Die documenta 13 verstehen: Afghanistan gehört zu den großen Themen der Weltkunstausstellung

Was Kassel mit Kabul verbindet

Der Wandteppich von Goshka Macuga im Fridericianum zeigt ein Foto von einer Festgesellschaft vor dem Darulaman-Palast in Kabul. Ein zweiter Wandteppich ist in Kabul zu sehen. Das Motiv stammt von der Verleihung des Arnold-Bode-Preises 2011 in Kassel. Foto: Koch

Kassel. Gäbe es ein offizielles Partnerland der documenta 13, dann wäre dies Afghanistan. Allein sechzehn Künstler thematisieren in ihren Arbeiten das Land am Hindukusch und schaffen Bezüge zu Kassel.

Anlass dieser Schwerpunktsetzung durch die künstlerische Leiterin Carolyn Christov- Bakargiev ist allerdings nicht der aktuelle Konflikt in Afghanistan und die Diskussion um den westlichen Militäreinsatz. Ihr Bezugspunkt ist ein künstlerischer, und er reicht zurück in die frühen 1970er-Jahre.

Damals reiste der italienische Künstler Alighiero Boetti (1940-1994) nach Kabul. Er eröffnete dort ein legendäres Hotel, das Hotel One, und ließ von afghanischen Frauen Stickbilder anfertigen. Eines dieser Bilder, eine Weltkarte, ist im Fridericianum als Teil einer Arbeit von Mario Garcia Torres zu sehen. Der mexikanische Künstler hat die Geschichte des Hotels aufgearbeitet. Auch ein Kassel-Bezug wird dokumentiert: Torres zeigt einen Briefwechsel des documenta-5-Teilnehmers Boetti mit dem damaligen Leiter Harald Szeemann.

Der aktuelle Konflikt in Afghanistan wird von der documenta 13 nicht ausgeblendet: Ausdrücklich wird auf den „paradoxen und unhaltbaren Zustand des Konflikts und der Belagerung“ verwiesen. Die Künstler zeichnen aber ein komplexeres und auch historisch fundierteres Bild des Landes, als wir es aus der aktuellen Kriegsberichterstattung kennen.

Seit 2010 hat Christov-Bakargiev Afghanistan intensiv in ihre Planungen einbezogen. Unter anderem gab es Seminare für junge Künstler in Kabul und Bamiyan, dem Ort, wo die Taliban im Jahr 2001 die zum Unesco-Welterbe gehörenden Buddha-Statuen zerstörten.

In einer eindrucksvollen documenta-Arbeit im Fridericianum stellt Michael Rakowitz eine Beziehung zwischen Bamiyan und Kassel her: Seine Installation „What Dust will Rise“ vereint Reste der Buddha-Statuen mit Resten von Büchern, die 1941 beim Bombenangriff auf die Hessische Landesbibliothek im Fridericianum zerstört wurden.

Im Zentrum stehen Nachbildungen wertvoller Bücher aus der Kasseler Bibliothek in Travertinstein aus Bamiyan durch italienische und afghanische Bildhauer. Sie erfüllen das documenta-Motto von „Zusammenbruch und Wiederaufbau“ mit Leben.

Das Fridericianum ist auch Gegenstand einer Doppel-Videoarbeit von Mariam Ghani. Sie stellt die Geschichte und Magie dieses Baus dem zerstörten Darulaman-Palast in Kabul gegenüber. Wie sehr der künstlerischen Leiterin die Afghanistan-Verbindung am Herzen liegt, zeigt auch eine Landschaft in Öl von Mohammed Yusuf Asefi im innersten Bezirk der documenta 13, dem „Brain“ (Gehirn) in der Rotunde des Fridericianums. Asefi hatte in Kabul zahlreiche figürliche Gemälde vor der Zerstörung durch die Taliban gerettet, indem er sie mit abwaschbarer Wasserfarbe übermalte.

Am plakativsten wird die Beziehung Kassel-Kabul durch zwei riesige Foto-Wandteppiche der polnischen Bode-Preisträgerin Goshka Macuga sichtbar: Einer ist in Kabul zu sehen mit Motiven aus Kassel. Der andere zeigt im zweiten Obergeschoss des Fridericianums eine Festgesellschaft vor dem Darulaman-Palast. Kassel und Kabul werden so zu zwei Hälften einer Ganzheit.

Von Werner Fritsch

Quelle: mydocumenta

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