Kurzbesuch: Gregor Gysi auf der documenta in Kassel

+

Kassel. Das Bad in der Menge ist für Profi-Politiker eine gewohnte Übung. Gregor Gysi beherrscht sie offenbar souverän: Bei seinem documenta-Kurzbesuch am Montag tauchte der Fraktionschef der Bundestags-Linken ganz reibungslos in den Strom der Touristen ein.

Auf dem Gebiet der Rhetorik gilt Gysi vielen ja selbst als Künstler. Bei der Schnellführung durch doc-Mitarbeiterin Eva Scharrer kam dieses Talent allerdings kaum zum Tragen: Hier ein „Sehr schön“ oder „Interessant“, dort eine Nachfrage, etwa nach den damaligen politischen Unterstützern des documenta-Vaters Arnold Bode – ansonsten beschränkte sich der Vorzeige-Linke auf konzentrierten Kunstkonsum. Und nur wenige Umstehende nahmen Notiz von dem klein gewachsenen Besucher im autobahnbedingt nicht mehr ganz knitterfreien Anzugsakko.

Einige aber schon. Ein Ehepaar tauschte stumm bedeutungsvolle Grimassen aus, worauf sie die Kamera für einen verstohlenen Schnappschuss aus der Handtasche kramte. Ein älterer Herr in Karohemd und kurzen Hosen machte nicht so viel Umstände und baute sich breitbeinig, aufs Display in Bauchhöhe peilend, vor Gysi auf, das Grinsen des Fotosafari-Erfolges im Blick. Ein anderer Besucher schüttelte en passant die Hand des prominenten Polit-Besuchers.

In Sachen Kunst ganz Diplomat, äußerte sich Gysi „überwältigt von der schieren Größe“ der Kasseler Schau. Und meinte, dass „moderne Kunst einen ja immer ein bisschen überfordern“ müsse. Für tiefere Einstiege war terminbedingt keine Zeit, per Handy hatte Gysi seinen Fahrer schon hinters Fridericianum dirigiert.

Dort wartete eine dicke silberne S-Klasse mit Fahrer und Berliner Kennzeichen. „Gysi?“ Bernd Ender legte verblüfft den Lesestoff zur Seite. „Nö, ich fahr’ den Wolfgang Thierse!“ Auch der Bundestagsvizepräsident war gestern auf Kunst-Visite, er treffe in Kassel eine Reisegruppe der SPD. Davon abgesehen, so der Chauffeur: „Ich weiß gar nicht, ob der Gysi überhaupt Mercedes fährt.“

„Mensch, Genosse!“

Gysi bewegte sich nach dem Museumsrundgang eher am anderen Ende des Komfortspektrums und marschierte straffen Schrittes auf die Bewohner des Occupy-Zeltlagers auf dem Friedrichsplatz zu. Dort gab es niemanden, der ihn nicht sogleich erkannte: „Mensch... Genosse!“, entfuhr es einer Camperin, und auch andere in der Runde outeten sich als Linkspartei-Anhänger und waren begeistert über den Überraschungs-Besucher.

Der traf gleich einen volksnahen Ton: „Jetzt sagt mir mal eins hier“ – was man denn mit der Besetzung erreichen wolle? „Wir wollen Transparenz uns Basisdemokratie zeigen“, erklärte Platzbewohner Chris und fand den Hinweis wichtig, dass „das hier aber nichts mit Kommunismus zu tun“ habe.

„Das vergessen Sie mal bitte gleich“, wurde Gysi daraufhin recht nachdrücklich: „Ich bin demokratischer Sozialist. Das ist ein großer Unterschied.“ (asz)

Quelle: mydocumenta

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.