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documenta in Kassel: Erneut Antisemitismus-Vorwürfe - Zentralrat der Juden fordert Abbruch

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Von: Mark-Christian von Busse, Marie Klement

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Auf einem Tisch im Fridericianum: Die von der Initiative „Archives des luttes des femmes en Algérie“ ausgestellte Broschüre.
Auf einem Tisch im Fridericianum: Die von der Initiative „Archives des luttes des femmes en Algérie“ ausgestellte Broschüre. © Uwe Zucchi/dpa

Ein weiteres Mal steht die documenta wegen eines antisemitischen Bildes in der Kritik. Nun äußern sich die Stadt Kassel und das Land Hessen. Der Zentralrat der Juden erhebt derweil neue Vorwürfe.

Kassel - Die Gesellschafter der documenta, Stadt Kassel und Land Hessen, fordern angesichts der antisemitischen Bildsprache eine geeignete Kontextualisierung der Broschüre „Présence de Femmes“. Bis diese Einordnung angemessen vorgenommen sei, erwarten sie, dass die künstlerische Leitung die diskutierten Zeichnungen aus der Ausstellung im Fridericianum nimmt.

Der Zentralrat der Juden wird angesichts der erneuten Ereignisse deutlicher und fordert quasi einen Abbruch der Kunstschau: „Dass diese documenta wirklich bis zum 25. September laufen kann, erscheint kaum mehr vorstellbar“, sagt Präsident des Zentralrats, Josef Schuster. Die neuesten Funde antisemitischer Darstellungen bei der documenta und der Umgang der Verantwortlichen mit diesen machen fassungslos, schreibt der Zentralrat der Juden zu den jüngsten Entwicklungen. 

documenta in Kassel: Zentralrat der Juden erhebt Vorwürfe

Dazu erklärt Schuster: „Seit Wochen diskutiert dieses Land über Antisemitismus, BDS und Israelhass. Die Leitung der documenta tut weiter so, als ginge sie das nichts an. Offensichtlich ist es unerheblich, wer dort die Geschäftsführung innehat.“ Man müsse sich daher fragen, wie weit man in Deutschland sei, wenn diese Bilder als Israelkritik für gut befunden werden könnten. „Das Schweigen der Verantwortlichen in der Kulturpolitik hierzu ist dröhnend“, so Schuster. Diese documenta werde als antisemitische Kunstschau in die Geschichte eingehen.

Das Heft war 1988 in Algier veröffentlicht worden. Ausgestellt wird es im Fridericianum von der Initiative „Archives des luttes des femmes en Algérie“ („Archive der Frauenkämpfe in Algerien“). Nach Auffassung der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (RIAS Hessen) enthalten die Zeichnungen des syrischen Künstlers Burhan Karkoutly bei den Darstellungen israelischer Soldaten antisemitische Stereotype. Die documenta hatte darauf verwiesen, dass das Werk bereits vorübergehend aus der Ausstellung entfernt und staatsanwaltschaftlich geprüft worden sei. Es sei als strafrechtlich nicht relevant eingestuft worden.

documenta in Kassel: Fehlende Erläuterung des Ergebnisses wird kritisiert

„Die umgehende rechtliche Bewertung der Zeichnungen durch Externe war ein richtiger Schritt“, heißt es in einer Stellungnahme der Gesellschafter von Donnerstag (28. Juli), „die Frage, ob hier antisemitische Bildsprache vorliegt, wurde leider lediglich intern bewertet“. Es sei versäumt worden, eine Erläuterung vorzunehmen und die Besucherin, die auf die antisemitischen Motive aufmerksam gemacht hatte, über das Ergebnis der Klärung zu informieren. „Diese Vorgänge haben nicht unter der Verantwortung des Interimsgeschäftsführer Alexander Farenholtz stattgefunden“, betonen Stadt und Land. Farenholtz wolle diese Versäumnisse nun nachholen. Der Umgang mit den Zeichnungen zeige, wie dringend notwendig die externe Expertise bei der Analyse von Werken auf antisemitische (Bild-)Sprache ist.

Unter Antisemitismusverdacht: Das Journal von „Présence de femmes“ (1988) zu Palästina.
Unter Antisemitismusverdacht: Das Journal von „Présence de femmes“ (1988) zu Palästina. © Leonie Krzistetzko

documenta in Kassel: FDP fordert vorläufigen Stopp der Ausstellung

Unterdessen hat die FDP einen vorläufigen Stopp der documenta fifteen verlangt. „Die neuerlichen Antisemitismus-Vorwürfe offenbaren einen Abgrund. Die documenta muss sofort unterbrochen werden“, sagte FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Die Vorfälle müssten zunächst aufgeklärt und die Ausstellung umfänglich auf weitere antisemitische Werke und Inhalte überprüft werden.

„Es kann nicht sein, dass die Ausstellung weiterhin finanzielle Mittel aus dem Bundeshaushalt erhält, geöffnet ist und Besucher empfängt, während diese ungeheuerlichen Vorgänge nicht restlos aufgeklärt und unterbunden sind“, sagte Djir-Sarai. „Antisemitismus ist Hass und kann daher nie und in keiner Weise die Freiheit der Kunst in Anspruch nehmen.“

documenta in Kassel: Claudia Roth ist für zeitweilige Entfernung der Broschüre

Auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) ist für eine zumindest zeitweilige Entfernung der neuen als antisemitisch kritisierten Kunstwerke von der documenta: „Es ist gut und richtig, dass die Gesellschafter der documenta die künstlerische Leitung jetzt aufgefordert haben, diese Zeichnungen aus der Ausstellung zu nehmen“, sagte Roth am Donnerstag in Berlin. (vbs/dpa/epd)

Alle Artikel zur Weltkunstausstellung in Kassel sammeln wir in unserem documenta-Themenspezial.

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