Während der documenta

Jutesäcke verhüllen die Torwache: Das steckt hinter der Kunstaktion

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Dominik Großpietsch und Lara Thiele aus unserer Redaktion präsentieren schonmal einen Jutesack vor dem Torhaus.

Kassel. Das nächste spektakuläre Kunstwerk zur documenta in Kassel: Der südliche Teil der Torwache wird mit Jutesäcken verhüllt. Wir erklären, was hinter der Aktion steckt.

Noch 31 Tage sind es bis zur Eröffnung der documenta 14 in Kassel, aber schon jetzt wird immer mehr sichtbar von der Weltkunstausstellung. Wobei: Was heißt sichtbar? Ein Gebäude verliert vorübergehend sein Gesicht – wird umhüllt von Jutesäcken. Dabei handelt es sich um den südlichen Teil der Torwache, der an das Hessische Landesmuseum grenzt. Das bestätigte am Dienstag documenta-Sprecherin Maxie Fischer.

Pünktlich zum Start der documenta am 10. Juni soll die Torwache komplett verkleidet sein. Anfang der kommenden Woche beginnen die konkreten Vorbereitungen am Gebäude. Andere Arbeiten in Bezug auf das Kunstwerk des Ghanaers Ibrahim Mahama laufen bereits. So werden in der Kasseler Henschelhalle noch bis Freitag jeweils von 10 bis 13 und 13.30 bis 16 Uhr Jutesäcke zusammengenäht – von Menschen aus Kassel, aber auch von Künstlern, mit denen Mahama schon zu tun hatte. Die Vorbereitung ist als Performance angelegt, als künstlerische Aktion.

Jutesäcke kommen aus aller Welt

Die Jutesäcke für die Verhüllung des Torhauses werden aber nicht nur aus Kassel kommen, sondern auch aus Athen und anderen Orten der Welt, in denen Mahama bereits gewirkt hat. Er sorgt für einen weiteren Hingucker in Kassel, nachdem auf dem Friedrichsplatz mit dem Parthenon und auf dem Königsplatz mit dem Obelisken zwei zentrale Kunstwerke entstehen.

Künstlerische Aktion in der Henschelhalle an der Wolfhager Straße: Auch hier werden die Jutesäcke für die Verhüllung der Torwache zusammengenäht.

Gerüchte um eine Verhüllung während der documenta hatte es zuletzt immer mal wieder gegeben – zuletzt war sogar vermutet worden, dass das Fridericianum verkleidet wird. Dort war zuletzt die Aufschrift abgenommen worden. Maxie Fischer aber erklärte nun in Bezug auf das Fridericianum: „Es wird keinen weiteren Eingriff geben.“ Es bleibt also so, wie es ist – mal abgesehen von den fehlenden Buchstaben, für die es Ersatz geben wird.

Das ist der Künstler Ibrahim Mahama

Ibrahim Mahama, der 1987 in Tamale, Ghana, geboren wurde, ist ein Shootingstar der internationalen Kunstszene. Vor zwei Jahren hat der Absolvent der Kwame Nkrumah Universität in Kumasi an der Venedig-Biennale teilgenommen und dort zwei Wände des historischen Werftgeländes Arsenale verhüllt.

Im Februar eröffnete seine erste große Einzelausstellung in London. In der White Cube Galerie präsentierte er auch künstlerische Arbeiten mit Leder-Sitzpolstern aus ghanaischen Zügen und Holzboxen, in denen Schuster ihr Werkzeug verstauen.

Erläuterte seine Kunst mit viel Geduld: Ibrahim Mahama in Athen.

Bekannt aber wurde der 29-Jährige mit der Jute, deren Verwendung für Vorhänge, Kostüme und Dekoration in seiner Heimat lange Tradition hat. Zuerst hat er in Ghana Museen, Theater, Bahnhöfe und Ministerien damit verborgen.

Die Performance in der Henschelhalle (bis 12. Mai, Wolfhager Str. 109, 10-13/13.30-16 Uhr) knüpft an eine ähnliche Aktion zum documenta-Auftakt auf dem zentralen Syntagma-Platz in Athen an. Dort nähten Helfer mit grobem Faden und dicker Nadel drei Stunden lang zerschlissene, beschriftete Säcke zusammen. Das Publikum fordert er stets zum Mitmachen auf.

Aktion auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament: Zum documenta-Auftakt nähten bereits am 7. April junge Helfer Jutesäcke zusammen.

Mahama erhält die Säcke von Händlern im Tausch gegen neue. Sie werden in Asien hergestellt und in Ghana für den empfindlichen Kakao, später für den Export von Kaffee, Reis und Bohnen und zuletzt für Kohle verwendet. Für Mahama sind sie „forensische Beweismittel“, erläutert der d14-Katalog. Sie manifestieren Warenströme und Produktionsbedingungen, stehen stellvertretend für Arbeit, Handel und Migration im Kapitalismus.

Die eigentliche Währung, sagt Mahama, ist Erinnerung. „Wer webt, verpackt, belädt und transportiert, hinterlässt auch seinen Schweiß, seinen Namen, Daten und andere Koordinaten auf den Säcken“, schreibt Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: „Aus den Säcken werden Häute mit Narben.“ Indem Mahama Gebäude mit den Zeugnissen der Waren-Zirkulation verhüllt, will er Widersprüche zu den historischen Räumen und ihrer Bedeutung aufzeigen, ihnen neuen Sinngehalt verleihen.

Hintergrund: Die Torwache am Brüder-Grimm-Platz

Das südliche Torhaus am Hessischen Landesmuseum ist Teil einer Toranlage, die Kurfürst Wilhelm I. zu Beginn des 19. Jahrhunderts errichten ließ und von der auf beiden Seiten der Wilhelmshöher Allee am Rande des Brüder-Grimm-Platzes nur Fragmente zu sehen sind. Errichtet wurde die als Torwache bezeichnete Anlage von Hofbaumeister Heinrich Christoph Jussow (1754 – 1825). 

Die Torwache sollte, so wird es auf der Internetseite der Museumslandschaft Hessen Kassel beschrieben, die Erlangung der Kurfürstenwürde ihres Bauherren im Jahr 1806 unterstreichen, letztlich bildete sie den Schlusspunkt der mehr als vier Kilometer langen Wilhelmshöher Allee. Nach der Absetzung des Kurfürsten stagnierten die Arbeiten an den Bauten, nur das nördliche und südliche Torhaus wurden vollendet. 

Kommentar von Florian Hagemann: Gegen die Schandflecke

Mit der Verhüllung der Torwache sorgt die documenta 14 für einen weiteren Hingucker und eine weitere Attraktion. Verhüllungen haben schließlich immer etwas Geheimnisvolles und damit ihren Reiz – egal, ob nun Jutesäcke im Einsatz sind oder nicht. Von daher steigt die Vorfreude auf dieses Kunstwerk und – natürlich – auf die Weltkunstausstellung an sich.

Trotzdem scheint an dieser Stelle ein wenig Kritik angebracht. Warum um Himmels Willen verstecken diese Künstler mit der Torwache ein Gebäude, das mit ein bisschen Wohlwollen zum Prunkstück taugt? Warum lassen sie nicht einfach mal – mir nichts, dir nichts – die Schandflecke verschwinden, gegen die jeder Jutesack eine Perle wäre?

Warum also nicht auf diese Art das Kakerlakenhaus am Holländischen Platz verschönern? Oder die Ruinen an der Leipziger Straße? Oder die leerstehenden Gebäude an der Kurt-Schumacher-Straße? Wobei: So viele Jutesäcke gibt es nicht, um all die Hässlichkeiten dort zu verhüllen.

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