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Kassel tanzt durch die Nacht: Viele Events zur documenta-Eröffnung - großer Andrang auch bei Pro-BDSM-Party

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Von: Matthias Lohr, Bettina Fraschke, Ulrike Pflüger-Scherb, Anna-Laura Weyh

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Die Menschen feiern die Eröffnung der documenta fifteen: Tausende kamen am Samstagabend zur kostenlosen Party auf den Friedrichsplatz.
Die Menschen feiern die Eröffnung der documenta fifteen: Tausende kamen am Samstagabend zur kostenlosen Party auf den Friedrichsplatz. © Ulrike Pflüger-Scherb

Zum Start der documenta fifteen wurde in Kassel die Nacht zum Tag gemacht. An unzähligen Orten feierten Besucher und Künstler bis in die frühen Morgenstunden hinein.

Kassel – An sechs Standorten der Kunstausstellung gab es Samstagnacht offizielle documenta-Partys. Aber auch darüber hinaus waren viele Biergärten bis in die späten Abendstunden geöffnet. Eindrücke aus der ersten documenta-Nacht.

Besucher aus aller Welt:

Menschen aus der ganzen Welt und ganz Deutschland waren bereits am Samstag nach Kassel gereist, um die Eröffnung der documenta fifteen mitzuerleben. So auch Monika und Rolf Künzel aus Oldenburg. Beide sind in Kassel geboren und aufgewachsen. Regelmäßig besucht das Paar seine Heimatstadt.

Besuch in der Heimatstadt: Rolf und Monika Künzel aus Oldenburg sind zum Auftakt der d 15 nach Kassel gekommen.
Besuch in der Heimatstadt: Rolf und Monika Künzel aus Oldenburg sind zum Auftakt der d 15 nach Kassel gekommen. © Ulrike Pflüger-Scherb

Rolf Künzel hat noch keine documenta verpasst. Bei der ersten Ausstellung im Jahr 1955 war er sechs Jahre alt. Seine Frau wurde in diesem Jahr geboren. Am Samstagmittag hielt sich das Paar an der documenta-Halle auf, um einen Blick auf Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu werfen, der sich dort das Kunstwerk „Britto Arts Trust, PAKGHOR – the social kitchen & PALAN – the kitchen garden“ anschaute. Steinmeier sei ein sehr sympathischer Mensch, so Rolf Künzel.

Die Party beim Friedrichsplatz:

Moderatorin Ripley Myers eröffnete Punkt 20 Uhr die Party auf dem Friedrichsplatz, die größte Veranstaltung an diesem Abend. Während das Publikum zu Beginn noch etwas verhalten schien, sorgte gleich „Nasida Ria“, eine moderne indonesische Musikgruppe, für gute Stimmung. Im Publikum waren Einheimische, aber auch Künstler aus aller Welt. So wie Antonio Irre aus Italien, Lady Gaby aus Australien und Nia Pushkarova aus Bulgarien.

Begeistertes Publikum: Auf dem Friedrichsplatz feierten die Menschenmassen zur Musik der indonesischen Band „Nasida Ria“.
Begeistertes Publikum: Auf dem Friedrichsplatz feierten die Menschenmassen zur Musik der indonesischen Band „Nasida Ria“. © dieter schachtschneider

Die drei Künstler sind Teil des Performance-Teams „Overlapping Kassel“. „Wir sind noch für zwei Wochen hier in Kassel. Wir genießen das sehr“, sagte Lady Gaby. Später zur Karaoke-Show und bei der Musik eines Elvis-Doubles gab es kein Halten mehr. Der gesamte Friedrichsplatz tanzte. Egal, ob vor der Bühne auf der Tanzfläche, auf den Stühlen in den Cafés, auf Bänken, Mauern oder einfach im Gras: Alle bewegten sich im Takt der Musik und hatten sichtlich Spaß.

Der Ausblick über Kassel:

Von der temporären Sky Lounge „Floor 15“ auf dem Parkdeck der Galeria hat man einen wunderbaren Blick weit über den Friedrichsplatz hinaus. Wegen der Hitze hielten sich am Samstagnachmittag dort aber nur relativ wenige Gäste auf. Am Abend füllte sich die Lounge dann richtig gut. Die Besucher lauschten aber nicht nur der Musik, die von der Bühne vom Friedrichsplatz kam, sondern machten auch zahlreiche Fotos von dem Treiben dort unten. Als um kurz nach 22 Uhr das Laserscape des Künstlers Horst H. Baumann zu sehen war, wurde die Aussicht perfekt. Ein wunderbarer Ausklang des ersten Tags der documenta fifteen.

Der Dschungel in der City:

Neben der documenta gibt es in diesen Tagen noch viel, viel mehr Kunst in Kassel. So zeigen Studenten der Design-Professorin Ayzit Bostan noch bis Samstag beeindruckende Textilarbeiten in der neuen Ausstellungshalle der Kunsthochschule. Und im Hugenottenhaus in der Friedrichsstraße eröffnete am Freitag die Ausstellung „Erste Hilfe: first aid“. Die vom Künstlerpaar Lutz und Silvia Freyer sowie dem Unternehmer Udo Wendland initiierte Reihe hat bereits Tradition.

Willkommen im Dschungel: Der Biergarten der Bar Perle im Hugenottenhaus war am Samstagabend gut besucht.
Willkommen im Dschungel: Der Biergarten der Bar Perle im Hugenottenhaus war gut besucht. © Matthias Lohr

Ebenso kunstvoll wie die Schau selbst ist der Biergarten der Bar Perle im Innenhof. Unter den Bäumen fühlt man sich als Besucher nicht mitten in der City, sondern im Dschungel. Die einzigartige Atmosphäre genoss auch Gregor Schneider, der seit seinem Gewinn des Goldenen Löwen bei der Biennale 2001 in Venedig einer der bekanntesten deutschen Künstler ist und auch in der Ausstellung vertreten ist.

Der Strand beim Ahoi-Gelände:

Beim Betreten des Ahoi-Geländes am Fuldaufer kam direkt das Urlaubsgefühl auf. Lichterketten, Sonnenschirme, das Wasser direkt nebenan. Das Publikum ausgelassen tanzend zwischen den Liegestühlen. Als die Stimmung auf dem Höhepunkt zu sein schien, ging die Musik aus. „Schade, dass hier um 22 Uhr schon Schluss ist“, sagte Ann-Cathrin Bernhardt aus Kassel. Mit ihren Freunden wollte sie den Abend aber noch nicht enden lassen. Die Gruppe zog noch weiter.

Genießen den Abend: von links Antonio Irre, Lady Gaby und Nia Pushkarova von dem Performance-Team Overlapping Kassel.
Genießen den Abend: von links Antonio Irre, Lady Gaby und Nia Pushkarova von dem Performance-Team Overlapping Kassel. © anna weyh

Die Hafenstraße und der Osten:

Rauer Charme zwischen Industriehallen – geniale Partystimmung: Das Gelände an der Hafenstraße 76 war ein pulsierender und nicht überfüllter Partyort mit günstigen Preisen und liebevollen Rumlümmelmöglichkeiten auf Europaletten. Junges Publikum rockte im Hübner-Areal bei gleißender Industrie-Beleuchtung, chillig ging es am Sandershaus zu.

Die Pro-BDSM-Party im WH22:

Das WH22 öffnete erst um Mitternacht. Kurz darauf drängten sich die Menschenmassen bereits bis auf die Straße. Die Besucher mussten zunächst dem Verhaltenskodex zustimmen, um die Kellerräume der Künstler „Party Office b2b Fadescha“ betreten zu dürfen und an der Pro-BDSM-Party teilzunehmen. „Diese Veranstaltung ist von und für Trans*BIPoC und neurodiverse Personen, mit Fokus auf unsere Sicherheit und Freude“ steht in englischer Sprache als einer von zehn Punkten auf einer Tafel. Diese Party wurde zwar als Veranstaltung für bestimmte Personengruppen angekündigt, ausgeschlossen wurde jedoch niemand. Denn jeder, der die Regeln akzeptiert, darf rein, sagte Abhinit Khanna. „Es geht darum, einen sicheren Ort für uns zu schaffen.“

Die Kellerräume teilten sich in einen Ruheraum, in dem Filme der Künstler gezeigt wurden, sowie in einen Tanzbereich mit Bar. Abgetrennt durch dicke, rot-durchsichtige Plastikfolien gab es kleine Separees, darin Holzschaukeln mit schweren Metallketten und Liegeflächen. Dorthin konnten sich die Leute zurückziehen, wenn sie „sich vergnügen und die Lust genießen wollen“, so Khanna. Er verkaufte Halsbänder aus der BDSM-Szene. Das Fotografieren war im WH22 nicht erlaubt. Diese Art von Kunst wird in Kassel wohl noch für Diskussionen sorgen.

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