Installation im Kulturbahnhof zur documenta: Die Welt auf Flimmerschirmen

Sex und Gewalt auf allen Kanälen: der französische Künstler Michel Auder zeigt im Kulturbahnhof eine Video-Installation, die die Bilderflut unserer hypermedialisierten Gegenwart aufnimmt. Foto:  Hedler

Wer sich der Video-Installation zur documenta von Michel Auder in der unterirdischen Straßenbahn-Haltestelle am Kulturbahnhof nähert, verliert erst einmal seinen festen Stand.

Der Untergrund vor den flimmernden Bildschirmen besteht aus Gleisbett-Schottersteinen, die sich in die Sommerschuhsohlen bohren. Die vorsichtigen Schritte der Besucher werden klickend und knirschend zum Soundtrack des ansonsten stummen Kunstwerks.

Auders documenta-Beitrag – spektakulär präsentiert im graffitibesprühten Betontunnel – ist Kunst gewordene Überforderung, die sicheres Terrain verweigert. Trotz fehlender Tonspur sind es schreiende Bilder. Auf 15 Bildschirmen (zwei sind für die deutsche Übersetzung der eingeblendeten Texte bestimmt) laufen Ausschnitte aus der medienbestimmten Gegenwart: Kriegsszenarien aus dem Fernsehen, eine Twitter-Unterhaltung über die schlimmsten Genozide, Donald Trump in Sieger- und Schmollpose und dazwischen barocke Enthauptungsgemälde und Pornobilder aus dem Internet.

Der Franzose Michel Auder, der seit den 70er-Jahren in New York lebt, ist ein Künstler der Massenbilder. Mit seiner ersten Ehefrau, der Schauspielerin und Künstlermuse Viva, dokumentierte er das glamouröse Leben in Andy Warhols Künstlerkollektiv Factory, dem Geburtsort der amerikanischen Pop-Art. Genau wie in diesem Umfeld Konsumbilder zu Kunst werden sollten, wollte Michel Auder auch den Künstlermythos mit dem Alltäglichen konfrontieren. „Du isst, du wirst flachgelegt, du machst dir Sorgen um’s Geld, du hast Geld, du bist glücklich, du bist traurig, du weinst, du hast noch mehr Sex, wenn’s gut läuft, und dann ist vom Leben nichts mehr übrig“, heißt es in seinem Film „Feature“ von 2008.

Über die Jahrzehnte hat der inzwischen 72-Jährige ein opulentes Archiv aus selbst gefilmtem und gefundenem Material angehäuft, aus dem er seine Video-Collagen zusammenschneidet. Sein d14-Beitrag heißt „The Course of Empire“ (der Weg des Imperiums) und spielt auf einen Gemäldezyklus des Landschaftsmalers Thomas Cole von 1836 an, der ihn beschäftigt hat. In fünf Bildern mit den Titeln „Der primitive Zustand“, „Der arkadische Zustand“, „Die Vollendung des Reichs“, „Die Vernichtung“ und „Die Verödung“ zeigt Cole den Aufstieg und Niedergang einer Zivilisation. Michel Auders Installation, in der sich Folterbilder mit Sonnenuntergängen und Tiervideos abwechseln, scheint diesen Entwicklungs-Kategorien noch einen Zustand hinzuzufügen: die Hypermedialisierung.

Obwohl Auders Werke auch Verweise auf das Internet als niemals versiegende Bildquelle enthalten, ist der Künstler erkennbar vom Fernsehen sozialisiert. Die schnellen Bildwechsel ähneln dem ziellosen Zappen durch die Sender, die Bildschirmskulptur erinnert an eine TV-Wand im Elektromarkt.

Wenn es bei „The Course of Empire“ auch um Reflexion eines (an Einfluss verlierenden) Massenmediums geht, dann ist es das Erwachsenen-Fernsehen nach 22 Uhr. In seinem Videomosaik flackern immer wieder Bilder von Sex und Gewalt auf. Deshalb klebt nun ein Zettel neben dem Namensschild: Zutritt erst ab 18 Jahren.

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