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documenta-Geschäftsführer über Antisemitismus-Streit: „Es war ein Fehler von beiden Seiten“

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Von: Matthias Lohr, Bettina Fraschke

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Löste im Juli Generaldirektorin Sabine Schormann ab: documenta-Geschäftsführer Alexander Farenholtz
Löste im Juli Generaldirektorin Sabine Schormann ab: documenta-Geschäftsführer Alexander Farenholtz © Nicolas Wefers

Nach dem Antisemitismus-Eklat sollte Geschäftsführer Alexander Farenholtz die documenta aus der Krise führen. Trotzdem gab es bis Ende negative Schlagzeilen. Hier zieht der scheidende Chef Bilanz.

Kassel – An diesem Freitag ist der letzte Arbeitstag von Alexander Farenholtz als Interims-Geschäftsführer der documenta. Nach dem Antisemitismus-Eklat war der ehemalige Verwaltungsdirektor der Bundeskulturstiftung Mitte Juli als Nachfolger von Generaldirektorin Sabine Schormann ernannt worden. Der 68-Jährige sollte die Kunstschau aus den negativen Schlagzeilen bringen. Das ist trotz einer verbesserten Kommunikation der documenta letztlich nicht gelungen. Im Interview erklärt Farenholtz, woran das lag und was sich nun ändern muss.

Als Sie im Juli Sabine Schormann ablösten, sagten Sie, dass Sie bis zum Ende der Ausstellung gern helfen wollen, wo Sie helfen können. Wie fällt die Bilanz Ihres Engagements nun aus, das eine Art Erste Hilfe für die documenta war?

Das Merkwürdige ist: Gerade in dem Bereich, in dem ich mir Hilfe vorgenommen und zugetraut habe, sind Dinge auch gescheitert. Nach innen ist vieles gelungen: Wir haben Gesprächsfäden aufgenommen und neue Kontakte geknüpft. Auch der Dialog mit der künstlerischen Leitung war wunderbar. Hier haben wir gut zusammengearbeitet. Nicht geglückt ist hingegen, das Gespräch zwischen der künstlerischen Leitung und dem wissenschaftlichen Beirat herzustellen. Ich hatte große Hoffnungen dort hineingesetzt.

Sie meinen die Eskalation zwei Wochen vor Ende der documenta, als das von den Gesellschaftern eingesetzte Expertengremium die documenta wegen des Umgangs mit dem Antisemitismus-Eklat kritisierte. Ruangrupa und viele Künstler antworteten darauf mit einem wütenden Brief und Rassismusvorwürfen.

Das Gremium wurde am selben Tag einberufen, als ich zum Interims-Geschäftsführer ernannt wurde. Ich weiß noch, wie ich mit Oberbürgermeister Christian Geselle darüber redete. Das Gespräch war sehr ermutigend. Ich dachte, mit dem Gremium wird das riesige Thema Antisemitismus der documenta jedenfalls teilweise von den Schultern genommen, der Druck wird herausgenommen. Doch das ist nicht passiert. Das Gegenteil ist eingetreten. Ohne dass ich eine der beiden Seiten verantwortlich machen will, aber das hat eher zur Eskalation beigetragen. Insofern ist es natürlich bitter, wenn man mit dem Anspruch angetreten ist, den Dialog zu fördern.

Wie hätte dieser letzte Eklat vermieden werden können?

Das weiß ich nicht. Ich verstehe beide Seiten. Aber es war ein Fehler von beiden Seiten, Dinge öffentlich auszutragen. Davon hätte ich allen Beteiligten abgeraten. Es wäre besser gewesen, erst einmal intensiv miteinander ins Gespräch zu kommen.

Aber es gab ja Gespräche miteinander vorab.

Das war aber nur ein Austausch, in dem man signalisierte, dass man zum Dialog bereit ist. Und es gab ein Gespräch in Anwesenheit des Aufsichtsrats. Dort hat man festgestellt: Wir sind uns einig, dass wir uns in der Sache nicht einig werden. Man verständigte sich aber darauf, dass das Gremium seine Position für die Besucher im Eingangsbereich der Ausstellung erkennbar machen kann. Das war ein Weg, der mir plausibel erschien. Und so wurde es auf dem Hübner-Areal im Fall der Filme von Subversive Film ja am Ende auch umgesetzt.

Kunstministerin Angela Dorn sagte seinerzeit, sie erwarte, dass die Geschäftsführung mit Ruangrupa wegen der Empfehlung der Experten spreche. Sie wollte, dass Sie die Aufführung der Propagandafilme stoppen. Wie groß war der Druck auf Sie?

Der Druck war groß. Das trifft auf alle Beteiligten zu. Auch der Druck aus der Gesellschaft auf die Politik war erheblich. Für viele war die Situation sehr belastend. Dies erklärt sicher manche emotionale Überreaktion auf der einen wie auf der anderen Seite.

Wegen des Streits um die Propagandafilme forderte nicht mehr nur die Springer-Presse das sofortige Ende der documenta, sondern sogar die „Süddeutsche Zeitung“.

Aber das war nur eine Wahrnehmung. Es gab auch widersprechende Positionen. So war an anderer Stelle zu lesen dass es bei näherer Betrachtung nach dem Taring-Padi-Banner keinen einzigen Antisemitismus-Vorwurf gegen die documenta gegeben habe, der sich als belastbar erwiesen hätte. Diese Sichtweise, die ich mir nicht zu eigen mache, hat in der öffentlichen Wahrnehmung auch eine Rolle gespielt. Für mich war immer klar: Ich wollte unter allen Umständen, dass die documenta bis zum geplanten Ende dauert. Ein vorzeitiger Abbruch und ein Eingriff in die Ausstellung kamen für mich nicht in Betracht.

Gab es keinen Moment, an dem Sie unsicher waren?

Nein, an diesen beiden Positionen habe ich nie gezweifelt.

War es rückblickend ein Fehler, den Job angenommen zu haben?

Nein, es ist natürlich auch toll gewesen. Sobald ich den Schreibtisch in meinem Büro verlassen habe, mit Ruangrupa und Künstlern geredet habe, war das eine großartige Erfahrung. Ich möchte jetzt nicht, dass es noch einmal von vorn losgeht. Das wäre keine Lieblingsoption. Aber insgesamt war es ein großartiges Erlebnis.

Der Brief von Ruangrupa und den anderen Kollektiven wurde nicht von allen Künstlern unterzeichnet. Gab es Zerwürfnisse?

Da war ich nicht nah genug dran, um das bewerten zu können. Zwar gab es zwischen Ruangrupa und den Künstlern wohl nicht unbedingt ein Einvernehmen über alle politischen Positionierungen, aber die Grundhaltung zu dieser Ausstellung hatte schon eine breite gemeinsame Basis.

Jenseits der Antisemitismusdebatte fallen viele Bilanzen von Kunstkritikern positiv aus. Die documenta habe etwas radikal Neues geschaffen, heißt es. Sehen Sie das auch so?

Ich bin nicht der Richtige, der das künstlerisch beurteilen kann. Es war aber eine documenta, wie ich sie noch nie gesehen habe. Sie war anders als alle anderen davor. Diese Ausstellung hat das Verständnis, was Kunst in der Gesellschaft leisten kann, grundlegend verändert.

Welches ist Ihr ganz besonderer documenta-Moment diesen Sommer gewesen?

Wir waren bei herrlichem Wetter im WH 22 und entdeckten den vietnamesischen Garten im Hinterhof sowie die poetische Installation im Schuppen nebenan, als uns eine Künstlerin ansprach. Wir hatten erst ein bisschen Sorge, dass sie uns die Pflanzen erklären würde. Doch sie erzählte, wie sie auf ihre Gedichttexte kam. Wir haben uns wunderbar ausgetauscht.

Dieser Austausch war ja eine Grundidee von Ruangrupa.

Das stimmt. Viele Freunde haben mir erzählt, dass sie diesen Sommer mit Leuten ins Gespräch gekommen sind, die sie bis dahin gar nicht gekannt hatten.

Eine Besonderheit im finanziellen Bereich war bei dieser documenta, dass die Kollektive feste Budgets hatten, die sie verwalten konnten. Sie konnten selbst entscheiden, welchen Anteil sie für die Ausstellung nehmen und welchen etwa für Projekte in ihren Heimatländern. Was bedeutet dies für die Abrechnung?

Diese neuartige Form der Mittelzuweisung hat es am Ende schwer. Durch die Verantwortlichkeit der gGmbH gegenüber unseren Zuwendungsgebern bekommt das traditionelle Prinzip der Finanzplanung doch Oberhand. Zum Schluss geht es eben darum, dass der Verwendungsnachweis der Gesellschaft gegenüber den Zuwendungsgebern ohne ein Defizit abschließt.

Wird die documenta fifteen anders als vor fünf Jahren ohne Defizit abschließen?

Es ist eine gewisse Herausforderung. Wir haben nicht ganz die Besucherzahlen der letzten documenta erreicht. Deswegen müssen wir jetzt sehr sparsam mit den Mitteln umgehen. Aber ich gehe davon aus, dass es nicht zu einem Defizit kommt. Ende Oktober oder Anfang November werden wir eine bessere Sicht auf die Dinge haben.

Auf die vielen Forderungen, die Geschehnisse rund um den Antisemitismus-Eklat aufzuarbeiten, sagte die Künstlerin Hito Steyerl gerade, das bringe alles nichts, man müsse nach vorn schauen. Was muss Ihrer Ansicht nach aufgearbeitet werden?

Die Diskussion wird weitergeführt werden. Dafür wird allein schon das Projekt sorgen, das Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank und das documenta Institut angehen. Sie wollen das Geschehen mit einer Studie aufarbeiten. Und sie werden nicht die einzigen sein. Ich hoffe, dass sich die Debatte mit ein wenig Distanz versachlichen wird.

Hessens Ministerpräsident Boris Rhein hat vorgeschlagen, der Bund solle als Gesellschafter einsteigen. Stadt, Land und Bund sollten denselben Anteil haben. In Kassel ist man dagegen, weil die Stadt dann nicht mehr die Mehrheit hätte. Wie sehen Sie das?

Die Stadt wird selbstverständlich festhalten wollen an ihrem Gesellschafteranteil von 50 Prozent. Das leuchtet mir auch ein. Eine gute Idee wäre es daher, wenn sich Land und Bund die restlichen Anteile jeweils zur Hälfte teilen würden. Das würde bedeuten, dass auch der Aufsichtsrat neu zusammengesetzt wird. Es gab ja unter anderem den Vorschlag, dass man ihn etwas politikferner organisiert.

Aber wie soll dadurch verhindert werden, dass ein antisemitisches Bild wie auf dem Taring-Padi-Banner ausgestellt wird? Hortensia Völckers von der Bundeskulturstiftung, die einst Aufsichtsratsmitglied war, sagte, das Gremium könne so etwas nicht verhindern.

Natürlich nicht, das sehe ich genauso wie sie. Die Frage ist, ob man an den Regeln etwas ändern will. Will man die aktuelle Diskussion zum Anlass nehmen, eine politische Vorbewertung der Konzepte vornehmen zu lassen, die dann vom Aufsichtsrat abgesegnet werden sollen? Davor würde ich warnen. Ich habe auch keine Vorstellung, was der Ruf nach stärkerer Kontrolle tatsächlich bedeuten soll. Es ist bisher auch keine Idee dazu vorgetragen worden. Die Grundlage für ein Projekt wie die documenta muss Vertrauen sein.

Die Kasseler Grünen wollen, dass der Prozess der Zusammensetzung der Findungskommission transparenter wird.

Ich finde es nicht wünschenswert, wenn in die Findungskommission gesellschaftliche Interessengruppen einbezogen werden. Bislang waren alle Findungskommissionen enorm ausbalanciert. Zudem sind in den Findungskommissionen immer Persönlichkeiten gewesen, deren fachliche Kompetenz unbestritten ist.

Nicht nur von Künstlerin Hito Steyerl gab es Kritik an den Arbeitsbedingungen von documenta-Mitarbeitern. Inwiefern sehen Sie hier Verbesserungsbedarf?

Die Vergütungsstruktur im Kulturbereich allgemein ist nach wie vor unbefriedigend. Da ist die documenta leider keine Ausnahme. Hinzu kommt das explosionsartige Wachstum der Mitarbeiterzahlen kurz vor der Ausstellung. Da kann es leicht zu organisatorischen Fehlern kommen, die zu Belastungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führen. Eine etwas robustere personelle Ausstattung zwischen den documenta-Ausstellungen wäre deswegen wünschenswert.

Haben Sie sich eigentlich mit Sabine Schormann ausgetauscht?

Wir haben kurz am Sonntag vor meiner Berufung zum Interims-Geschäftsführer miteinander gesprochen. Vorher kannten wir uns ein bisschen. Aber gesehen haben wir uns seit dem Gespräch nicht mehr. Wir haben uns freundschaftlich verabschiedet. Für sie war das Ganze eine unerträgliche Belastung. Es ist ungeheuerlich, was Frau Dr. Schormann aushalten musste und ausgehalten hat.

Im HNA-Interview im Juli sagten Sie, Ihre Lebensplanung sehe nicht vor, dass Sie länger Geschäftsführer der documenta bleiben. Was werden Sie ab nächster Woche machen?

Das weiß ich noch gar nicht. Vor allem wird wieder das private Leben stattfinden. (Bettina Fraschke, Matthias Lohr)

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