Der künstlerische Leiter setzt auf aktiven Kunstgenuss

Interview mit Adam Szymczyk zur documenta 14: "Erfahrung ohne Erwartungen"

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documenta-Leiter Adam Szymczyk

Kassel. In vier Wochen startet die documenta 14 – diesmal nicht in Kassel, sondern zunächst in Athen. Der künstlerische Leiter Adam Szymczyk lässt sich im Interview ein bisschen in die Karten schauen.

Noch rund vier Wochen bis zur Eröffnung in Athen – wie ist der Stress-Level im Team?

Adam Szymczyk: Die Arbeitsbelastung ist momentan sehr hoch. Wir sind jetzt in Athen in der Umsetzungsphase von Produktion und Aufbau. Und parallel passiert das auch in Kassel. Das Team hat eine Größe erreicht, die sich meiner Kontrolle entzieht. Anfangs kannte ich jeden mit Namen. Jetzt sind wir mehr als 200 Personen, aber es fühlt sich an wie eine Million.

Ihr erstes Konzept datiert aus dem Jahr 2013. Wie viel ist von der Kernidee erhalten geblieben?

Szymczyk: Die Idee ist noch ziemlich intakt. Es ging darum, die documenta 2017 zwei Mal stattfinden zu lassen, einmal in Athen und einmal in Kassel. Die Frage war, wie man das hinbekommt. Das war das Schwierige und hat drei Jahre gedauert.

Beobachter Ihrer kuratorischen Arbeit gehen davon aus, dass Malerei und Skulptur eine untergeordnete Rolle spielen werden. Was darf man stattdessen erwarten?

Szymczyk: Ich mag Malerei! Ich schätze, wir werden ziemlich viel Malerei aus allen Teilen der Welt sehen – nur nicht unbedingt das, was man erwartet. Aber Malerei ist nur eine von vielen künstlerischen Ausdrucksweisen. Die documenta ist nicht in verschiedene Kunstformen eingeteilt. Wir verfolgen einen mehr ganzheitlichen und interdisziplinären Ansatz.

Wie immer ist die Teilnehmerliste das bestgehütete Geheimnis der Kunstwelt. Wieso eigentlich?

Szymczyk: Das ist kein Geheimnis. Wir haben etwa 150 Mitwirkende. Mitwirkende im Sinne von lebenden Künstlern. Dazu kommen einige historische Positionen sowie Leihgaben aus Museen und Archiven. Wir haben uns immer wieder gefragt, ob wir die Teilnehmerliste veröffentlichen sollen oder nicht... Ich bin kein Freund solcher Listen. Sie erzeugen eine gewisse Erwartungshaltung. Meiner Meinung nach sollte eine Ausstellung eine Erfahrung sein. Eine Erfahrung ohne große vorprogrammierte Erwartungen.

Sie sagen, die Gäste der documenta 14 sollen mehr sein als passive Zuschauer: aktive Teilnehmer. Worauf muss man sich da einstellen?

Szymczyk: Wir wollen Besucher ermutigen, es so zu sehen, dass der Kauf des Tickets sie zu mehr berechtigt, als sich nur Kunstwerke anzuschauen. Es birgt ja ein weitgehend ungenutztes Potenzial, wenn viele Menschen für eine große Ausstellung zusammenkommen – ein politisches Potenzial.

Stichwort Besucherzahlen: Wenn sich die Kurve fortsetzt wie in den vergangenen Jahren – und angesichts der örtlichen Verdoppelung – könnten es 2017 über eine Million werden. Ist das wichtig?

Szymczyk: Nein.

Welche politische, soziale und gesellschaftliche Aufgabe hat die documenta?

Szymczyk: Die documenta muss über sich als Institution nachdenken. Auch wenn sie von deutschen staatlichen Institutionen finanziert wird, ist es wichtig, sich nicht als die bloße Verlängerung der kulturellen und politischen Interessen Deutschlands zu sehen. Kulturelle Produktion sollte Eigentum von jedermann sein.

Gab es bei der Vorbereitung politisch verursachte Probleme für die Künstler – etwa bei der Ausreise oder Einschränkungen der künstlerischen Freiheit?

Szymczyk: Einige Arbeiten bergen ein gewisses politisches Risiko – für manche Künstler und auch für die documenta. In manchen Ländern herrscht eine autoritäre Agenda, mit der wir nicht einverstanden sind und diesen Dissens bringen wir auch zum Ausdruck.

Was macht für Sie eine gute documenta aus?

Szymczyk: Für mich ist es bereits ein Erfolg: Wir arbeiten. Und wir arbeiten an zwei Orten, so wie wir es haben wollten. Für mich persönlich ist die beste Zeit jetzt. 

Zur Person

Adam Szymczyk (46, verheiratet, ein Sohn), wurde in Piotrkòw Trybunalski in Zentralpolen geboren und wuchs in Lódz auf. Er studierte Kunstgeschichte in Warschau, jobbte in Galerien, schrieb Kritiken. In den 1990er Jahren machte er eine Kuratoren-Ausbildung in Amsterdam. Über Basel führte ihn der Weg auch nach Deutschland, wo er 2008 die „Berlin Biennale“ mitkuratierte. 2013 wurde er künstlerischer Leiter der documenta 14. Sie findet vom 8.4. bis 16.7. in Athen und vom 10.6. bis 17.9. in Kassel statt.

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