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Start-up-City Kassel? Was junge Gründer in der documenta-Stadt bewegt

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Von: Paul Bröker

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Kerstin Lopau (Solocal Energy) und Fabian Berger (Veload) fahren auf einem Schwerlastenrad vor ihrem Büro im Science-Park Kassel.
Solarstrom vom Balkon und ein Fahrrad, das ein Auto ersetzen kann: Junge Gründer haben heute ganz bestimmte Vorstellungen von nachhaltigem Wirtschaften. © Paul Bröker

Im Projekt 100 Tage stellen wir junge Menschen vor, die Kassel voranbringen. Nicht nur die documenta will nachhaltig sein. Auch junge Gründerteams möchten anders wirtschaften.

Kassel – Die Stadt der Automobilindustrie. Die Stadt der Rüstungsindustrie. Die Stadt des Maschinenbaus. Kassel ist ohne Frage industriell geprägt. Doch laut Daten des Statistischen Landesamts arbeitet der überwiegende Teil der Kasseler im Dienstleistungsgewerbe: gut 90.000 von insgesamt knapp 114.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die ihren Arbeitsort in der documenta-Stadt haben.

Beim Thema Gründungen kommt vielen dennoch zuerst das Start-up im Industrie- und Technologie-Bereich in den Sinn. Das überrascht nicht: Das produzierende Gewerbe macht schließlich rund ein Drittel der gesamten Wertschöpfung in Deutschland aus – bei vergleichbar wenigen Beschäftigten, wie Daten des Statistischen Bundesamts zeigen.

100 Tage: Die Stadt jenseits der documenta

Kassel als documenta-Stadt, Grimmheimat, Hauptstadt der Waschbären, Residenz des Herkules? Kassel ist mehr. Und das wollen wir zeigen. Im Schwerpunkt „100 Tage“ stellen die HNA-Volontäre engagierte Kasselerinnen und Kasseler, spannende Projekte und versteckte Ecken vor – in der Zeitung, Online und auf unserem Instagram-Kanal kassellive.

Junge Gründer in Kassel: Das klassische Start-up findet sich eher im Autohandel

Doch bei den Gewerbeanmeldungen liegt das produzierende Gewerbe abgeschlagen zurück. Laut dem Gründerreport 2021 der Industrie- und Handelskammer (IHK) haben 2020 in Hessen dagegen vor allem diese beiden Bereiche dominiert:

Zum Vergleich: Das verarbeitende Gewerbe, das zum produzierenden Gewerbe gehört, kommt in Hessen lediglich auf 3.295 Gewerbeanmeldungen im Jahr 2020.

Woran liegt das? Offenkundig ist es allein technisch wesentlich einfacher, mit Autohandel sein Geld zu verdienen als mit der aufwendigen Herstellung von Gütern. Für die Produktion ist zudem ein höherer Kapitaleinsatz nötig.

Kasseler Start-up baut Schwerlastenrad: Veload denkt nachhaltig

Ein Start-up aus Kassel, das dennoch diesen Schritt geht, also eine Produktion aufbaut, ist Veload. Die Jungunternehmer Alex Wehfritz (Entwicklung und Produktion), Fabian Berger (Vertrieb) und Annette Holl (Montage) haben ihre Büro- und Werkstatträume im Science-Park nahe dem Nordstadtpark. Ihr Produkt: ein auffälliges Schwerlastenrad.

Unternehmensprofil: Veload

Veload ist 2019 als studentisches Projekt an der Universität Kassel entstanden. Seit 2021 existiert eine GbR, die demnächst in eine andere Rechtsform überführt werden soll. Produkt ist ein Schwerlastenrad, das bis zu 200 Kilo Last, auch eine Europalette, auf seiner Ladefläche transportieren kann. Es bietet Platz für zwei Personen, wobei nur eine in die Pedale treten muss. Das Veload verfügt über einen unterstützenden E-Motor und gilt wegen seiner Beschränkung auf 25 km/h als Pedelec. Das neueste Modell „Coria“ arbeitet mit einer Nabenschaltung von Shimano und kostet inklusive Akku rund 10.000 Euro.

„Wir haben uns zum Ziel gesetzt, das Auto überflüssig zu machen“, sagt Fabian Berger. Das Unternehmen richtet sich vorrangig an Handwerker, spricht aber auch Privatleute mit speziellen Bedürfnissen an. Alleinstellungsmerkmal ist das hohe Transportgewicht des Lastenrads, sodass sich damit Dinge durch die Gegend fahren lassen, die mit einem handelsüblichen Lastenrad nicht zu schaffen wären.

Umweltschutz spielte bei der Konzeption eine wichtige Rolle: weniger Emissionen, weniger Lärm, weniger Flächenverbrauch als bei einem Auto. „Wir möchten so viele Veloads wie möglich auf die Straße bringen, um einen klimaneutralen Verkehr in lebenswerten Städten zu ermöglichen“, gibt Berger als Ziel aus.

Fabian Berger, Vertriebs-Chef von Veload
Fabian Berger, Vertriebs-Chef von Veload © Paul Bröker

Fahrrad-Start-up Veload wünscht sich bessere Radinfrastruktur in Kassel

Nicht nur beim Produkt möchte Veload nachhaltig sein, sondern auch bei den Arbeitsbedingungen. Das spiegelt sich in der Rechtsform wider, die die Gründer zunächst gewählt haben: einer GbR – Gesellschaft bürgerlichen Rechts. „Wir wollten, dass alle Gründer:innen gleichberechtigt sind“, sagt Fabian Berger. „Die Menschen, die im Unternehmen arbeiten und Verantwortung tragen, sollten davon auch profitieren.“ Zwar werde man die Rechtsform aus praktischen Gründen bald ändern. Doch: „Wir wollen den Gedanken eines Kollektivbetriebs beibehalten.“

Das primäre Ziel sei es, ein sinnvolles Produkt anzubieten, und damit einen positiven Einfluss zu haben. „Doch das geht nicht ohne Bilanzen oder Planzahlen“, sagt Berger. Neben dem Blick auf die Zahlen ist den Jungunternehmern auch wichtig, wie produziert wird. „Wo kommen die Teile her, die wir beziehen? Und auch: Wo gehen sie hin?“ Gerne hätten sie daher auch eine Nabenschaltung des Fuldataler Unternehmens Rohloff verbaut. „Das würde jedoch das Veload stark verteuern“, wirft Fabian Berger ein. Jetzt muss es eine Nabenschaltung des japanischen Herstellers Shimano tun.

Eine Straße, die den Menschen eine sichere Möglichkeit gibt, sich von A nach B zu bewegen, die wird auch genutzt.

Fabian Berger, Vertriebs-Chef von Veload

Veload wünscht sich auch in Kassel eine breitere Debatte darüber, wem der öffentliche Raum gehört. „Eine Straße, die den Menschen eine sichere Möglichkeit gibt, sich von A nach B zu bewegen, die wird auch genutzt“, sagt Fabian Berger. Das sei für sein Unternehmen gerade in Kassel von Bedeutung, da hier die Kunden sitzen. Die Akzeptanz des Radverkehrs könne vor allem durch eine bessere Infrastruktur gefördert werden. Diese Forderung ist nicht neu, wir haben darüber in unserem Podcast „Mensch, Kassel“ mit dem Radfahr-Aktivisten Gregor Anselmann vom Kasseler Radentscheid gesprochen.

Kasseler Start-up will mit Balkonkraftwerken gegen die Klimakatastrophe angehen

Ganz am Puls der Zeit arbeitet auch das Start-up SoLocal Energy. Die Gründer wollen der Energiewende Schwung verleihen und haben dazu ein Kollektiv zur solidarischen Energieversorgung mit Bürger-Solarprojekten ins Leben gerufen.

Unternehmensprofil: SoLocal Energy

Anfang 2020 von Benedikt Breuer, Kerstin Lopau und Arvid Jasper gegründet, ist SoLocal Energy seit Juni 2020 als gemeinnütziger Verein mit wirtschaftlichem Geschäftsbetrieb organisiert. Das Ziel: Die Klimawende im Kleinen vorantreiben. SoLocal Energy umfasst drei Bereiche: Mini-Solaranlagen für Balkone, Selbstbaugemeinschaften für größere Auf-Dach-Solaranlagen und Nachbarschaftskreise, die sich für derartige Energieprojekte engagieren. Das Gründungsteam kennt sich aus dem Masterstudiengang „Regenerative Energien und Energieeffizienz“ (re²) an der Universität Kassel. Mittlerweile gehören dem Verein sieben Mitglieder an.

Wichtig ist SoLocal Energy, möglichst viele Menschen mitzunehmen. „Wir haben solidarische Preise – damit alle mitmachen können“, sagt Mitgründerin Kerstin Lopau. Die Teilnehmer an den Projekten sollen am Ende das Zepter selbst in die Hand nehmen können. „Die Solartechnik kann nur zukunftsfähig sein, wenn die Leute sie auch verstehen“, sagt Lopau. Daher herrsche ein familiärer Ton auf den Baustellen und auf Fragen werde im Detail eingegangen.

Kerstin Lopau, zuständig für Nachbarschaftskreise bei SoLocal Energy
Kerstin Lopau, zuständig für Nachbarschaftskreise bei SoLocal Energy © Paul Bröker

Demokratisch, solidarisch und nachhaltig: SoLocal Energy möchte Energiewende in Kassel voranbringen

Gefragt nach einer Unternehmens-„Philosophie“, weicht Kerstin Lopau zunächst aus: „So haben wir das noch nie genannt, wir sprechen eher von Werten.“ Demokratisch, solidarisch und nachhaltig soll es zugehen. Das münde dann in Mitbestimmung, ökonomischer Teilhabe und einer nachhaltigen Lieferkette. „Viele benutzen billige chinesische Solarmodule, wobei klar ist, dass darin uigurische Zwangsarbeit drinsteckt“, macht Lopau deutlich.

Wir hegen überhaupt keine Welteroberungsfantasien.

Kerstin Lopau von SoLocal Energy

Zum Wirtschaftswachstum hat der Verein ein besonderes Verhältnis. „Wir sind in den letzten zwei Jahren relativ stark gewachsen“, erzählt Kerstin Lopau. „Aber wir können uns auch vorstellen, dass irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem wir sagen: Es reicht aber auch mal.“ Man hege „überhaupt keine Welteroberungsfantasien“, sondern finde es sinnvoller, wenn sich andernorts ähnliche Initiativen gründen würden. „Die unterstützen und beraten wir gern“, sagt Kerstin Lopau. „Aber wir konzentrieren uns auf den Raum Kassel.“

„Hier ist ein Umfeld, in dem noch vieles möglich ist“, sagen die Gründer über Kassel. „Nicht wie in Berlin, wo es Tausende Start-ups gibt und man untergeht mit seiner Idee.“ Dennoch sehen sie auch noch unergründetes Potenzial in Kassel. „Wir suchen momentan nach Räumen für unseren Verein“, sagt Kerstin Lopau. „Es ist nicht so einfach, eine passende Bleibe zu finden“, bemängelt sie. (Paul Bröker)

Das Team von SoLocal Energy hat Anfang des Jahres in Eschwege eine Solaranlage installiert. Zugute kommt sie dem Waldkindergarten am Fuß der Leuchtberge. Auf dem Dach eines Bauwagens wurde eine autarke Stromversorgung installiert.

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