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„Eine riesige Chance vermasselt“: Soziologe Klaus Holz über Antisemitismus auf der documenta 15

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Von: Leonie Krzistetzko

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Bevor es entfernt wurde: Das Banner „People’s Justice“ von Taring Padi.
Bevor es entfernt wurde: Das Banner „People’s Justice“ von Taring Padi. © Andreas Fischer

Ist es nun Israelkritik oder schon Antisemitismus? Diese Frage ist während der documenta fifteen an vielen Stellen hochgekocht, mit Taring Padis Banner „People’s Justice“ kam es zum Eklat.

Kassel – Wie ist das Thema rund um den Antisemitismus-Skandal zum Ende der Weltkunstausstellung einzuordnen? Ein Interview mit dem Antisemitismusforscher und Soziologen Klaus Holz.

Herr Holz, ein großes Thema der documenta 15 waren die Antisemitismus-Vorwürfe, die seit Anfang des Jahres artikuliert wurden. Es stellte sich schnell die Frage: Wann ist Israelkritik antisemitisch? Wie beantworten Sie das?

Antisemitisch ist die „Israelkritik“, wenn sie sich antisemitischer und antijüdischer Ressentiments, Weltanschauungen und Stereotype bedient. Was genau ein antisemitisches Stereotyp ist, kann man pauschal aber relativ schlecht beantworten und muss es anhand der einzelnen Kunstwerke beurteilen.

Wie sieht das zum Beispiel bei Taring Padi aus, deren Banner „People’s Justice“ ja schon im Juni entfernt wurde?

Hier war der Antisemitismus bei einem Element sehr eindeutig: Das war der jüdische Bankier mit Schläfenlocke und Hakennase. Diese Figur war eindeutig als orthodoxer Jude gekennzeichnet, hatte aber gleichzeitig SS-Runen auf seinem Hut. Das ist ein weiterer Grund, weshalb das Bild eindeutig antisemitisch war – es hat die Juden mit den Nazis gleichgesetzt.

Wie bewerten Sie die Entscheidung der documenta, das Banner abzuhängen?

Das war in der unmittelbaren Situation unvermeidbar. Prinzipiell wären aber auch Alternativen denkbar gewesen. Man hätte das Problem früher sehen können, denn das war nicht schwierig. Und natürlich wäre es eine Option gewesen, das Banner hängenzulassen, es aber sehr eindeutig durch eine entsprechende Kommentierung oder Bildungsangebote einzurahmen. Zum Beispiel durch Tafeln, die das Kunstwerk und die antisemitischen Elemente erklären und sich klar davon distanzieren.

Das bedeutet, man kann antisemitische Werke mit einer ausreichenden Kontextualisierung zeigen?

Ja, aber im Sinne einer Quelle, um über die Problematik aufzuklären. Als ich über das Taring-Padi-Banner gesprochen habe, habe ich ja auch antisemitische Stereotype reproduziert – man muss ja darüber sprechen können, um das Problem aufzuzeigen und für Menschen sichtbar zu machen. In diesem Sinne kann man solche Darstellungen wie in einem Museum ausstellen. Aber nur mit einer entsprechenden Kommentierung, damit keine antisemitischen Vorurteile reproduziert werden.

Darf Kunst also nie diskriminierende Stereotype reproduzieren?

Die Kunst müsste den Unterschied machen, wo sie reproduziert, um aufzuklären und wo sie Diskriminierung an sich reproduziert. Es ist möglich, antisemitische Stereotype zu reproduzieren, um sie vorzuführen, zu dekonstruieren und Kritik auszusetzen, um zu zeigen, dass sie falsch sind. Man kann sie aber auch blind produzieren und damit Antisemitismus verlängern.

Sie haben gerade über die antisemitische Darstellung eines Juden bei Taring Padi gesprochen – was sind weitere Elemente antisemitischer Bildsprache?

Für den zeitgenössischen Antisemitismus ist ein Stereotyp am wichtigsten: die Täter-Opfer-Umkehr. Hier werden die Juden nicht als Opfer des Holocausts betrachtet, sondern als Täter. Dadurch wird der Holocaust für die Gegenwart irrelevant, da heute die Juden die Täter seien. Israel wird als scheinbarer Beleg dafür genutzt, weil es den Palästinensern etwas antue. Dadurch erscheinen die Israelis beziehungsweise Juden als Verursacher aller Übel. Die zugespitzte Variante dieses Stereotyps ist der Vergleich Israels mit dem Nationalsozialismus.

Ein weiteres Element des Banners war die Darstellung eines Mossad-Agenten als Schwein. Woher kommt das?

Das hat mehrere Zusammenhänge. Das Schwein wird in vielen Sprachen zunächst als abwertender Tiervergleich genutzt. Bei den Juden kommt hinzu, dass gläubige Juden kein Schweinefleisch essen, sodass der Vergleich besonders beleidigend ist. Diese Traditionslinie gibt es auch im Islam, der das Schwein als unreines Tier betrachtet.

Sie haben 2021 das Buch „Antisemitismus gegen Israel“ veröffentlicht. Was macht israelbezogenen Antisemitismus aus?

Der israelbezogene Antisemitismus ist auf das Thema Israel bezogen, verwendet aber im Kern die antisemitischen Stereotype und Vorurteile, die auch bei anderen Themen, wie beispielsweise der „Jüdischen Weltverschwörung“ genutzt werden.

Wenn ich vor einem Kunstwerk stehe, wie kann ich unterscheiden, ob ich Israelkritik oder israelbezogenen Antisemitismus vor mir habe?

Kriterien sind die stereotypische Bildsprache oder der Widerspruch „Jude ist gleich SS“. Das sollte einen zum kritischen Nachdenken bringen. Typisch für solche Darstellungen ist aber auch die Schwarz-Weiß-Malerei. Die tritt auf, wenn Israel komplett negativ als Staat betrachtet wird, als wäre Israel allein schuld an den Konflikten im Nahen Osten und der Welt. Diese einseitige Darstellung ist ein klarer Hinweis darauf, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Die einseitige Darstellung des Nahostkonflikts war auch ein großes Thema bei der Bewertung der „Guernica Gaza“-Reihe von Mohammed al Hawajri. Wie würden Sie diese einordnen?

Ich habe sie nicht im Original gesehen, was es schwierig macht, diesbezüglich zu einem eindeutigen Urteil zu kommen. Sie zeigt aber auf jeden Fall eine Vereinseitigung: Nur die Israelis greifen an, es gibt aber keine Selbstmordattentäter, keine Angriffe auf Israel selbst. Dadurch sind die Werke verzerrend. Und auch der historische Vergleich der Reihe ist hochproblematisch. Denn sie bezieht sich auf Picassos Guernica-Gemälde, das sich bekanntlich auf einen faschistischen Angriff im spanischen Bürgerkrieg bezieht. Da gehen bei mir alle Warnanlagen an.

In ihrem „We are Angry“-Statement haben zahlreiche d15-Kollektive und -Künstler sowie Ruangrupa dem fachwissenschaftlichen Rat vorgeworfen, die Unterschiede von Antizionismus, Anti-Israelismus und Antisemitismus verschwimmen zu lassen. Sind diese Begriffe denn komplett trennscharf?

Im Sprachgebrauch überlappen sie sich leider, aber eigentlich sind die Begriffe nicht deckungsgleich. Antizionismus bedeutet wörtlich die Ablehnung des jüdischen Nationalismus, und das ist nicht antisemitisch, sondern von Anbeginn auch eine innerjüdische Diskussion.

Allerdings gibt es auch eine antisemitische Ablehnung des Zionismus, die ganz anders funktioniert. Die zielt darauf, den Juden abzustreiten, dass sie so etwas wie ein gesundes und arbeitsames Volk seien, das deshalb auch gar nicht in der Lage sei und kein Recht darauf habe, einen eigenen Staat zu bilden. Heute stellt sich der Antisemitismus häufig als Antizionismus dar.

Das Statement wurde wegen der Diskussion um die pro-palästinensischen Filme des Projekts „Tokyo Reels“ veröffentlicht, die der fachwissenschaftliche Expertenrat der d15 als antisemitisch und gefährlich einstuft. Der Rat forderte einen Stopp bis zur ausreichenden Kontextualisierung. Ruangrupa wollten die Filme nicht abschalten. Wie sehen Sie das?

Da bin ich aufseiten des Beirats. Filme aus diesem antiimperialistischen bis terroristischen Milieu der frühen 1970er-Jahre bis hin zum Zusammenhang mit der japanischen Roten Armee sind nach allem, was man weiß, extrem israelfeindlich und antisemitisch. Die japanische Rote Armee hat 1972 in Israel 26 Zivilisten umgebracht. Man kann Filme aus diesem Zusammenhang zeigen, muss sie aber eindeutig als Quellen dieser Zeit verwenden und entsprechend sehr klar durch ein Begleitprogramm kommentieren. Die Filme kritiklos zu zeigen, geht gar nicht.

Ruangrupa argumentieren mit dem Vorwurf der Zensur. Wie haltbar ist dieses Argument für Sie?

Überhaupt nicht. Seit der ersten Diskussion Anfang des Jahres wird immer mit Zensur und Meinungsfreiheit argumentiert. Das ist natürlich, Pardon, Bullshit, eine plumpe Verteidigungsstrategie und ein ziemlich billiges Manöver. Es ist unter keinen Umständen eine denkbare Position zu sagen, dass alles legitim ist, und man alles äußern darf. Das ist ein falsches und auch rechtlich vollkommen absurdes Verständnis von Meinungsfreiheit.  

 Ruangrupa drücken sich da vor der Frage, wo Meinungen beginnen, die zu einer über Jahrhunderte gepflegten Form von Feindschaft wie Antisemitismus beitragen und wie damit umzugehen ist. Man hätte der Frage nachgehen müssen, wieso es in den antikolonialen Kunstwerken immer wieder antisemitische Elemente gibt. Das würde uns weiterbringen, und das geht nicht in Richtung Zensur, sondern Selbstkritik.

Wie schätzen Sie den Umgang der documenta mit dem Thema Antisemitismus insgesamt ein?

Unterm Strich finde ich es unheimlich schade, dass eine riesige Chance komplett vermasselt worden ist. Die Grundidee, eine documenta stark den Themen Rassismus und Kolonialismus zu widmen und mit Perspektiven aus dem globalen Süden zu erzählen, halte ich für an der Zeit.

Die Chance hätte aber darin gelegen, das schwierige Verhältnis von Rassismuskritik und Antisemitismuskritik zur Sprache zu bringen. Man hätte im Frühjahr noch eine Strategie finden können, damit umzugehen und antisemitismuskritische Überlegungen in die documenta einzubeziehen. Ich wäre bereit gewesen, diese Strategie zu verteidigen. Dann wäre eine ganz andere Dynamik entstanden.

Allerdings war ich auch selbst auf der documenta und finde, dass es viel Kunst gibt, die mit Antisemitismus nichts zu tun hat. Deshalb ist die Totalisierung der Kritik falsch, dass alles antisemitisch sei.

Soziologe und Antisemitismusforscher Klaus Holz.
Soziologe und Antisemitismusforscher Klaus Holz. © Peter van Heesen.

Zur Person: Klaus Holz

Dr. Klaus Holz (62) ist ein deutscher Antisemitismusforscher und Soziologe aus Berlin. 2021 hat er sein jüngstes Buch „Antisemitismus gegen Israel“ zusammen mit Thomas Haury veröffentlicht. Er ist Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland. 

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