Kunsthistoriker über die Kritik an der documenta

Interview mit Kunsthistoriker: „Haltet die documenta hoch und in Ehren“

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Ein Highlight der documenta14: Der Parthenon of Books.

Kassel. Inhaltlich und angesichts des Millionendefizits sah sich die am Sonntag zu Ende gegangene documenta 14 teils heftiger Kritik ausgesetzt. Prof. Dr. Hans-Dieter Huber, der an der Staatlichen Akademie der Künste in Stuttgart lehrt, widerspricht: Die d14 sei professionell, aber mit einem zu geringen Etat ausgestattet gewesen.

Die Negativ-Presse habe ihr geschadet.

Herr Prof. Huber, Sie haben beide Standorte besucht – ist Adam Szymczyks Konzept aufgegangen?

Huber: Ja, absolut. Als ich nach Athen reiste, dachte ich zunächst, dass es sich um einen Außenposten handelte. Was ich dann sah, war eine Riesen-Ausstellung wie ich sie sonst nur von der Venedig Biennale kannte. Kassel und Athen – das waren zwei Seiten derselben Münze. Um die d14 zu bewerten, muss man beide Standorte besucht haben.

Wie bewerten Sie die inhaltliche Kritik an der d14?

Huber: Ich habe seit 1977 alle documenta-Ausstellungen besucht, die d14 gleich dreimal. Sie ist eine der komplexesten Kunstausstellungen, die ich je gesehen habe. Ich bin überzeugt, dass ihre Bedeutung erst in einigen Jahren durch die Rezeption spürbar werden wird. Entsetzt war ich über die Polemik in den Kritiken und das Kuratoren-Bashing, das von großen Teilen der deutschen Presse betrieben wurde. Diese massive negative Kritik finde ich beunruhigend: Sie ist Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten.

Wie meinen Sie das?

Huber: Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine äußerst oberflächliche, teils fahrlässige Auseinandersetzung mit der d14 stattfand – teils von Kritikern, die die Ausstellung offenbar nur wenige Stunden besucht hatten. Die deutsche Kunstkritik hat ein Problem: Sie ist konservativ-populistisch und ruft entsprechende Reaktionen bei den Lesern hervor. Diese ständige Kritik spielt der AfD in die Hände.

Spricht sich für mehr Geld für die documenta aus: Professor Hans Dieter Huber.

Teils hämisch waren nun auch die Reaktionen auf das Millionendefizit der documenta 14.

Huber: Schon im April war eigentlich klar, dass die d14 insgesamt doppelt so viel kosten müsste wie die d13. Wie kann man die weltweit wichtigste und größte Kunstausstellung mit so einem mickrigen Etat von 18,5 Mio. ausstatten, der auch noch auf fünf Jahre verteilt werden muss? Wenn ich höre, dass der Rest der ursprünglich geschätzten Gesamtkosten der d14 in Höhe von 37 Millionen Euro, also fast 20 Millionen, durch Eintritte, Sponsorengelder und Merchandising eingebracht werden, dann schäme ich mich für ein Land und einen Aufsichtsrat, der eine solche turbokapitalistische Ausbeutungssituation erst erzeugt und dann auch noch zulässt.

Wie viel Geld sollte die öffentliche Hand denn künftig zuschießen?

Huber: Nicht nur Stadt und Land, auch der Bund muss deutlich mehr Geld zur Verfügung stellen. Wir sind Weltmeister nicht nur im Fußball, sondern auch bei der wichtigsten und größten Kunstausstellung überhaupt: Die documenta gGmbH sollte in Zukunft mit mindestens doppelt so viel Geld ausgestattet werden als bisher, also mindestens 40. Millionen Euro.

Welche Lehren sollten nun gezogen werden?

Huber: Erstens sollte der Etat so ausgestattet werden, dass die Mitarbeiter der documenta auch arbeiten können. Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf sollten auf ein Festgeldkonto fließen, um mit einem Plus in die nächste Ausstellung zu starten. Zweitens braucht es stärkere Controlling-Strukturen für die documenta gGmbH. Drittens sollte Kassel nicht als alleiniger Ausstellungsstandort festgeschrieben werden. Vielleicht gibt es künftig noch mehr Ausstellungsorte. Wenn ein Konzept überzeugt, dann muss man entsprechende Strukturen schaffen. Es gehört zur Förderung von zeitgenössischer Kunst dazu, Geduld und Toleranz zu zeigen, übrigens auch, wenn mal etwas schief geht.

Hat die documenta angesichts der Kritik und des Defizits Schaden genommen?

Huber: Sie ist durch die Presse beschädigt worden. Ich finde, sie war eine der großartigsten, komplexesten und wahrscheinlich eine der wichtigsten documenta-Ausstellungen seit Jahrzehnten. Die langen Schlangen haben doch gezeigt, dass das Publikum mit den Füßen abgestimmt hat. Seid froh und stolz darauf, in Kassel, Hessen und Deutschland, dass es dieses großartige Ausstellungsformat gibt. Haltet sie hoch und in Ehren und verteidigt sie vor den Rechtspopulisten. Denn wer die Kunst angreift, greift die Freiheit an.

Zur Person

Prof. Dr. Hans Dieter Huber lehrt seit 1999 als Professor für Kunstgeschichte der Gegenwart, Ästhetik und Kunsttheorie an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart. Zuvor war er Professor für Kunstgeschichte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Huber studierte Malerei und Grafik an der Akademie der bildenden Künste in München. Der 64-jährige gebürtige Münchner ist verheiratet mit der Kunstwissenschaftlerin Hannelore Paflik-Huber, hat eine Tochter und lebt in Stuttgart.

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