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„Es ist wirklich ein Drama“: Kunstexpertin Julia Voss über das Lumbung-Konzept

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„Unheimlich gut gemacht“: „Return to Sender“ von The Nest Collective in der Karlsaue.
„Unheimlich gut gemacht“: „Return to Sender“ von The Nest Collective in der Karlsaue. © Dieter Schachtschneider

Julia Voss kennt die documenta seit Langem und aus vielen Perspektiven. Wir haben die Honorarprofessorin an der Universität Lüneburg nach ihrer Bilanz der d15 gefragt.

Kassel – Julia Voss kennt die documenta seit langem und aus vielen Perspektiven – als Leiterin des Kunstressorts der „Frankfurter Allgemeinen“ (2007 bis 2017), als eine der Kuratorinnen der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) Berlin zur Geschichte der Kasseler Ausstellung 2021 sowie als Mitglied des Kuratoriums der Arnold-Bode-Stiftung in Kassel.

Frau Voss, ist die documenta fifteen gescheitert?

Uff. Wahrscheinlich muss man das sagen. Es sind wahnsinnig viele Gefühle verletzt worden. Diese Verletzungen muss man anerkennen. Auch wenn es positive Aspekte dieser documenta gibt und vielleicht noch ein Lernprozess beginnt. Es wird auch organisatorische Konsequenzen geben, der Bund hat schon angekündigt, wieder einsteigen zu wollen.

Es sind Gefühle auf allen Seiten verletzt. Bei all denen, die die documenta als antisemitisch erleben, und auch die „Lumbung Community“ fühlt sich angegriffen, diskriminiert und bedroht.

Genau. Ich kann nicht aus der Vogelschau betrachten, was schiefgegangen ist. Aber es gibt auf vielen Seiten eine große Enttäuschung. Jüdische Gemeinden sind entsetzt, teilnehmende Künstlerinnen und Künstler fühlen sich rassistisch beleidigt. Ich bedauere sehr, dass Rassismus und Antisemitismus so gegeneinander ausgespielt worden sind. Ich hoffe, dass wir es schaffen, irgendwann in einen respektvollen Dialog miteinander zu treten.

Ruangrupa wurde vielfach vorgeworfen, dass sie ihre Aufgabe als Kuratoren gar nicht wahrgenommen haben. Stimmt das?

Ich bin sicher, dass sich an diese documenta eine ausführliche Analyse mit allerhand Experten anschließen wird. Es ist von verschiedenen Seiten, darunter Meron Mendel, gesagt worden, dass es schwierig war, Gespräche zu führen, einen Dialog aufzubauen. Wahrscheinlich muss man ganz realistisch sagen, dass, wer die documenta kuratiert, gleichzeitig bereit sein muss, den damit verbundenen Medienapparat zu übernehmen. Die documenta ist schon seit den 1960ern-Jahren eine internationale Ausstellung, die auch im Ausland Pressekonferenzen gibt. Wer die documenta macht, muss auch die Debattenflut, die sich immer an die Ausstellung knüpft, mitgestalten wollen. Und wer sie kuratiert, muss für die Entscheidungen Verantwortung übernehmen.

Ein zentraler Vorwurf ist, dass das Schneeball-Prinzip der Kollektive, die ihrerseits Künstler eingeladen haben, dazu geführt hat, dass am Ende niemand mehr für irgendetwas wirklich verantwortlich war. Ist das der Punkt, der der documenta Schaden zugefügt hat?

Das kann man so sehen. Ich bin da enorm vorsichtig. Ich habe so viele Gespräche geführt, ich habe ein Mosaik von Eindrücken, und wir haben sowieso zu viele Leute, die glauben, genau zu wissen, wie es besser gemacht werden müsste. Die Vorstellung, dass ein Kollektiv weitere Kollektive einlädt, klang verheißungsvoll. Tatsächlich ist das aber an einen Punkt gekommen, wo plötzlich niemand mehr Rechenschaft ablegen konnte, warum eine antisemitische Karikatur auf dem zentralen Platz aufgehängt wird und niemand das gesehen hat. Das ist ein Scheitern.

Ruangrupa haben auf Vernetzung gesetzt – der Lumbung-Member untereinander, auch der Künstler mit Initiativen der Stadt Kassel. Wo ist das gelungen?

Dieses Babuschka-System war sicher teilweise verwirrend. Aber ich habe Kunstwerke gesehen, die ich toll fand. Um nur zwei Beispiele zu nennen: „Return to Sender“ von The Nest Collective auf der Karlswiese fand ich inhaltlich und formal unheimlich gut gemacht. Den Film von Pinar Ögˇrenci im Landesmuseum habe ich gebannt angeschaut. Ich bin vor vielen Kunstwerken kleben geblieben. Vor dem Auftauchen des Taring-Padi-Banners ging es mir wie vielen, die ein sehr freundlich und offen gestaltetes kuratorisches Konzept erlebt haben. Wir haben uns alle sehr willkommen gefühlt. Die documenta hat ein heiteres Erscheinungsbild. Ich fand das Logo mit eines der schönsten in der Geschichte der documenta. Ich mochte die Offenheit des Ruruhauses, das eben nicht abgeschottet war. Auch als Geste der Stadt gegenüber war das total schön. Auf der Biennale in Venedig hat man häufig das Gefühl, alles, was vor Ort ist, wird ausgeschlossen. Hier waren die Türen weit aufgerissen. Es war ein Kommen und Gehen: Du machst Straßenmusik? Du bist eingeladen. Mir hat das wahnsinnig gut gefallen.

Die ersten Besprechungen am Startwochenende waren erstaunlich positiv.

Das stimmt, das gab es in der Geschichte der documenta nicht oft.

Dann wurde umfangreich über die Antisemitismus-Vorwürfe berichtet, viele andere Aspekte der Ausstellung wurden kaum wahrgenommen. Gab es da eine Schieflage?

Als das Banner hing, hat sich die Situation natürlich vollkommen verändert. Es ist dann vieles nicht mehr möglich. Man kann nicht Antisemitismus kritisieren und gleichzeitig auf die gelungenen Sachen hinweisen. Das funktioniert nicht. Es war ja nicht nur ein Indiz, sondern ein enorm antisemitisches Motiv mitten auf dem Friedrichsplatz. Das war ein Kipp-Moment. Was ich sehr bedaure, ist, dass es eine Reihe von Falschmeldungen gab. Es gab Anwürfe, Kunstwerke seien antisemitisch, und das stimmte gar nicht, wie die angebliche Kippa in einem anderen Bild von Taring Padi, die sich als eine muslimische Kopfbedeckung herausgestellt hat. Leider wurde sich für solche Falschmeldungen nicht entschuldigt, man ließ sie einfach fallen, auch da wurde keine Verantwortung übernommen. Und das Interview von Taring Padi in der „Zeit“ war eine gute Reaktion.

Sie haben sich intensiv mit den Wurzeln und Anfängen der documenta beschäftigt. Teilweise werden Kontinuitäten behauptet, wird eine Linie gezogen von der NS-Verstrickung des documenta-Mitgründers Werner Haftmann über Joseph Beuys bis zu Taring Padi. Hat das eine Berechtigung?

Nein, das sehe ich nicht so. Das sind ganz unterschiedliche Debatten und sie benötigen unterschiedliche Expertisen. Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum hat sich damit beschäftigt, dass Kunst von ermordeten deutschen Juden bei den ersten documenta-Ausstellungen nicht gezeigt wurde und wie Werner Haftmann es vermieden hat, davon zu sprechen, dass tatsächlich Leben ausgelöscht wurden. Jetzt ist die Frage, wann „Israelkritik“ antisemitisch ist. Dafür bin ich keine Expertin. Aber Vergleiche mit der Vorgeschichte der NS-Zeit führen da nicht weiter.

Eine zentrale Idee der documenta ist die Lumbung-Praxis – Teilen, Solidarität, Gemeinschaft. Hat dieses Konzept funktioniert?

Mir hat sehr eingeleuchtet, dass viele Künstlerinnen und Künstler aus Ländern kommen, in denen es eine absolute Notwendigkeit ist, im Kollektiv zu arbeiten: Es gibt bessere Möglichkeiten, sich Material zu teilen, an Räume zu kommen, man ist auch nicht so exponiert, besser geschützt vor Zugriffen des Staates. Die Künstlerinnen und Künstler nutzen jetzt in ihrer Reaktion genau diesen Schutzschild, in dem Sinne: Wir werden von Anfang an angegriffen, wir lassen uns nicht auseinandertreiben, wir stärken uns gegenseitig, wir bleiben im Kollektiv. Wir stellen niemanden nach vorn und sagen: Du bist schuld. Das kann ich verstehen, aber dadurch ist natürlich auch kein Dialog entstanden, obwohl es wirklich ernsthafte Versuche gab, zum Beispiel von Meron Mendel. Diese mangelnde Dialogbereitschaft von Ruangrupa hat abgeschreckt. Warum das so gescheitert ist…

… das fragen wir uns auch.

Und es ist wirklich ein Drama. Wobei die Diskussion aber auch von unterschiedlichen Anliegen überlagert worden ist, die seit langem verfolgt werden. Ich habe das Gefühl, das Lumbung-Prinzip ist von einigen von Anfang an unter Verdacht gestellt worden, es wurde eine Art Täuschungsmanöver vermutet, um antisemitische Tendenzen zu verdecken. Es gab Vorbehalte gegen die Kollektive, dagegen, dass sie sich als „globalen Süden“ bezeichnet haben. Es gab sehr unangenehme Anwürfe, eine Berichterstattung, die auf Herabwürdigung abzielte. Es gab Versuche, die gesamte postkoloniale Debatte abzuwürgen. Die documenta sollte der Stein sein, unter dem man sie begräbt. Auch das hat die Situation enorm beschwert.

Das ist die Linie der Findungskommission: Man habe sich so auf Antisemitismus gestürzt, dass man damit das Lumbung-Konzept diskreditieren oder ignorieren konnte.

Ich würde auch die Stimmen gegen die documenta nicht als einheitliche Masse wahrnehmen. Es gab durchgehend unterschiedliche Stimmen. Die Berichterstattung im deutschen Printbereich und die Diskussionen auf Twitter waren eher aggressiv, auf Instagram dagegen ist es anders gelaufen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob wirklich alle Kommentatoren tatsächlich auf der documenta waren. Es würde sich lohnen, da nachzufragen. Die sich am aggressivsten äußern, sind häufig die, die nicht nach Kassel kommen.

Der Kunstmarkt sollte bewusst außen vor bleiben – die Prinzipien der Solidarität und des Teilens gelten auch für die Lumbung Gallery. Kann das gelingen? Oder werden die documenta-Teilnehmer vom Markt aufgesogen? Sehen wir bald Kollektive aus Kenia und Kolumbien in Galerien und Museen?

Es gibt bestimmt einige Arbeiten, die sich für einen großen, internationalen Kunstmarkt eignen würden. Aber bei vielem ist es schwierig, es ins Kanalsystem des Kunstmarkts einzuschleusen. Trotzdem wird es so sein wie bei früheren documenta-Ausstellungen: Sie sind ein Sprungbrett für Künstlerinnen und Künstler, die eine Sichtbarkeit bekommen, die sie vorher nicht hatten.

Ist der Gedanke der Kollektivität zukunftsweisend? Oder braucht die documenta wieder eine starke Frau oder einen starken Mann an der Spitze?

Keine Person hat eine documenta je allein gemacht. Es gab immer ein Kollektiv mit einer Frontfrau oder einem Frontmann. Für die documenta ist auch immer eine Pendelbewegung typisch: Zumindest bei der nächsten wird man sich wieder für eine oder zwei Personen entscheiden, die auch Rede und Antwort stehen. Sie müssen auch Lust haben auf das Medienereignis documenta. Denn das ist sie immer: eine unfassbare Medienplattform. Jeder, der eine documenta kritisiert, weiß: Man hat damit einen Schallverstärker, der weit über Deutschland hinausgeht. Man muss sich künftig wahrscheinlich mit einem kuratorischen und einem Medienkonzept bewerben.

Wird in Kassel auch ganz grundsätzlich verhandelt, wie weit die Kunstfreiheit gehen darf?

Die d15 ist die erste documenta seit dem BDS-Beschluss im Bundestag. Es ist bis heute für Kulturinstitutionen nicht klar, was er genau bedeutet. Heißt das, dass sie die Biografien und Schriften aller Künstler genau durchgehen müssen? Das ist kein juristisch bindender Beschluss, aber trotzdem eine Riesenherausforderung.

Drei ehemalige Kasseler Oberbürgermeister haben sich gerade zu Wort gemeldet: Die Grenze sei allein das Strafrecht. Was gezeigt werden kann, dürften keine Politiker, Beiräte oder Interessengruppen entscheiden.

Das klingt erst mal richtig…

Aber es gibt auch eine kuratorische Verantwortung? Da sind wir wieder am Anfang.

Die Frage ist auch, wieso die documenta zu jenem Ort geworden ist, an dem sich diese Debatte ereignet. Sie ist vermutlich die Großausstellung weltweit, die am wenigsten Vorgaben bekommt und am meisten öffentliche Gelder. Wo private Geldgeber beteiligt sind, wird enger im Vorfeld abgesprochen, wer welche Arbeiten wie produziert, wofür die gemacht werden. So kommt es selten zu politisch kontroversen Arbeiten. Ich finde es gut, wenn der Staat sich raushält. Aber es gibt einen Haken: Weil die documenta so stark staatlich finanziert ist, ist sie gleichzeitig immer eine Staatsaffäre. Was in Kassel gezeigt wird, gilt als repräsentativ für Deutschland. Das heißt, die Kunstfreiheit ist groß, der Symbolcharakter für Deutschland aber genauso. Was auf der documenta hängt, wird strenger bewertet. Mit diesem Paradox wird man umgehen müssen.

Was wünschen Sie sich für die documenta 16?

Angesichts der Klimakrise: Eine grüne documenta. Die Ausstellung ist 1955 aus der Bundesgartenschau hervorgegangen. Kein schlechtes Erbe, daraus ließe sich viel machen.

Sie haben im Frühjahr in der Gesprächsreihe des documenta-Instituts ihre Verbundenheit mit der documenta geäußert. Sind Sie noch ein Fan der Ausstellung?

Ja. Ich gehöre auch nicht zu denen, die sagen, das Experiment ist gescheitert – also man hätte es nie machen dürfen. Ich habe es im Vorfeld geschätzt. Es gab viele gute Gründe, Ruangrupa auszuwählen. Dass man es gewagt hat, war richtig. Man hat nicht wissen können, wie es ausgeht. Dass es so ausgegangen ist, finde ich unendlich schade.

Zur Person: Julia Voss

Prof. Dr. Julia Voss (48), in Frankfurt geboren, war bis 2017 stellvertretende Leiterin des FAZ-Feuilletons. Sie lehrt am Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft der Universität Lüneburg und ist für das Deutsche Historische Museum Berlin tätig. Ihr Buch „Die Menschheit in Erstaunen versetzen: Hilma af Klint - Leben und Werk. Biographie“ (S. Fischer) war für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.

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