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Neuer documenta-Geschäftsführer: Inhaltliche Entscheidungen fällen nur Ruangrupa

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Von: Matthias Lohr, Bettina Fraschke

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Nachfolger von Sabine Schormann bei der documenta: Alexander Farenholtz ist Interims-Geschäftsführer.
Nachfolger von Sabine Schormann bei der documenta: Alexander Farenholtz ist Interims-Geschäftsführer. © Fischer, Andreas

Nach dem Antisemitismus-Eklat soll Alexander Farenholtz die documenta aus der Krise führen. In die Arbeit des Expertengremiums will er sich in Kassel nicht einmischen.

Kassel – Alexander Farenholtz war schon im Ruhestand. Doch nach der Trennung zwischen der documenta und deren Generaldirektorin Sabine Schormann infolge des Antisemitismus-Eklats wurde der 68-Jährige diese Woche als Interims-Geschäftsführer präsentiert. Wir fragten den ehemaligen Verwaltungsdirektor der Bundeskulturstiftung, wie er die documenta aus der Krise führen will.

Als zuletzt über einen möglichen Weggang von Sabine Schormann diskutiert wurde, hörte man von manchen Kulturpolitikern, es sei nicht leicht, einen Nachfolger zu finden, wer wolle diesen Job jetzt schon machen? Warum wollen Sie diesen Job jetzt machen?

Ich habe ihn nicht aktiv angestrebt. Eigentlich hatte ich mich auf einen anderen Lebensabschnitt vorbereitet, nachdem ich im Januar in den Ruhestand gewechselt war.

Unmittelbar vor der letzten Sitzung des Aufsichtsrates vorige Woche Freitag wurde ich jedoch gefragt, ob man mich ansprechen dürfe, wenn es ernst würde. Mit meiner Biografie kann man so eine Frage nicht abweisen. Die documenta ist für mein Leben sehr wichtig gewesen.

Documenta 15 in Kassel: Oberbürgermeister Christian Geselle rief mitten in der Nacht an

Wie lange mussten Sie überlegen, nachdem es ernst geworden war?

Noch spät in der Nacht der Aufsichtsratssitzung rief mich Oberbürgermeister Christian Geselle an. Da schlief ich schon. Wir telefonierten dann am nächsten Morgen, und am Sonntag haben wir sehr offen in Kassel gesprochen. Er hat mir die Beschlusslage dargelegt.

Danach musste ich nicht mehr lange überlegen. Bis zum Ende der Ausstellung werde ich gern helfen, wo ich helfen kann. Dass ich auch danach Geschäftsführer bleibe, entspricht nicht meiner Lebensplanung.

Wie hatten Sie bis dahin als Außenstehender die documenta fifteen, die Antisemitismus-Debatte und das Krisenmanagement wahrgenommen?

Dankenswerterweise war ich zu den Preview-Tagen eingeladen. Wahrscheinlich habe ich die Ausstellung ausführlicher gesehen als die Mehrzahl der Mitarbeitenden, weil sie bis über die Halskrause voll mit Arbeit sind. Ich fand die documenta fifteen hinreißend – vielleicht wie kein anderes Kunstprojekt.

Und ich habe wirklich einiges gesehen in den vergangenen 20 Jahren. Als dann das Vorkommnis um das Banner von Taring Padi öffentlich wurde, war ich fassungslos.

Skandal bei der documenta 15: Von außen war das Krisenmanagement in Kassel schwer zu beurteilen

Wie bewerten Sie das folgende Krisenmanagement, das in der Verärgerung des Antisemitismus-Experten Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank gipfelte, der sich als Berater zurückzog, bevor er begonnen hatte?

Von außen konnte man das Krisenmanagement nicht beurteilen. Es wäre normal gewesen, wenn das Taring-Padi-Banner ein oder zwei Wochen für Schlagzeilen gesorgt hätte.

Aber die Diskussion hat sich in einer Weise selbst beschleunigt, dass alle anderen Aspekte der Ausstellung in den Hintergrund traten. Das fand ich bemerkenswert. Ich weiß nicht, wie man das anders hätte steuern sollen.

Frau Schormann stand im Fokus wie keiner ihrer Vorgänger.

Diese Rollenverteilung war für mich eine neue Erfahrung im Umgang mit den Medien. Bislang war die Kuratorin oder der Kurator künstlerisch für die documenta verantwortlich. Die Geschäftsführung spielte nur eine untergeordnete Rolle. Nun aber wurde Frau Schormann zum Gesicht der documenta.

Noch vor fünf Jahren wäre das undenkbar gewesen. Da war der Kurator Adam Szymczyk der Böse, der Kassel angeblich die documenta wegnahm. Nun kuratiert mit Ruangrupa erstmals ein Kollektiv. Es ist etwas anderes, wenn sie eine heterogene Gruppe haben. Es ist leichter, eine Einzelperson in den Fokus zu nehmen. Da kann man Frau Schormann keinen Vorwurf machen.

Documenta 15: Antisemitismus-Vorwurf ist schwerwiegend - Alle 5 Jahre wird die Ausstellung in Kassel neu erfunden

Der Antisemitismus-Vorwurf ist schwerwiegend.

Die documenta muss sich alle fünf Jahre neu erfinden. Aus einem winzigen Team wird etwas ganz Großes. Jede Künstlerische Leitung kann die Ausstellung neu erfinden. Das macht den Charme der documenta aus. Wenn aber plötzlich gesellschaftspolitische Fragen auftauchen wie nun das Thema Antisemitismus, ist sie darauf nicht vorbereitet.

Darum finde ich die Entscheidung des Aufsichtsrats klug und weise. Stadt und Land als Gesellschafter nehmen sich des Themas an und sagen: Dieses Problem ist nicht allein in 100 Tagen zu behandeln. Die Federführung übernehmen wir.

Wie schwierig ist es, mitten in einer laufenden Ausstellung die Geschäfte zu übernehmen?

Das kann ich noch nicht sagen. Ich springe auf einen fahrenden Zug auf. Viele der super Kollegen und Kolleginnen habe ich bereits kennengelernt. Normalerweise ist es bei einer documenta so: Es ist jedes Mal eine wahnsinnige Anstrengung, alles vorzubereiten.

Nach der Eröffnung gibt es Lob sowie Kritik und manchmal auch Verrisse, das Publikum ist aber meistens begeistert. Letzteres ist auch diesmal der Fall. Nach den Eröffnungen wurde es immer ein traumhafter Sommer. Dieses Mal aber wurde nach dem Start alles dramatischer.

Neuer Geschäftsführer documenta 15: So waren die ersten Tage

Wie waren Ihre ersten Tage im Amt?

Nach meiner Ankunft am Dienstag gab es direkt eine kleine Runde mit Ruangrupa, dem Artistic Team und anderen Mitarbeitenden. Am Mittwoch haben wir uns nachmittags im Innenhof des Fridericianums mit Ruangrupa getroffen. Sie sind so herzerfrischend, nehmen einen in den Arm und sagen: „Hallo Alex.“

Man fühlt sich sofort gut aufgehoben. Aber natürlich gibt es auch direkt viel zu besprechen. Sie wenden sich an mich, wenn jemand kein Visum bekommen hat oder das Fenster in einer Unterbringung kaputt ist. Dafür müssen wir Routinen finden.

Nun soll es ein externes Expertengremium geben, das kritische Kunstwerke begutachtet. Wer werden diese Experten sein?

Das ist eine gute Frage. Die Besetzung und die Finanzierung dieser fachwissenschaftlichen Begleitung ist Sache der Gesellschafter. Das ist eine gute Entscheidung.

Sonst heißt es nachher, wir hätten selbst die Expertinnen und Experten ausgesucht. Es werden hochkarätige Leute sein. Auf ihre Arbeit bin ich genauso gespannt wie Sie.

Nur noch unbedenkliche Kunst in Kassel: Documenta 15 wird begutachtet

Wird Meron Mendel dabei sein?

Nein, er hat dies abgelehnt.

Bislang haben Juristen kritische Werke begutachtet. Was kam dabei heraus?

Für als kritisch geltende Werke gibt es juristische Gutachten – oder sie werden gerade erstellt. Bislang heißt es in allen Fällen, dass die Kunstwerke unbedenklich sind.

Ruangrupa fürchten offenbar eine Zensur, wenn Werke abgebaut werden sollten. Konnten Sie ihnen diese Angst nehmen?

Ich habe es zumindest versucht. Klar ist: Von uns als Geschäftsführung wird es keine Entscheidungen über Inhalte der Ausstellung geben. Entscheidungen fällen lediglich Ruangrupa.

Manche Kritiker fordern eine Gesinnungsprüfung, weil einige Künstler und Kuratoren israelkritisch seien. Wie reagieren Sie auf solche Forderungen?

Mich interessiert überhaupt nicht, was jemand zuhause denkt. So etwas darf sich nicht auf eine Ausstellung auswirken. Kein Land außer Deutschland kenne ich so gut wie Israel, wo ich seit 1972 regelmäßig bin. Auch deshalb besorgen mich empirische Berichte, wonach die Präsenz von israelischen Künstlern bei internationalen Ausstellungen radikal zurückgegangen sei.

Das ist ein frappierendes Ergebnis. Das alles hat aber nichts mit der documenta zu tun. Ade Darmawan hat im Kulturausschuss des Bundestags dargelegt, dass es jüdische Beteiligte und Beteiligte aus Israel bei der documenta fifteen gibt.

Israelfeindlichkeit bei der documenta 15?

Wie reagieren Sie auf die immer wieder heftige Kritik nicht nur der Springer-Presse, die documenta-Künstlern und -Kuratoren Israelfeindlichkeit vorwirft?

Bestimmte Autoren haben offensichtlich die Vorstellung, dass angebliche Vorurteile der Künstlerischen Leitung dafür verantwortlich seien, welche Künstlerinnen und Künstler hier in Erscheinung treten. Diesen Leuten antworte ich immer: Ich habe nichts dagegen, dass die documenta einseitig, unausgewogen und parteiisch ist.

Die documenta ist nicht mehr das Museum der 100 Tage, von dem Arnold Bode gesprochen hat. Sie ist kein enzyklopädisches und ausgewogenes Museum, sondern etwas, das einem gefallen kann oder nicht.

Angekündigt war auch ein Begegnungsstand auf dem Friedrichsplatz zum Thema Antisemitismus mit der Bildungsstätte Anne Frank. Wird es diesen geben?

Ja, dazu habe ich gerade ein ausführliches Gespräch geführt. Es wird einen Container der Bildungsstätte geben.

Wie soll der Dialog über Antisemitismus fortgesetzt werden?

Auch das ist in der Hand der fachwissenschaftlichen Begleitung, die der Aufsichtsrat beschlossen hat. Wir werden nicht dazwischen fummeln.

Documenta 15 in Kassel: Was wird am Ende bleiben?

Sie haben Ihren Posten im Aufsichtsrat als Vertreter der Bundeskulturstiftung 2018 mit Hortensia Völckers verlassen. Sollte der Bund wieder mehr Einfluss nehmen? Oder könnte er sich zurückziehen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die documenta ganz ohne Beteiligung aus dem Bund stattfinden kann. Finanziell ginge das sicher. Aber die documenta ist mehr als eine Kunstausstellung.

Sie ist ein Stück deutscher Geschichte. Darum sollte auch der Bund eine Rolle spielen. Das wäre ein wichtiges Signal. Übrigens hat der Bund keine Rolle bei meinem jetzigen Engagement in Kassel gespielt. Angesprochen wurde ich von der Stadt.

Welche Schlagzeile würden Sie gern am 25. September über die zu Ende gegangene documenta fifteen und sich lesen?

Über mich würde ich am liebsten gar nichts lesen. Ich bin auch nicht so gut im Formulieren von Schlagzeilen. Schön wäre aber, wenn wir wieder mehr zusammenkommen würden. (Matthias Lohr, Bettina Fraschke)

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