Symposium in der documenta-Halle

60 Jahre documenta: „Kassel hat Weltruf erlangt“

Hat die documenta-Professur an der Kunsthochschule Kassel inne: Dorothea von Hantelmann. Archivfoto: Fischer

Seit knapp zwei Jahren hat Dorothea von Hantelmann die documenta-Gastprofessur an der Kunsthochschule Kassel inne. Sie hat ein Symposium zum 60. Geburtstag organisiert.

Sie haben zu Ihrem Symposium alle documenta-Leiter der letzten zwanzig Jahre eingeladen. War es leicht, sie zur Teilnahme zu bewegen? 

Dorothea von Hantelmann: Einerseits ja - weil keiner so eine Einladung ausschlägt. Natürlich fühlen alle eine starke Verpflichtung und Bindung - die documenta bleibt für sie immer eine besondere Markierung in ihrer beruflichen Laufbahn. Rein praktisch war es andererseits schwer, weil keiner dieser Kuratoren Zeit hat. Okwui Enwezor hat vor sechs Wochen die Venedig-Biennale eröffnet, Carolyn Christov-Bakargiev eröffnet im September die Istanbul-Biennale… Die haben alle gut zu tun.

Oder ist es auch schwierig, erneut mit einem Lebensabschnitt konfrontiert zu werden, der so prägend war, aber einfach auch vorbei ist? 

von Hantelmann: Ja, vielleicht, wobei: Wir machen keine reine Rückschau. Es reicht nicht, Catherine David zu bitten, über eine Ausstellung zu sprechen, die fast 20 Jahre her ist. Das ist ja so, als würde man sich selbst historisieren. In gewisser Weise haben wir das Prinzip der Retroperspektive der documenta X aufgegriffen: Wir wollen den Blick zurück werfen, um gleichzeitig nach vorn zu gucken. Ich habe alle documenta-Leiter gebeten zu reflektieren: Was ist an eurer documenta von damals noch heute wichtig? Oder auch nicht mehr wichtig? Worin besteht Kontinuität? Wie hat es sich weiterentwickelt? Wir interessieren uns für den Gegenwartsbezug, für den Stand der Dinge heute und was uns die vergangenen documenta-Ausstellungen noch zu sagen haben. Es geht nicht um den Blick zurück um seiner selbst willen.

Was erhoffen Sie vom Symposium? 

von Hantelmann: In der documenta-Forschung gibt es wenig wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den documenta-Ausstellungen der vergangenen 20 Jahre. Da ist noch viel zu tun. Unsere Tagung ist ein Ansatzpunkt dafür. Wir bringen fünf der wichtigsten Kuratoren unserer Zeit an einen Ort um über den Stand der zeitgenössischen Ausstellungskultur zu sprechen. Davon erhoffen wir uns einen großen Erkenntnisgewinn in Hinblick darauf, was Kunstausstellungen heute sind und was sie leisten sollen. Ausstellungen der Gegenwart sind nicht mehr reine Kunstausstellungen. Ausstellungen heute sind Kanäle, durch die Denkansätze aus ganz anderen gesellschaftlichen Bereichen wie der Wissenschaft in einen größeren Kreis transportiert werden. Das hat sich bereits mit Catherine Davids documenta angebahnt. Mich interessiert, diese spezifischen Denkansätze der dX, D11, 12 und 13 nebeneinander zu stellen. Denken Sie an die D11 mit ihrer starken Auseinandersetzung mit dem Postkolonialismus oder an die d13 mit ihrer Beschäftigung mit dem Verhältnis von Menschen, Tieren und Dingen. Das sind ganz unterschiedliche Diskurse. Ist eine Ausstellung ein Medium, durch das ich jede Form des Denkens durchschleusen kann? Oder macht es einen Unterschied, ob darin Postkolonialismus reflektiert wird oder das Verhältnis von Menschen und Tieren?

Abgesehen von den Kuratoren - auf welche Gäste freuen Sie sich noch? 

von Hantelmann: Das Programm ist in Kollaboration mit den Kuratoren entstanden, die selbst Teilnehmer vorgeschlagen haben. Insofern sind einige Gäste dabei, die ich erst durch die Vorbereitungen kennengelernt habe und auf die ich sehr gespannt bin. Catherine David zum Beispiel hat im Moment ein starkes Interesse an China und zwei Gäste aus Peking eingeladen, einen Künstler und einen Kurator. Da geht es darum, wie die Methoden, die sie bei der dX entwickelt hat, anwendbar sind auf die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer chinesischer künstlerischer Praxis und ihrer Institutionalisierung. Sehr freue ich mich auch auf den Vortrag von Peter Galison, der Professor für Physik und Filmemacher ist, und der für die documenta 13 ein Notizbuch mit dem Künstler William Kentridge verfasst hat.

An wen richtet sich die Tagung - an das Fachpublikums oder an documenta-Fans in der Region, die es mittlerweile ja zuhauf gibt? 

von Hantelmann: Natürlich sind alle eingeladen, die Fans genauso wie die Spezialisten. Eine Veranstaltung, die alle inkludiert bedeutet allerdings einen ähnlichen Spagat, wie ihn jede documenta heute auch leisten muss: einerseits Wissensproduktion auf einer extrem verfeinerten, spezifischen Ebene zu generieren andererseits allgemeinverständlich zu sein. Wir haben tolle Gäste: Spezialisten aus den Bereichen Theorie und Wissenschaft, Künstlerinnen, Künstler und Kuratoren sowie eine ganze Menge Studierende aus Universitäten weltweit. Es ist eine Fachtagung, aber natürlich wünschen wir uns ein großes, allgemeines Publikum. Die documenta-Halle ist groß, wie Sie wissen. Wir freuen uns über jeden, der kommt. Es soll sich niemand ausgeschlossen oder abgeschreckt fühlen.

Sie haben die Erwartungen an die documenta-Ausstellungen angesprochen. Bedeutet die Aufgabe eines documenta-Leiters nicht eine absolute Überforderung? 

von Hantelmann: Er oder sie macht das nicht allein, im Vergleich zu Biennalen hat man sehr viel länger Zeit und ein hervorragendes Team - aber dass das eine große Aufgabe ist, wird niemand bestreiten. Aber es ist sicher auch eine der tollsten Aufgaben, die dieser ganze Betrieb anbieten kann.

Die Vorstellung ist doch vermessen, ein einzelner Experte könne den Stand der Kunst weltweit abbilden und auch noch theoretisch unterfüttern. 

von Hantelmann: Man kann und darf heute gar nicht mehr das Selbstbewusstsein haben, das so leisten zu können. Als die documenta gegründet wurde, war die Venedig-Biennale die einzige internationale Kunstausstellung in Europa. Heute gibt es an die 200 periodische Großausstellungen weltweit. Natürlich steht die documenta da in einem ganz anderen Kontext. Aber ihr ist von ihrem Anfang her der Anspruch eingeschrieben, ein Seismograph für die Kunst und das Denken der Gegenwart zu sein. Und daran muss man sich als Leiter oder Leiterin irgendwie abarbeiten.

Was kann nach einer documenta noch kommen? 

von Hantelmann: Das ist eine berechtigte Frage. Man hat in Kassel Arbeitsbedingungen - das hat Enwezor vor kurzem in einem Interview anlässlich der Venedig Biennale rückblickend gesagt - die besonders sind: viel mehr Zeit als bei Biennalen oder Triennalen sowie eine vergleichsweise stabile Finanzierung. Wenn man sich die Biografien anguckt, ist das ja sehr unterschiedlich: Einige Kuratoren gehen fest an Häuser, andere arbeiten frei weiter…

Vor eineinhalb Jahren wollten Sie mir die Frage, welches Signal Adam Szymczyks Berufung gibt, noch nicht beantworten. Zeichnet sich das inzwischen für Sie ab? 

von Hantelmann: Ich weiß über die nächste documenta genauso viel wie Sie. Athen finde ich eine interessante und radikale Setzung. Ich bin gespannt und freue mich auf Adam Szymczyks Panel auf unserem Symposium.

Nach Athen wollte ich Sie natürlich auch fragen. Welche Botschaft sehen Sie darin? 

von Hantelmann: Ich sehe darin eine konsequente Weiterführung einer Idee, die schon in der D11 artikuliert wurde: die documenta zu deterritorialisieren. Aus dem 19. Jahrhundert heraus hat Kultur immer mit Identität zu tun. Man sagt: Es ist meine Kultur. Ich gehe durch ein Museum und sehe mich in meiner Kunst- und Kulturgeschichte, die gleichzeitig die ‘meiner’ Nation ist. Das ist der Gedanke der Nationalgalerie. Darin artikuliert sich ein possessives, besitzendes Verhältnis zu Kultur. Die D11 hat schon sehr klar artikuliert, dass wir heute in einer Welt leben, wo man das nicht mehr so aufrecht erhalten kann. Wir können nicht Kultur in diesem Identitätsprinzip verankern. Das führt Szymczyk weiter.

Oder ist es nicht einfach logisch, einen zweiten Standort zu suchen, wenn die Wachstumsgrenzen in Kassel ausgereizt sind? Viel größer geht es doch in Kassel nicht. 

von Hantelmann: Muss es ja auch nicht. Ich glaube auch nicht, dass der Wachstumsgedanke zentral ist. Eine kleine documenta kann genauso gut sein wie eine große. Größe ist ja kein Gütesiegel.

Szymczyk wollte anfangs alles anders machen als seine Vorgänger und die Öffentlichkeit an seinen Plänen teilhaben lassen. Für die Athen-Entscheidung bekam er ordentlich Gegenwind. Wird er künftig auch auf Zurückhaltung, wenn nicht Geheimniskrämerei setzen? Ist das die einzig mögliche Strategie? 

von Hantelmann: Das kann ich nicht sagen - aber ich glaube nicht, dass er das aus taktischen Gründen oder Kalkül tut. Wie ich ihn einschätze, geht er dann mit Informationen an die Öffentlichkeit, wenn er es für richtig hält oder wenn es angebracht ist.

Das documenta-Archiv soll künftig zum Institut werden, wie es der hessische Kunstminister Rhein gerade bekanntgegeben hat. Ist das dann eine Konkurrenz zu Ihrem Forschungsschwerpunkt documenta an der Kunsthochschule? 

von Hantelmann: Nein, natürlich nicht. Es war immer so gedacht, die wissenschaftliche Aufarbeitung an der Universität zu situieren - sinnvolle documenta-Forschung kann nur durch die Zusammenarbeit von documenta Archiv und Universität/Kunsthochschule passieren.

Warum ist es für Kassel eigentlich so wichtig, die documenta-Geschichte zu erforschen? Und welche spannenden Fragen sind ungeklärt? 

von Hantelmann: Ausstellungen sind zu einem unheimlich wichtigen kulturellen Faktor geworden. Früher kamen zu Eröffnungen von Kunstausstellungen eine Handvoll Besucher, heute sind es Hunderte, oder, wie in Venedig und Kassel, sogar zehntausende. Seit 20, 30 Jahren gibt es einen bislang ungekannten Boom an Museumsneubauten. Dieser ganze Sektor hat sich unheimlich vergrößert und globalisiert. Innerhalb dieses wichtigen kulturellen Felds hat Kassel durch die documenta Weltruf erlangt. Schön wäre nun, wenn dies auch für die Forschung zu diesem Themenkomplex in Kassel gelten würde. Den Standortvorteil, wissenschaftliche Forschung so unmittelbar an die Praxis anbinden zu können, hat keine andere Stadt.

Was bedeutet es für die documenta, wenn sie quasi zum Gegenstand historischer Forschung wird? Die Zahl der Zeitzeugen, die schon 1955 dabei war, nimmt ja rapide ab. 

von Hantelmann: Sie zu sprechen ist natürlich toll. Aber wissenschaftliche Forschung gründet sich ja nicht nur auf Zeitzeugen. Sonst könnte man nicht viel erforschen…

Ich meinte eher: Die documenta empfindet man doch immer vor allem als Gegenwartsphänomen. Sie wird aber längst zu etwas Historischem, etwas Vergangenem. Der Zeitraum 60 Jahre ist schon sehr lang. 

von Hantelmann: Komisch, dass Sie das sagen. Ich empfinde das immer noch als ganz junge Geschichte. Die Venedig-Biennale gibt es viel länger, seit über 100 Jahren. Die Art, wie man auf die erste documenta guckt, wird natürlich anders, wenn niemand mehr lebt, der sie gesehen hat - was ja noch nicht der Fall ist. Aber irgendwann wird sich der Blick darauf wandeln. Aber das ist auch gut und richtig so. Wissenschaft ist etwas Lebendiges. Jede Generation sieht die documenta-Ausstellungen anders, wirft einen anderen Blick darauf, hat andere Interessensschwerpunkte.

Die gebürtige Hamburgerin Dorothea von Hantelmann (45), hier vor Thomas Schüttes „Die Fremden“, studierte Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin. Nach ihrer Promotion 2006 war sie Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich „Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“ an der FU. Die zweifache Mutter ist auch Kuratorin und Autorin - etwa eines der „Notizbücher“ der d13. Sie lebt in Berlin. Ihre documenta-Gastprofessur war auf zwei Jahre befristet und läuft zum 30. September aus. Das Land Hessen hat die Professur inzwischen um fünf Jahre verlängert und damit gesichert, von Hantelmann muss sich aber aufs Neue dafür bewerben. 

Das Symposium

Die Tagung „documenta 1997 - 2017: Erweiterte Denkkollektive“ findet am Freitag/Samstag, 17./18. Juli, Beginn jeweils 10 Uhr, in der documenta-Halle am Friedrichsplatz statt.

Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung wird erbeten (symposium@documenta60.de). Für die Vorträge auf Englisch ist eine deutsche Simultanübersetzung vorgesehen. Es sprechen neben Oliver Marchart und Peter Galison (Professor für Physik und Filmemacher, der für die documenta 13 ein Notizbuch mit dem Künstler William Kentridge verfasst hat) die documenta-Leiter Catherine David (17.7., 10.45 Uhr), Okwui Enwezor (14.30 Uhr), Roger M. Buergel (18.7., 10 Uhr), Carolyn Christov-Bakargiev (14 Uhr) und Adam Szymczyk (17 Uhr) - jeweils mit Gästen. „Das Programm ist in Kollaboration mit den Kuratoren entstanden, die selbst Teilnehmer vorgeschlagen haben“, sagt Dorothea von Hantelmann, die die Tagung mit Michael Lüthy moderiert.

Wir feiern 60 Jahre documenta

Anlässlich ihres 60. Geburtstags widmen wir heute die Sonntagszeit in der gedruckten Ausgabe vollständig der documenta. Nächste Woche erscheint ein weiteres documenta-Spezial.

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