Ein Blick in die Röhren des irakisch-deutschen Installationskünstlers Hiwa K

Lieblingskunstwerke der documenta: Kreative Kanäle für die Kunst

Publikumsmagnet bei Tag und bei Nacht: Die Röhreninstallation von Hiwa K vor der documenta-Halle gehört zu den beliebtesten d14-Attraktionen. Foto:  Deutschländer/nh

Von Weitem wirken sie noch immer wie ein Teil einer Baustelle. Doch wir Kasseler durften bereits vor der documenta beobachten, wie aus den 20 Röhren, die normalerweise im Kanalbau verwendet werden, heimelig anmutende Wohnräume entstanden.

Wohl jeder Betrachter möchte einmal gerne hineinklettern (was nicht erlaubt ist) und ausprobieren, wie es sich anfühlt in dieser Enge von 90 Zentimetern Durchmesser, die doch irgendwie so einladend wirkt.

„Im U-Boot ist es sicher auch nicht anders“, sagt eine documenta-Besucherin. Wie auch beim Parthenon kommen die Menschen schnell ins Gespräch, wenn sie vor dem Werk des in Berlin lebenden kurdischen Künstlers Hiwa K immer neue Details entdecken.

Etwas abseits steht ein Mann mit Plastiktüte, offenbar kein typischer Kunstfreund. Sehnsüchtig blickt er in die Röhren, deren „Wohnräume“ bei Dunkelheit beleuchtet sind. Zu gerne, so scheint es, möchte der offenbar obdachlose Mann sich in die ebenfalls vorhandenen Federbetten kuscheln. Sicherheitsleute, die das Kunstwerk rund um die Uhr bewachen, berichten, dass das dem ein oder anderen wohl auch mal gelungen war, als der documenta-Beitrag noch nicht fertig war.

Menschen in Not

Installationskünstler Hiwa K, der einst aus Irak flüchtete, hätte wahrscheinlich nichts dagegen gehabt. Will er doch mit seinem Werk den Blick auf Menschen in Extremsituationen richten. Menschen auf der Flucht, die zum Beispiel in griechischen Häfen in solchen bei Baustellen aufgestapelten Röhren Unterschlupf finden. Obdachlose in Chile. Oder Menschen, die sich wegen der Wohnungsnot in Hongkong in fünf Quadratmeter kleinen Gitterboxen einrichten müssen.

Auch mit solch kreativen Ideen wie herausziehbare Betten, ist dies sicher auf Dauer sehr beklemmend. Inspirierend sind dennoch die Ideen, mit denen Kasseler Kunststudenten des Fachbereichs Produktdesign den rohen Röhren Leben eingehaucht haben. Sie haben sich ein Nest gebaut, Gemeinschaftsräume geschaffen und das Rund genutzt, um es mit Büchern oder einer „Waschstraße“ aus Seifen und Bürsten auszukleiden. Das ist Kunst, die nicht nur nachdenklich, sondern auch Spaß macht.

Mit der Einladung, in die Röhre zu gucken, möchte Hiwa K unseren Blick zudem ganz bewusst in die Horizontale lenken. Hier drückt er seine Kritik an der vertikalen Orientierung unserer Gesellschaft aus: Aufschwung, Aufstieg, wachsende Profite, aber auch Architekten und Stadtplaner, die immer höher hinaus wollen. Mit seinen Röhren möchte er eine neue Perspektive eröffnen.

Weitere Lieblingskunstwerke der documenta 14 finden Sie hier.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.