Stimmen: Viele Kritiker loben das politische Programm von Carolyn Christov-Bakargiev und die Sinnsuche der Kunstschau

documenta in der Presse: Jetzt schlägt es glatt 13

Nicht alle Kunst aus Kassel ist documenta-Kunst: Die „Frankfurter Rundschau“ kündigte die d13 fälschlicherweise mit einem Werk von Stephan Balkenhol an. Foto: nh

Kassel. Der komischste Kommentar zur documenta war gar keiner. Bereits am Mittwoch machte die „Frankfurter Rundschau“ auf der ersten Seite Vorfreude auf die Kunstschau mit dem Titel „Jetzt schlägt’s 13“.

Das Foto zeigte die Skulptur „Großer Kopf“ von Stephan Balkenhol, die zur Ausstellung in der Kirche St. Elisabeth gehört. Von deren Werken hatte sich documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev im Vorfeld bedroht gefühlt. Dabei wollte die „FR“ „die documenta-Chefin damit keineswegs ärgern“, wie Feuilleton-Chef Harald Jähner gegenüber unserer Zeitung beteuert: Die Fotoredaktion fand das von dpa unter „documenta“ verschlagwortete Bild einfach gut. Für einen Teil der Auflage korrigierte die „FR“ ihren Fehler, der zeigt, dass Christov-Bakargievs Ängste nicht unbegründet waren. Für die d13 verteilen die Kritiker der meisten Zeitungen viel Lob.

Ingeborg Ruthe und Sebastian Preuss finden in der „Frankfurter Rundschau“, dass „diese 13. documenta viel besser ist als der Ruf, der ihr vorauseilt. „Es stimmt nicht, dass diese Weltschau diffus ist. Sie öffnet Räume. Sie fädelt alles auf einen Bogen, spannt ihn zurück zur Documenta X, der Catherine David den kühlen Diskurs implantierte - den ästhetischen, wissenschaftlichen, sozialen und politischen.“ Zugleich fordere sie auf zu „Sinnsuche und Sinnstiftung, für individuelle Verantwortung, jetzt, mitten in der globalen Krise“.

Kia Vahland meint in der „Süddeutschen“, dass das politische Programm einer documenta noch nie so klar war wie diesmal: „Die Kuratorin, die im Vorfeld gerne mit einer Demontage des Kunstbegriffes kokettierte, demonstriert in dieser Schau immer wieder, warum Kunst im Gegenteil lebensnotwendig ist.“ Im Kern gehe es ihr „nicht um Bienen, Erdbeeren und Rucola, sondern um den Menschen, die Kunst und beider Verletzlichkeit“. Die d 13 biete „genau die Widerborstigkeit, für welche die sperrig-schönste der deutschen Kulturveranstaltungen in aller Welt geliebt wird“.

Simpler und schöner kann ein Kunstwerk nicht sein: Ein erster Schmetterling in Kristina Buchs Garten auf dem Friedrichsplatz. Foto: Fischer

„So geht moderne Kunst“ titelt „Die Welt“ über die documenta 13. Hans-Joachim Müller findet lobende Worte: In der Karlsaue bekomme man „einen zureichenden Eindruck und ein sicheres Gespür für den Geist der Ausstellung. Die kilometerlangen Wanderungen vorbei an Baumarkthäuschen mit Kunstfüllung, an Hügelbeeten, Heilkräuterpflanzungen, Zierbaumaufstellungen, einer Schrottunterkunft und einer arabischen Garküche, an einem Hundepark und an tief fliegenden Silberreihern sind wie eine Fantasiereise durch eine Welt eigener Ordnung. (...) Der eigentliche Stoff dieser Documenta ist Künstler-Denke. Jene intuitive Intelligenz, die nicht am Selbstausdruck interessiert ist und nicht an der Übermächtigung der Sinne.“ Man finde im „ganzen fast zweihundertköpfigen Aufgebot“ keine umjubelten Darsteller und Schausteller, Zeichensetzer, Rechthaber, Rekord- und Transparentehalter, hoch gehandelte Stars der globalisierten Kunstunterhaltung. „Man vermisst sie auch an keiner Stelle.“

„Die Presse“ aus Wien stellt fest: „Ein erster Eindruck enttäuscht.“ Almuth Spiegler schreibt: „Das Beste: Jeder der rund 300 Teilnehmer bekam beachtlich viel Raum zugestanden. Dazu musste ordentlich expandiert werden (von der Chefin, die dem Wachstum so skeptisch gegenübersteht).“ Die Folge: „Eine positive Zumutung, so gut hat man Kassel noch nie kennengelernt.“ Fazit: „Diese documenta ist eine stark politische, über die Zeiten und Themen, über einige Plattitüden, einige Peinlichkeiten und einige Subtilitäten hinweg. Ins Jubeln kommt man nicht“, richtig „unbequem“, wie Christov-Bakargiev es sich wünsche, sei sie auch nicht.

„Die documenta 13 will das Verhältnis zwischen Menschen und Dingen neu bestimmen“, schreibt Hanno Rauterberg („Die Zeit“) unter der Überschrift „Lost in Kassel“: „Immer wieder drängt sich die Natur ins Bild der Kunst. Überall lassen es die Künstler grünen und sprießen, Mangoldzucht auf einem Kahn, Apfelbäume in der Aue, fast könnte man meinen, die Documenta sei zu ihren Anfängen in den Fünfzigerjahren zurückgekehrt, als die Kunst noch ein Anhängsel der Bundesgartenschau war. (...) Dies ist keine Ausstellung mehr, es ist eine Expedition. Man kann sich verlieren, auch in der Kunst. Oder man bleibt in irgendeiner Matschpfütze stecken. Den Überblick behalten? Hoffnungslos. Alles sehen, alles verstehen? Wird niemandem gelingen. Wohl noch nie war eine documenta so kontemplativ, und nie war sie verschlungener.“

„Spiegel Online“ wählt die Überschrift „Kunst bläst Gehirn frei“ und nennt das fast leere Erdgeschoss des Fridericianums einen Coup: „Das Sehen, also der Sinn, den die bildende Kunst traditionell bevorzugt bedient, wird erst mal auf Entzug gesetzt.“ In der Rotunde gehe es „ans Denken“. Hier habe CCB versammelt, was ihr Konzept ausmacht. Das würde „im Rest des Fridericianums mit Kunstwerken durchgespielt“, schreibt Karin Schulze.

Jetzt lichte sich der Rauch der verbalen Nebelkerzen, mit denen die documenta-Chefin „wolkig und auch mal obskur ihr Vorhaben einhüllte“. Unter den Wortschleiern scheine die Kunst „ganz gut gereift“. Besonders die Arbeiten, die „lose in den riesigen, malerisch schönen Karlsaue-Park hineingetüpfelt sind, nehmen die Inhalte (...) spielerisch und beiläufig auf.“ (mal/vbs/fgh)

Quelle: mydocumenta

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