fünf Jahren.

Erstens: Wie viele wirklich relevante unter den etwa 1500 Beteiligten haben eine solche Petition unterschrieben? Und zweitens: Wie oft hat sich eine solche Unterschrift in den bei der documenta zu sehenden Werken manifestiert? Bei dem grauenvollen Antisemiten Richard Wagner wird zwischen diesem schrecklichen Mann und seinem als genialisch gefeierten Werk unterschieden, bei der documenta hat schon der Verdacht einer BDS-Nähe gereicht, noch ein Schattenspiel von Blüten zu Flötenmusik unter einer vermeintlichen „Antisemita“ zu subsumieren. Ja, auf einem halben von etwa 100 Quadratmetern gab es ein grauenvolles antisemitisches Motiv im „Stürmer“-Stil zu sehen, das niemals hätte gezeigt werden dürfen. Und bis zuletzt gab es dieses antiisraelische Potpourri von Propagandafilmen aus der Terrorecke. Es war Archivmaterial. Wenn man es schon zeigt, hätte man es erklären müssen. Hätte man es einordnen müssen. Hätte man sagen müssen, was es im Jahr 2022 noch sagen soll und will. Das ist nicht geschehen. Aber reicht das, eine gesamte documenta so reflexhaft unter Generalverdacht zu stellen? Reicht das für die lärmenden Headlines? Wohltuend davon abgehoben haben sich nur die, die sich der Mühe unterzogen haben, sich der gesamten documenta und auch ihren Ambivalenzen zu widmen. Die HNA hat da Vorbildliches geleistet, finde ich, differenziert und informiert. Und auch die Kunstmagazine „art“ und „Monopol“.

Wie entsetzt waren Sie über das antisemitische Taring-Padi-Banner auf dem Friedrichsplatz?

Bei den Preview-Tagen, als ich erstmals dort war, hing es noch nicht. Interessant finde ich die – auch jüdischen – Stimmen, die es sogar nicht ausschließen wollten, man hätte es nicht so schnell abbauen sollen. Womöglich hätte das eine offenere Debatte provoziert. Eine Konfrontation, die noch stärker zu einer Bewusstmachung antisemitischer Stereotypen geführt hätte. Aber eben unter Beteiligung des Publikums, nicht nur des Feuilletons.

Viele Besucher, vor allem internationale Gäste, sind anders als das deutsche Feuilleton, angetan von der documenta. Im Ausland gab es kaum negative Presse. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Wir waren die Täter, wir haben den Holocaust zu verantworten. Und allein 2021 sind etwa 2700 antisemitische Vorfälle in Deutschland zu vermelden gewesen. Das sollte schwer auf uns lasten. Aber statt sich damit auseinanderzusetzen, hat man an der documenta so eine Art Ersatzreinigung vorgenommen. Das war einfacher und kostet nicht so viel.

Viele deutsche Medien berichteten nicht nur undifferenziert, sondern verbreiteten auch falsche Fakten. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb, die documenta werde mehrheitlich vom Bund finanziert. Die FAZ machte die jüdische Kuratorin Emily Dische-Becker zur Antisemitin und befragte sie nicht einmal zu ihren Vorwürfen. Was sagt das alles aus über den deutschen Qualitätsjournalismus?

Na ja, nichts Gutes. Es scheinen sich viele aufs Hörensagen zu verlassen und zu wenig auf eigene Anschauung. Empörungsjournalismus verschafft Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist geldwertes Zahlungsmittel. Wer alles hat sich zur documenta geäußert – und wer war wirklich da?

Sie selbst kritisierten den Kulturausschuss der Stadt Hannover, der wegen des Antisemitismus-Vorwurfs einen Besuch in Kassel absagte. Auch viele Politiker, die die documenta verurteilten, waren nicht oder erst spät in Kassel. Woher kommt dieser fehlende Wille, sich mit etwas auseinanderzusetzen?

Symbolhandlung ist simpler als Diskussion. Gefestigte Bilder sind bequemer, als es die Bereitschaft ist, auf Zwischentöne zu hören. Gilt leider auch für die Medien. Die Verliebtheit in eine These war hier einfach größer als die Neigung, neugierig zu sein und sich auf das Ganze einzulassen.

Klar ist, dass auf dieser documenta viel schiefgelaufen ist. Welche Fehler haben Ruangrupa und die Leitung gemacht?

Es kam mir teilweise wie ein Versteckspiel vor. Nicht nur Ruangrupa schien mir hilflos und überfordert zu sein. Auch indonesische Kuratoren, mögen sie aus einer komplett anderen Welt kommen, müssten wissen, welche antisemitischen Klischees es gibt. Da reicht nicht das Sich-Verschanzen hinter der Kunstfreiheit. Vermisst habe ich auch die Stimmen der Findungskommission.

Ein Mitglied der Findungskommission, Philippe Pirotte, klagte zuletzt, dass es in Deutschland kaum mehr möglich sei, die Besatzungspolitik Israels zu kritisieren, weil dies schnell als antisemitisch gebrandmarkt werde. Ist dies eine Erkenntnis dieser documenta?

Es wird ja immer wieder beteuert, dass man Israel selbstverständlich kritisieren dürfe. Aber ich habe gerade im Zusammenhang mit der documenta keine einzige Äußerung vernommen, wo die Kritik an der Politik des Staates Israel nicht eben doch mit nichts anderem als Antisemitismus gleichgesetzt wurde. Da sind die israelischen Intellektuellen viel weiter als wir. Ich finde manche Schlagzeile bei uns dagegen vergleichsweise hysterisch.

Das Junge Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft meinte, im Bild einer mit dicken Lippen und großer Nase ausgestatteten Figur im Hallenbad Ost einen weiteren Beleg für ein antisemitisches Klischee gefunden zu haben. Die Mütze dieser Figur, die man für eine Kippa hätte halten können, wurde von Taring Padi überklebt – aus Angst vor neuen Vorwürfen.

Und die Medien hatten den nächsten Skandal. Es handelte sich aber um Petruk, eine Figur aus dem javanesischen Puppenspiel. Und die Kippa war eine islamische Gebetsmütze. Diese documenta ist wirklich tragisch. In Kritik und Gegenkritik. Ruangrupa antwortet unterkomplex und nur mit dem Vorwurf, man werde rassistisch beleidigt. Diese documenta war einfach voller Tretminen. Dabei hätte sie so viele wichtige Debatten anstoßen können.

Der schärfste Kritiker der documenta war sicher der Grünen-Politiker Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, der einen Neuanfang in einer anderen Stadt forderte.

Das halte ich für eine völlig haltlose Position. Sie impliziert, dass der Antisemitismus, den er ja angeblich glasklar erkannt hat, in Kassel wohne. Und sie bedeutet wohl, dass Beck in Kassel, im Aufsichtsrat oder in der Geschäftsführung ein Nest von Antisemiten vermutet. Und eher auf Chemnitz, Passau oder Halle vertrauen würde.

Wie werden Sie die documenta 15 in Erinnerung behalten?

Sie war eine deftige Absage an all das, was wir bislang gesehen haben. Ohne Ehrfurchtserzeugung vor den Werken einzelner Künstler. Kunstversuch als soziale Aktion, als Suchfeld, als Agit-Prop, als Kollektivwerk von Amateuren, als Hilferuf. Ich war nicht unbedingt beeindruckt von allem aus dem „Globalen Süden“, finde es aber spannend, wie viele Menschen er angelockt und berührt hat. Es war eine documenta mit niedriger Eintrittsschwelle. Und man sollte darüber nachdenken und ihr anrechnen, warum das so war. Es sind ja nicht Neonazis aus Cottbus in Bussen angereist.

Was muss sich nach dieser documenta ändern?

Keine Ahnung. Sie ist so angelegt, dass sie jedes Mal anders ist. Und bislang hat sie es fast immer geschafft, zum Skandal zu werden. (Matthias Lohr)

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