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„Ich wollte mein Umfeld verstehen“: The Black Archives stellen auf der documenta 15 aus

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Von: Leonie Krzistetzko

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Jessica de Abreu von The Black Archives im Ausstellungsraum im  Fridericianum bei der documenta fifteen.
Jessica de Abreu von The Black Archives im Ausstellungsraum im Fridericianum bei der documenta fifteen. © Fischer, Andreas

Das Archiv „The Black Archives“ aus Amsterdam stellt auf der documenta fifteen zu Rassismus und Kolonialisierung in den Niederlanden und in Deutschland aus. Mitgründerin Jessica de Abreu erzählt im Interview, wie es zu dem Archiv gekommen ist und wieso bestimmte Zeichnungen überdeckt werden.

Das Amsterdamer Archiv „The Black Archives“ hält die Geschichte der Schwarzen Emanzipationsbewegung und ihrer Köpfe in den Niederlanden fest und behandelt Themen wie Rassismus, Kolonialisierung und Sklaverei. Auf der documenta fifteen zeigt das Archiv zwei Ausstellungen sowie Ausschnitte aus ihrer Büchersammlung. Jessica de Abreu hat das Archiv mitgegründet. Im Interview spricht sie über ihre Motivation und sensible Vermittlung.

Frau de Abreu, was war Ihre Motivation dahinter, die „Black Archives“ zu gründen?

Ich habe von klein auf gemerkt, dass ich in der Schule keine Informationen darüber bekommen habe, warum meine surinamischen Eltern in den Niederlanden sind. Dabei war Surinam die größte Kolonie des Landes. Meine Eltern sind vor der Armut geflohen, die auf die Kolonialisierung zurückzuführen war. Und im Kolonialismus gab es Sklaverei, was bedeutet, dass dort viele Menschenrechte verletzt wurden. Selbst an der Uni habe ich nur einseitige Geschichten aus einer westlichen Perspektive gehört. Ich wollte mich und mein Umfeld verstehen – und tiefere Fragen stellen. Deshalb habe ich mit den „Black Archives“ angefangen.

Wie bekommen Sie Ihr Material?

Dazu muss ich in der Geschichte zurückgehen. Ich bin als Studentin der Organisation New Urban Collective beigetreten, wodurch ich gemerkt habe, dass alle People of Colour und vor allem die Schwarzen Studierenden die gleichen Erfahrungen mit Rassismus machen.

Durch unser Netzwerk sind wir auf die Söhne von Waldo Heilbron gestoßen, einem surinameischen Soziologen in Amsterdam, der viel zu nicht-westlichen Perspektiven, Sklaverei und Kolonialismus gearbeitet hat. Als er starb, hat er viele Bücher hinterlassen. Ein Teil davon ist nach Surinam gegangen, der andere blieb in Amsterdam. Wir haben seinen Nachlass verwaltet und organisiert.  

Als wir dann in das Gebäude der ältesten Schwarzen Vereinigung „Ons Suriname“ gezogen sind, fanden wir heraus, dass es dort viel wertvolles Material zu der Schwarzen Geschichte in den Niederlanden gab. Nach und nach wurde unsere Idee so populär, dass immer mehr Menschen beschlossen, uns ihre elterlichen Büchersammlungen zu schenken. Mittlerweile haben wir mehr als 10 000 Bücher in unserem Archiv.

Sie thematisieren auf der d15 nicht nur den niederländischen, sondern auch den deutschen Kontext. Wie sind Sie dazu gekommen?

Einer der Aspekte, die den europäischen Rassismus ausmachen, ist, dass wir gerne mit dem Finger auf andere Länder zeigen. So wie in den Niederlanden, wo man sagt: „Wir sind nicht rassistisch. Das Vereinigte Königreich ist rassistisch, vielleicht die USA, aber nicht die Niederlande.“

Außerdem hat Jamie Schearer mich in den Aktivismus eingeführt, das ist eine deutsche Schwarze Feministin. Es war also einfach zu sagen, dass wir über Rassismus in Deutschland sprechen werden, weil er bereits Teil meines Umfelds war.

Sie gehen sensibel an die Thematiken heran, überkleben gewisse rassistische Darstellungen und zensieren beispielsweise das N-Wort. Wieso?

Vor ein paar Jahren habe ich an einem Projekt mit verschiedenen Archiven in den Niederlanden teilgenommen. Damals habe ich mich gefragt, ob es möglich ist, die Welt zu bilden, ohne koloniale Gewalt zu reproduzieren. Wenn ich auf ein solches Bild oder Wort stoße, unterschätze ich immer, dass man sich dadurch selbst retraumatisiert.

Auch an der Debatte in den Niederlanden hat mir nicht gefallen, dass das N-Wort ständig wiederholt wurde. Das ist nicht in Ordnung, weil es selbst bei guter Absicht Auswirkungen hat. Darüber sollten wir sprechen.

Zentraler Punkt der Ausstellungsfläche auf der d15 ist ein Bücherregal. Wie haben Sie die Bücher ausgewählt?

Die Bücher behandeln Themen, die mich in den letzten Jahren beschäftigt haben. Als ich mit den „Black Archives“ angefangen habe, wollte ich mit einer Buchabteilung zum Beispiel darüber sprechen, dass Schwarze queere Rechte Menschenrechte sind. Das ist in Archiven aber nicht immer so möglich. Der Bereich der Kunst auf der d15 hat mir den Raum ergeben, damit zu experimentieren.

Mit der Abteilung „Free Palestine“ beziehen Sie auch politisch Stellung. Warum?

Das kommt aus einer Reflexion über verschiedene Freunde von mir. Außerdem haben bekannte Personen wie Angela Davis und andere Schwarze Helden sich mit dieser Bewegung solidarisiert. Deswegen müssen wir darüber reden. Es sollte eine offene und öffentliche Debatte über Perspektiven geben.

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