Christie’s-Präsident Dirk Boll stammt aus Kassel

Kunstmarkt-Experte zum Kasseler Obelisken-Streit: Nur Nachfrage macht Kunst teuer

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Prof. Dr. Dirk Boll

Kassel. Wie kommen Marktpreise für Kunstwerke zustande, wie sie im Fall des Kasseler documenta-Obelisken für Kontroversen sorgen? Ein Kunstexperte erklärt es.

Die documenta 14 und auch Olu Oguibes Obelisk auf dem Königsplatz hat der international renommierte Kunstmarkt-Experte Prof. Dr. Dirk Boll natürlich gesehen. Der gebürtige Kasseler hat zu Studentenzeiten selbst im Team der Weltkunstschau gejobbt. Beim Londoner Auktionshaus Christie’s, für das er seit 20 Jahren arbeitet, ist Boll vor einem Jahr in die Führungsspitze als einer von drei Präsidenten aufgerückt.

Es liegt nahe, dass er in dieser Eigenschaft kein bewertendes Wort über die steinerne Säule auf dem Königsplatz sagt, über deren möglichen Ankauf die Stadtgesellschaft derzeit leidenschaftlich debattiert. Eine entsprechende Äußerung des Christie’s-Spitzenmanns würde sogleich als finanzieller Bewertungsfaktor für Olu Oguibes Arbeit ausgelegt werden. Wir haben Dirk Boll gefragt, wie Marktpreise für Kunst generell zustande kommen.

In Kassel wird darum gestritten, ob für eine relativ schlichte Steinsäule als dauerhaftes documenta-Überbleibsel ein höherer sechsstelliger Ankaufbetrag gerechtfertigt sei. Ist das eine in der Kunstwelt branchenübliche Debatte?

Prof. Dr. Dirk Boll:Jedenfalls ist „Schlichtheit“ kein preisbestimmendes Merkmal eines Kunstwerks. Für stadtbildprägende Skulpturen sind Preise der genannten Größenordnung nicht ungewöhnlich.

Wie wird denn der Marktpreis von Kunstwerken üblicherweise beziffert?

Boll:Wie die Formulierung der Frage bereits nahelegt, wird der Preis von Kunstwerken allein vom Markt, also durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, bestimmt. Für die Nachfrage spielt die Bedeutung des Künstlers eine wichtige Rolle. Die Mitwirkung an einer documenta ist dafür bei zeitgenössischen Künstlern nach wie vor ein maßgeblicher Parameter.

Und welche Kriterien müssten speziell für den Fall in der documenta-Stadt Kassel angelegt werden?

Boll: Auch in Kassel gelten insoweit keine anderen Maßstäbe. Verbundenheit mit dem Standort, hohe Symbolkraft und raumgliedernde Qualität sind bei Ankaufsentscheidungen von Kunstwerken im öffentlichen Raum regelmäßig von besonderer Bedeutung.

Der Kasseler Obelisk wurde bereits bei seiner Errichtung als mögliches Ankaufobjekt gehandelt – inwieweit wirkt sich so etwas auf die Preisgestaltung aus?

Boll:Ich bin nicht vertraut damit, inwieweit in Kassel örtliche Verabredungen getroffen wurden.

Welche Möglichkeiten haben Künstler, Galeristen und andere Kunstvermarkter generell, um den Marktwert eines Werks auszuloten?

Boll: Der Marktwert realisiert sich immer auf dem Markt, hängt im konkreten Fall also stets davon ab, welche Preisgrenze Interessenten wie auch Verkäufer noch für angemessen halten. Leihgaben und (teilweise) Schenkungen folgen anderen Regeln, da diese häufig mit langfristigen, kostenwirksamen Verpflichtungen für die Präsentation und Bewahrung von Kunstwerken verbunden sind.

Welche Rolle spielt es, wer für ein Kunstwerk bezahlt? Ein privater Sammler wird beim Kunstkauf mutmaßlich andere Motive und Absichten zugrunde legen als eine städtische Kulturbehörde.

Boll:Für die Höhe des letztlich erzielten Preises ist es unmaßgeblich, wer ihn bezahlt.

In Kassel ist es eine breite Einwohnerschaft, welche den Ankaufspreis über Spenden aufbringen soll. Wie kann man einer solchen Öffentlichkeit das Thema überhaupt vermitteln?

Boll: Das ist keine ökonomische, sondern eine politische Frage. Wenn ich trotzdem darauf antworten darf: Wenn es gelingen würde, durch eine bürgerschaftliche Gemeinschaftsanstrengung diesen Ankauf für die Stadt zu ermöglichen, wäre das ein großartiges Signal, auf das ich als Kasseläner stolz wäre.

Welche Rolle spielt dabei, dass das Werk für einen bestimmten Ort konzipiert wurde, für den Kasseler Königsplatz?

Boll: Unter Umständen kann es darauf ankommen, dass ein Kunstwerk für einen bestimmten Ort geschaffen wurde und auch nur für diesen Ort geeignet ist. In solchen Fällen kann man versuchen, zur Preisfindung vergleichbare Vorgänge heranzuziehen, auf die sich dann beide Seiten verständigen können. Ein Ankaufserfolg ist aber dann alleine davon abhängig, dass es zu einer Verständigung mit dem Verkäufer kommt.

Hat es bei Christie’s schon Fälle gegeben, wo die Preisvorstellung des Verkäufers und der von Experten ermittelte Marktwert erheblich auseinanderlagen?

Boll: Abweichungen von den Erwartungen des Verkäufers und / oder von Experten sind keine Seltenheit und ein Zeichen für die Dynamik des Kunstmarktes. Spektakulärstes Beispiel der jüngsten Zeit war der Preis, den Leonardo da Vincis Gemälde „Salvator Mundi“ erzielt und die Erwartungen von Experten und Verkäufer gleichermaßen um ein Vielfaches übertroffen hat.

(Anmerkung der Redaktion: Das Werk wurde Ende 2017 in New York vom Auktionshaus Christie’s versteigert und wechselte für 450 Mio. Dollar den Besitzer – noch nie zuvor wurde so viel Geld für ein einzelnes Kunstwerk gezahlt. Das Gemälde wurde für den kürzlich eröffneten Louvre Abu Dhabi erworben.)

Prof. Dr. Dirk Boll, 1970 in Kassel geboren, ist einer von drei Präsidenten des Auktionshauses Christie’s in London. Boll machte sein Abitur am Kasseler Friedrichsgymnasium, absolvierte hier seine Bundeswehrzeit, studierte in Göttingen und Freiburg Rechtswissenschaften und praktizierte danach als Jurist in Stuttgart und Brüssel, bevor er sich mit einem Aufbaustudium „Kulturmanagement“ dem Kunstmarkt zuwandte. 1998 kam Boll zu Christie’s, wurde zwei Jahre später Repräsentant des Auktionshauses in Deutschland, wechselte Ende 2004 nach Zürich und lebt heute in London sowie in Berlin. Seit 2001 lehrt er am Institut für Kultur- und Medienmanagement in Hamburg, seit 2011 im Professorenrang. Der 48-Jährige hat ein Faible für klassische Autos, seine Eltern leben in Kaufungen. 

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