Flucht, Vertreibung, Sonnenhut

In den sozialen Medien inszenieren Besucher ihre eigene documenta - und vor allem sich selbst

Kassel. Auch wenn es in der Innenstadt gerade so aussieht: Nicht die ganze Welt kommt nach Kassel zur documenta. Dafür kommen Bilder der documenta jedoch in die ganze Welt.

Kaum ein Besucher, der die Kunst nicht auch durchs Smartphone anschaut, jeden Tag landen tausende Fotos von der Kunstschau im Internet.

Während sich die documenta selbst in ihrer Online-Präsenz zurückhält, entsteht durch die sozialen Medien ein ganz eigenes Bild der d14, das sich von der eher theorielastigen, oft belehrenden Inszenierung vor Ort unterscheidet. Auf der Fotoplattform Instagram zum Beispiel ist die documenta zuallererst hübsch anzusehen. Unter dem Hashtag #documenta14 (am Wochenende knapp 55.000 Treffer) ist der Parthenon der Bücher zu allen Tageszeiten und aus jedem Winkel der unangefochtene Favorit. Aber auch weniger offensichtliche Kunstwerke haben es zu einiger Online-Berühmtheit gebracht, wie die Farbraster von Stanley Whitney oder die Teerpappe-Bilder von El Hadj Sy in der documenta-Halle.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die gut gekleidete Rückenfigur vor Kunstwerk – zeitgenössische Variationen der In-die-Ferne-Starrer aus romantischen Caspar-David-Friedrich-Gemälden.

Überhaupt fotografiert kaum jemand Kunst um der Kunst willen. Wie meistens in den sozialen Medien geht es vor allem um persönliches Erleben: ich, auf dem Lichtteppich von Nikos Alexiou im Fridericianum, ich, gespiegelt in der Lucas-Samaras-Skulptur zwei Räume weiter, ich, winkend durch den Vorhang von Beatriz Gonzales in der Hauptpost.

#documenta14 #kassel

Ein Beitrag geteilt von Felix Adumatta Donkor (@aagalerie) am

Diese Verquickung von Kunst, Mode und Selbstinszenierung führt teilweise zu kuriosen Bildern, die der inhaltlichen Schwere der d14 eine Lage Zuckerguss verpassen. So werden die Flucht- und Gewaltbilder von Miriam Cahn zur Kulisse für Pastell-Outfits und Sommerhüte.

#documenta14 #miriamcahn

Ein Beitrag geteilt von Ricarda (@ricmwb) am

 Die Design- und Mode-Bloggerin Jessica Hsu aus Los Angeles verschlagwortet ein Bild vor dem (ebenfalls hochfotogenen) Wellengemälde von Dimitris Tzamouranis im Fridericianum mit „Streetstyle“ und „Modetagebuch“.

Take me away. #girl #me #wave #ocean #documenta14 #kassel

Ein Beitrag geteilt von Jessica Hsu (@jessicalhsu) am

Die textlastigere Plattform Facebook nutzen viele Besucher für persönliche documenta-Kritik, die geteilt und diskutiert werden kann. Für gebürtige Nordhessen, die anderswo leben, vermengt sich die Rezeption der Kunst auch mit den gemischten Gefühlen zur ehemaligen Heimat.

„Vielleicht ist die documenta in Kassel, weil sie hier niemanden stört, weil es hier im Positiven wie im Negativen niemand kapiert - und das ist das Schlaue daran“, schreibt beispielsweise der Autor und Regisseur Martin Waldmann, der aus dem Borkener Stadtteil Kleinenglis stammt. „Diese Stadt kann nicht enttäuschen, weil sie niemals so überheblich sein würde, eine Erwartungshaltung zu behaupten.“

Die Kommunikations-Technologien der Gegenwart spielen in der Kunst der d14 kaum eine Rolle – in der Außenwahrnehmung der Weltkunstschau dafür umso mehr. Längst liegt die öffentliche Deutungshoheit eines solchen Ereignisses nicht mehr allein bei den Ausstellungsmachern und traditionellen Medien. Die Besucher vervollständigen im Netz das Bild der documenta – ganz im Sinne der Kuratoren ein Parlament der digitalen Körper. 

Mehr im Netz:

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