Occupy-Bewegung will sich mit Kunstwerk bei Carolyn Christov-Bakargiev bedanken

Occupy-Bewegung: Über Nacht noch mehr Zelte auf Friedrichsplatz

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28 Zelte wurden in der Nacht von der Occupy-Bewegung vor dem Fridericianum aufgebaut: Auf ihnen sind Grunde (wie zum Beispiel Gier) zu lesen, die für den schleichenden Zusammenbruch der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden.

Kassel. Überraschung für die documenta-Leitung: Die Camper der kapitalismuskritischen Occupy-Bewegung haben in der Nacht zum Samstag 28 neue Zelte vor dem Fridericianum aufgestellt.

Die documenta wusste von der Aktion nichts. Am Sonntag sagte Carolyn Christov-Bakargiev, die künstlerische Leiterin, dass die Zelte stehen bleiben dürfen.

Die 28 neuen Zelte seien als „Dank an die Kuratorin und als freundlicher Akt“ gedacht, sagte Dr. Alexander Beck, zeitweise Bewohner des Zeltlagers. Sie sollten nicht als Gegenkunstwerk verstanden werden. Zerstörung und Wiederaufbau ist ein Motto der documenta, das habe man nun auch für das Occupy-Camp übernommen.

Fotos: Noch mehr Zelte auf Friedrichsplatz

Occupy-Bewegung: Noch mehr Zelte auf Friedrichsplatz

Es stehen sich nun zwei Teile des Camps gegenüber: Das wilde Lager der am Wochenende etwa 15 Kapitalismuskritiker und eine schicke und saubere weiße Reihenhauszeltstadt – mit eigens dafür hergestellten Kunst-Zelten aus Lkw-Planen. Damit verdeutliche Occupy nicht nur die sozialen Differenzen, sondern auch die Unterschiede im Denken und Handeln, sagte Beck.

Für die Aktivisten sei auch die „saubere“ Zeltstadt diejenige, die trotz schöner Fassade aktuell den Zusammenbruch erlebt. Es sei ein langsamer, schleichender Zusammenbruch „durch den Glauben, es wäre besser, es würde sich nichts ändern, und man könnte der Macht von Kapital und Politik ungeprüft vertrauen“.

Die Kapitalismuskritiker haben aus ihrer Sicht 20 Gründe für diesen „schleichenden Zusammenbruch“ auf die weißen Zelte geschrieben. „Überschuldung“ wird dort genannt, zudem sind neben den sieben Todsünden auch Wörter wie Bestechung, Humankapital, Bildungslosigkeit, Machtmissbrauch und Boni zu lesen. Von der documenta-Leitung hoffe man auf ein positives Signal, sagte Beck am Samstag.

Artikel aktualisiert um 15.15 Uhr

Das gab es dann am Sonntag von Carolyn Christov-Bakargiev: „Ich begrüße die Bewegung auf dem Friedrichsplatz, die in den letzten Wochen friedlich gewachsen ist. Sie setzt die Welle der demokratischen Proteste fort, die sich über viele Städte der Welt verbreitet hat. Sie realisiert und repräsentiert die Möglichkeit, die Nutzung des öffentlichen Raumes neu zu erfinden und scheint mir im Geist der Zeit und im Geist von Joseph Beuys zu stehen, der die documenta und ihre Geschichte stark geprägt hat. Mit dieser Begrüßung lade ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bewegung ein, sich um den Platz zu kümmern und die Verantwortung für den Raum zu übernehmen, den sie das Recht haben zu besetzen, und die Menschen der Stadt Kassel und die Besucher der documenta zu respektieren, im weltlichen Geist des Entstehens und Werdens“, schrieb Christov-Bakargiev in einer Pressemitteilung.

Falls durch das wochenlange Zeltlager der Kapitalismuskritiker der Rasen in Mitleidenschaft gezogen werde, wollen die Camper dafür aber keine Verantwortung übernehmen: Frisches Grün müsse die Stadt bezahlen, sagte Beck.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Quelle: mydocumenta

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