Ritt auf der Klinge: Kasseler Stimmen zu Adam Szymczyks documenta-14-Konzept

Kassel. Wie reagieren Kulturschaffende und Kasseler Experten auf Adam Szymczyks Pläne? Wir haben uns umgehört.

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Marco Krummenacher, Dock 4, spricht von einer „überraschenden Idee, der ich mit Freude entgegensehe“. Szymczyks gesellschaftlicher Fokus sei richtig, der Titel „Von Athen lernen“ in der aktuellen Lage nicht ohne Witz. Auf Athen baue unsere abendländische Kultur auf: „Das wird ganz spannende Diskussionen geben.“ Einbußen für Kassel fürchtet der 52-Jährige nicht. Wer aus dem Ausland die documenta besuchen wolle, werde beide Stationen anlaufen.

Bernhard Balkenhol

Bernhard Balkenhol, Dozent in der Kunsthochschule, Ex-Vorsitzender des Kunstvereins: „Auf Athen wäre ich nie gekommen“, sagt er – und findet die Wahl problematisch. Es gebe zwar in Athen einigen Sprengstoff, fundamentale Fragen unserer Welt kämen dort aber nicht vor, dazu sei Athen zu wenig exemplarisch und zu „westlich“. Balkenhol bedauert, dass bei der Vorstellung so viel von Politik die Rede war: „Mir kommt die Kunst zu kurz.“

Dorothea v. Hantelmann

Prof. Dr. Dorothea von Hantelmann, documenta-Professur an der Universität Kassel: „Die Ausstellung in Kassel von Athen aus denken – das hat es so nie gegeben.“ Sie findet Szymczyks Vorstellungen überzeugend und ambitioniert. Er nehme die von Okwui Enwezor begonnene „Deterritorialisierung“ der documenta ernst und wolle sie „konsequent und einleuchtend“ radikal weiterdenken. Das sei der Geschichte und Bedeutung der documenta angemessen. Besonders den Gedanken, aus der Position des Gastgebers in die des Gastes zu wechseln, sich selbst außerhalb des Zentrums zu rücken, findet sie plausibel. Szymczyk verdiene Rückendeckung.

Prof. Joel Baumann, Rektor der Kunsthochschule und Vorsitzender des Kunstvereins, findet die persönlichen Angriffe auf Szymczyk auf Facebook „unangenehm“. Der Pole sei bewusst mit dem Athen-Konzept berufen worden. Baumann versteht die Sorge um den ökonomischen Ertrag, aber Kassel mit seiner documenta-Geschichte solle selbstbewusst auftreten. Dieses Ausstellungsformat sei, anders als die Biennalen, nie anderswo kopiert worden. Das Kasseler Alleinstellungsmerkmal bleibe bestehen.

Harald Kimpel

Documenta-Experte Dr. Harald Kimpel nennt die d14 eine „Ausstellung mit Migrationsvordergrund“ und stellt als entscheidende lokalpatriotische Frage: „Bekommen wir eine Verdoppelung der Ausstellung oder bleibt uns nur eine halbe documenta?“ Documenta-geschichtlich versteht er die Auswanderung: „Nachdem bei der d13 das gesamte Stadtgebiet zum Schauplatz geworden war, ist Kassel nun für die documenta zu eng geworden.“ Nun suche die Institution „in einem Schritt der Ent-ortung das Weite: als exportdocumenta.“ Konsequent sei auch die Wiederanbindung der documenta-Idee an die Idee der Krise.

Volker Schäfer, Vorsitzender der Stiftung 7000 Eichen, Vorstand des documenta-Forums, nennt Szymczyks Konzept einen Ritt auf der Rasierklinge. Die Öffnung in die gesamte Welt habe der documenta und ihrem Publikum gut getan. Sie lebe davon, ihrer Leitung kein starres Konzept vorzugeben, sondern ihr alle Freiheiten der Welt zu lassen – „und sie ist damit gut gefahren.“ Das Risiko des Scheiterns habe es stets gegeben, aber noch immer hätten „die Auguren ihre allzu skeptischen Prophezeiungen wieder einpacken müssen“.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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