Ex-Oberbürgermeister zur Finanznot

Interview mit Betram Hilgen zu documenta-Finanzen:  „Risiken als zu klein eingeschätzt“

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Der künstlerische Leiter und der Ex-Aufsichtsratsvorsitzende der documenta: Adam Szymczyk (links) und Bertram Hilgen. 

Das Millionendefizit der documenta ist weiterhin Thema. Wie kam es, dass die d14 finanziell aus dem Ruder gelaufen ist? Bertram Hilgen, der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende, nimmt Stellung.

Herr Hilgen, haben Sie eine Erklärung für das Defizit von sieben Millionen Euro der documenta gGmbH?

Hilgen: Nach meinen Informationen beträgt das mögliche Defizit 5,4 Millionen. Dazu kann ich sagen: Ich habe am 12. Juni das letzte Statusgespräch über den aktuellen Stand mit der documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff und Prokurist Frank Petri geführt. Und das Gesamtdefizit lag damals bei zwei Millionen Euro für Athen und Kassel zusammen, wobei wir aus Vorjahren noch Mittel in der Größenordnung von einer Million Euro hatten – mit der Folge, dass sich das Defizit auf eine Million Euro reduziert hat. Und diese eine Million beruhte auf der Annahme, dass 90 Prozent der Besucher, die zur documenta 13 gekommen sind, auch zur documenta 14 kommen. Da im Juni die Besucherzahl noch deutlich höher lag, bin ich am 12. Juni davon ausgegangen, dass wir jedenfalls eine schwarze Null schreiben werden.

Was nicht so gekommen ist.

Hilgen: Ich weise in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die documenta im Zweimonatsrhythmus der Kämmerei der Stadt Kassel und dem Finanzministerium des Landes Hessen jeweils über den Finanzstatus berichtet hat. Zudem hat Frau Kulenkampff am 31. März in meiner letzten Aufsichtsratssitzung gesagt, dass die Liquidität der Gesellschaft gegeben ist. Wie sich die Ergebnisentwicklung dann vollzogen hat, dazu kann ich aus eigener Kenntnis keine Stellung nehmen.

Trotzdem: Kommt Ihnen das nicht Spanisch vor, wenn jetzt auf einmal von einem Liquiditätsengpass von sieben Millionen Euro die Rede ist?

Hilgen: Wir haben angesichts des Umstandes, dass Kassel und Athen zwei gleichberechtigte Standorte sind, sicher zu optimistisch auf das Thema Athen und die dortige Kostenentwicklung geschaut. Und wenn ich von wir spreche, dann meine ich alle Beteiligten, weil die Wirtschaftspläne nicht der Aufsichtsrat beschließt, sondern die Gesellschafter, also Stadt Kassel und Land Hessen, beschließen. Und die werden vertreten durch die entsprechenden Beteiligungsverwaltungen und somit durch die Finanzverwaltungen. Mit ihnen erarbeitet die documenta einen Wirtschaftsplan, der dann im Aufsichtsrat beraten wird. Dieser Wirtschaftsplan ist Ende vergangenen Jahres noch einmal geändert worden, indem drei Millionen Euro zusätzlich bewilligt wurden. Zusätzlich wurde der Risikopuffer für die Gesellschaft um zwei Millionen verkleinert, indem die erwartete Besucherzahl und damit die Eintrittserlöse erhöht wurden. Sie konnte so insgesamt fünf Millionen Euro mehr ausgeben.

Umso erstaunlicher ist doch, dass darüber hinaus noch ein großes Defizit entstanden ist. Wie konnte es dazu kommen?

Hilgen: Das müssen Sie die Wirtschaftsprüfer fragen. Im Nachhinein betrachtet haben wir nach meiner Meinung in den beschlossenen Wirtschaftsplänen die finanziellen Folgen von zwei gleichberechtigten Ausstellungen nicht hinreichend abgebildet und die Risiken als zu klein eingeschätzt. Damit meine ich alle.

Knackpunkt scheint ja das Museum EMST in Athen zu sein. Der künstlerische Leiter Adam Szymczyk soll im Februar dieses Jahres zu verstehen gegeben haben, dass er es als Ausstellungsort für unabdingbar hält. Wie kann es sein, dass die Frage zu einem solch späten Zeitpunkt noch offen war? Im April sollte die d 14 in Athen losgehen.

Hilgen:Die Sache war die: Anfang Februar erreichte mich die Nachricht, dass gegenüber dem Budget erhebliche Mehrkosten zu erwarten wären, wenn man den Vertrag über das EMST unterschriebe. Die Verhandlungen liefen wegen mehrfacher Wechsel von Ministern und Museumsdirektoren zu diesem Zeitpunkt bereits gut zwei Jahre. Adam Szymczyk hat deutlich gemacht, dass das EMST ein zentraler Baustein der Ausstellung in Athen und auch des Kasseler Konzeptes im Fridericianum sei. Und wenn das EMST nun ausfiele, könne nicht sicher davon ausgegangen werden, dass die documenta stattfinden werde. Das ist für einen Aufsichtsratsvorsitzenden ein Grund, schlecht zu schlafen. Deshalb haben wir überlegt: Wie lösen wir das Problem?

Nämlich?

Hilgen: Die Geschäftsführung hat mit meiner Billigung Adam Szymczyk mitgeteilt, dass es keine weitere Erhöhung des Budgets oder – anders ausdrückt – keine zusätzlichen Ausgaben ohne Kompensation geben werde. Das habe ich auch mit Kunstminister Boris Rhein und Alexander Farenholtz, dem Vorstand der Kulturstiftung des Bundes, besprochen. Deshalb stellte sich auch die Frage, wie man Mehrkosten kompensieren kann: indem man andere Posten streicht.

Konkret ist deshalb eine Liste erarbeitet worden, wie im Gegenzug 800 000 Euro durch Minderausgaben und Mehreinnahmen kompensiert werden. Unter dieser Voraussetzung und nur unter dieser Voraussetzung habe ich dem Wunsch nach dem EMST entsprochen. Und dann war ich heilfroh, dass auf dieser Grundlage Adam Szymczyk nicht den Bettel hingeworfen hat. Sonst hätte die documenta wohl nicht stattgefunden. Deshalb weise ich auch mit Nachdruck den Vorwurf zurück, an den Gremien vorbei die Berechtigung gegeben zu haben, das Budget zu überschreiten.

Aber wieso haben Sie das dem Aufsichtsrat nicht mitgeteilt?

Hilgen: Weil ich die Sorge hatte, dass am nächsten Tag in der Zeitung steht: Szymczyk stand kurz vor der Demission. Der Aufsichtsrat ist nämlich löchrig wie ein Käse, wie die Indiskretionen der letzten Woche zeigen.

Aber ist die Löchrigkeit eines Aufsichtsrates ein Grund, ihn nicht zu informieren?

Hilgen: Es hätte auch keinen Sinn gemacht, über einen positiv geregelten Umstand zu informieren, es gab ja keine Budgeterhöhung. Und meinen Stellvertreter sowie Herrn Farenholtz habe ich telefonisch informiert.

Fühlten Sie sich erpresst von Adam Szymczyk?

Hilgen: Nein. Ich bin 18 Jahre Mitglied des Aufsichtsrates und zwölf Jahre Vorsitzender. Es gab immer ein Ringen um das Geld.

Ringen ist das Eine, drohen das Andere...

Hilgen:Noch einmal: Ich fühlte mich nicht erpresst, und ich hätte mich auch nicht erpressen lassen. Ich habe die Ernsthaftigkeit der Lage gesehen, und wir haben eine Lösung gefunden. Aber die Verantwortlichen müssen aufpassen, dass die Bereitschaft der wenigen Mitarbeiter, die in einer Gesellschaft mit einem Stammkapital von 25 600 Euro die bedeutendste Ausstellung moderner Kunst mit einem Budget von 36 Millionen Euro stemmen, ab und an ein Risiko einzugehen, nicht ausgemerzt wird. Das würde den nächsten documenta-Ausstellungen nachhaltig schaden. Das heißt nicht, dass das Geld mit vollen Händen herausgeschmissen wird.

Trotzdem muss ja aufgearbeitet werden, woher das Defizit kommt. Ist denn kontrolliert worden, ob Szymczyk tatsächlich das einspart, was vereinbart worden ist?

Hilgen: Ich bin Aufsichtsratsvorsitzender gewesen, und ich gehe davon aus, dass das geschieht, was wir vereinbart haben. Ich habe nicht überprüft, ob zum Beispiel diese oder jene Filmproduktion stattgefunden hat oder nicht.

Mit der Entscheidung für EMST war aber auch zu erwarten, dass die Ausstellung in Athen der in Kassel gleichgestellt wird. War da nicht klar, dass dies finanziell aus dem Ruder laufen muss?

Hilgen: Ich weiß es nicht und ich spekuliere nicht. In der Zeit, die ich als Aufsichtsratsvorsitzender überblicke, gab es jedenfalls keinen belastbaren Hinweis darauf.

Muss trotzdem das Controlling der documenta überarbeitet werden?

Hilgen: Klar ist: Die Truppe war eigentlich zu klein, um zwei Ausstellungen erfolgreich durchzuführen. Durch enormen Einsatz aller Beteiligten haben sie es trotzdem geschafft. Die Truppe wäre im Übrigen auch zu klein für die Kasseler Ausstellung allein gewesen, obwohl wir da eine gewisse Routine haben. Deshalb müssen wir über mehr Geld für die documenta und mehr Personal diskutieren. Mit wachsendem Budget – und das ist jetzt meine private Meinung – muss aber auch der Anteil der öffentlichen Hand mitwachsen, sonst macht sich die documenta abhängig von der Privatwirtschaft. Und das täte ihr nicht gut.

War mit einem solch kleinen Team dann die Überforderung nicht Ansage?

Hilgen: Ich weiß es nicht. Hätten wir eine Million Euro erwirtschaftet, gäbe es die Debatte nicht.

Zur Person: Betram Hilgen

Nahm zu den Themen rund um die documenta Stellung: Bertram Hilgen. 

Bertram Hilgen (63) wurde in Tann (Rhön) geboren. Nach dem Rechts- und Politikwissenschaftsstudium in Marburg begann er seine berufliche Laufbahn 1980 in Kassel. Er arbeitete als Referent des damaligen Oberbürgermeisters Hans Eichel, später war er Leiter des Rechtsamts. Nach einem Abstecher nach Wiesbaden kehrte er 1996 als Regierungspräsident zurück nach Kassel, ehe er das Kommunale Gebietsrechenzentrum leitete. Von 2005 bis 2017 war Hilgen (SPD) Oberbürgermeister. Er ist verheiratet, er hat einen erwachsenen Sohn.

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