d (13)- Künstlerin Chiara Fumai: „Ich verkörpere die Freaks der Zukunft“

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Spaß am Anderssein: Chiara Fumai (links) erzählte Anna und den anderen Teilnehmern ihres Kinderworkshops im Dock 4 das Märchen von der bärtigen Annie.

Kassel. documenta-Künstlerin Chiara Fumai zelebriert das Anderssein. In ihren Performances tritt sie als bärtige Dame Annie Jones auf, eine Zirkusattraktion vor 100 Jahren.

Diese Ausbrüche vor Publikum sollen nur für Erwachsene sein, den Kindern erzählt sie die Geschichte als Märchen von der bärtigen Annie – in dieser Woche auf einem Workshop im Dock 4. Auch dort gibt es Hexen, Frösche und Prinzen. Trotzdem ist alles anders: Der Frosch will nicht zurückverwandelt werden, und die Hexe ist Performance-Künstlerin.

Frau Fumai, hat schon mal jemand mit Ihnen geflirtet, während Sie als Annie Jones Ihren Bart tragen?

Chiara Fumai: Ja, das ist schon passiert. Ich bekomme jede Art von Reaktion: Furcht, Wut, Begeisterung, alles.

Woher kommt die Faszination für eine bärtige Dame? Annie Jones hat im 19. Jahrhundert viele Bewundererbriefe bekommen – auch erotische.

Fumai: Sex ist immer Teil unseres Wesens. Kunst ist ein Ausdruck der Libido an sich, dazu muss sie nicht explizit sexuell sein. Die Briefe an Annie haben aber verschiedene Inspirationen, nicht nur erotische. Manche sind Briefe voll Neid, Herausforderung, Dank oder es sind Beichtbriefe.

Wann haben Sie angefangen, sich für Frauen zu interessieren, die als Freaks wahrgenommen wurden?

Fumai: Ich verkörpere die Freaks der Gegenwart und Zukunft. Meine Kunst ist eine Freakshow. Ich brauche eine Gestalt, in die ich schlüpfen kann, aber es geht mir nicht um historische Vorbilder. Meine Performance ist ganz und gar heutig.

Sie nennen sich eine radikale Feministin. Was heißt das?

Fumai: Es heißt nicht, dass ich weniger Frau bin, dass ich Penisneid habe oder ein Mann sein will. Im Gegenteil: Ich bin doppelt so viel Frau, in jeder denkbaren Form, in sprachlicher, theologischer und kultureller Hinsicht.

Wie kann man eine solch radikale Position an Kinder vermitteln?

Fumai: Meine Performances sind nichts für Kinder. Deshalb erzähle ich das Märchen der bärtigen Annie. Ich spiele mit den Erwartungen, weil bekannte Figuren vorkommen, aber dann verwandeln sie sich in etwas anderes. Die Botschaft ist: So sein wie die anderen ist kein Wert. Annie ist zum Schluss etwas ganz Besonderes, eine Performance-Künstlerin auf der documenta. Einzigartigkeit ist der Wert. Oder soll man etwa das Märchen von Aschenputtel erzählen? Dass der Wert des Mädchens an ihren Füßen gemessen wird?

Wie reagieren die Kinder auf ihre Geschichten?

Fumai: Sehr gut. Sie haben noch nicht die Probleme und Vorurteile, die uns die Gesellschaft einflößt. Sie haben keine Angst vor dem Monster.

Warum kommt Menschen diese Toleranz irgendwann abhanden?

Fumai: Kinder sind noch nicht von der Kultur beeinflusst. Es liegt alles an der Erziehung. Und Kunst ist das Gegenteil von Erziehung. Deshalb kann Kunst helfen, Offenheit zu bewahren.

Keiner würde heute noch eine Frau mit Bart im Zirkus angaffen. Aber es gibt die Casting-Sendungen im Fernsehen, in denen skurrile Erscheinungen vermarktet werden. Ist das Konzept Freakshow noch aktuell?

Fumai: Ich glaube nicht, dass Freakshows etwas Schlechtes sind. Der Freak hat die Macht, er gestaltet die Welt. Er soll sich zeigen.

Von Saskia Trebing

Quelle: mydocumenta

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