Dokumentarische Fotos im Bali-Kino von früherem Sammellager

Kasseler Zeitgeschichte bei der documenta: Heimatlos am Mattenberg

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Nach einem Filmabend im Baracken-Kino: Solche Angebote bedeuteten kurz nach Kriegsende ein Stück kulturelle Normalität im Sammellager für heimatlose Personen am Mattenberg.

Kassel. Er ist mit 94 Jahren der älteste lebende Teilnehmer der d14: Jonas Mekas lebte von 1947 bis ´49 in einem Kasseler Barackenlager für Heimatlose und hat diese Zeit mit Fotos dokumentiert.

Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit und Neubeginn – diese Leitmotive der documenta 14 werden an manchen Orten der Schau auch in Kassels jüngerer Zeitgeschichte gespiegelt. Dort finden auch solche d14-Besucher Anknüpfungspunkte, die mit der Gegenwartskunst nicht allzu viel anfangen können, aber durchaus offen für eine Zeitreise mit Heimatbezug sind.

Ein solcher Schauplatz ist der Vorraum des kleinen Bali-Kinos im Kulturbahnhof. Dort erzählen 36 großformatige Schwarzweißfotos von Jonas Mekas die Geschichte, wie die Mattenbergsiedlung in Oberzwehren nach Kriegsende zum Schmelztiegel und zur Durchgangsstation für Tausende Heimatlose wurde.

Die Alliierten hatten das vormalige Zwangsarbeiter-Barackenlager Mattenberg zur Heimat auf Zeit für entwurzelte Menschen gemacht. Etliche von ihnen wurden in Kassel sesshaft. Andere zogen weiter – wie der in Litauen geborene, heute 94-jährige Mekas. Nach zwei Jahren am Mattenberg ging er in die USA, machte Dokumentarfilme und wurde zu einer prägenden Figur des amerikanischen Avantgarde-Kinos.

Jonas Mekas – 1947 während seiner Kasseler Zeit ...

Filme von Mekas im d14-Programm sind täglich im Bali zu sehen. Seine Fotos im Kino-Foyer verdichten sich zu einer ganz eigenständigen Erzählung: Die Szenen aus dem Lagerleben dokumentieren das Bestreben, sich inmitten des Nachkriegs-Chaos am Rande einer nahezu vollständig zerstörten Stadt einen einigermaßen stabilen Alltag im Provisorium der Baracken-Gemeinschaft zu schaffen.

Immer wieder zeigt eine berührende Intimität des Kamerablicks, dass dies offenbar recht gut gelingt: Eine Männerrunde debattiert entspannt im Gras auf einer Böschung. Ein Publikum, ausgehfein gemacht mit dem Wenigen, das ihnen Krieg und Vertreibung gelassen haben, kommt beseelt von einem Filmabend aus dem hölzernen Gemeinschaftsbau des Lagers, der auch als Schule und als Gottesdienstraum fungierte.

... und heute mit 94 Jahren.

Aus seiner Heimat Litauen, so hat es Mekas einmal beschrieben, war eine große Gemeinschaft gebildeter und intellektueller Landsleute am Mattenberg einquartiert. Man schuf sich gemeinsam eine unabhängige Alltags- und Geisteswelt, zu der sogar eine im Barackenlager entstandene Literaturzeitschrift gehörte.

Auch durch die Straßen mit den einfachen, aber immerhin massiven Arbeiterwohnungen, die seit den 1930er Jahren an Kassels südwestlichem Rand entstanden sind, war der junge Mekas zwischen 1947 und ’49 mit seiner Kamera gestreift. Woher ein junger Ex-Zwangsarbeiter in dieser Zeit des Mangels sein Filmmaterial bezog, bleibt unklar. Um von den so entstandenen Bildern berührt zu sein, braucht es keinen besonderen Kunstverstand.

Hintergrund: Barackenlager bestand bis 1968

In dem Lager am Mattenberg waren während des Krieges mehrere tausend ausländische Zwangsarbeiter untergebracht, die auf dem Areal des heutigen VW-Werks bei den Henschel-Flugmotorenwerken arbeiten mussten. 54 hölzerne Baracken umfasste das Lager, das einen eigenen Kindergarten für 400 Kinder sowie einen speziell bewachten Extrabereich für sowjetische Kriegsgefangene hatte. Es war das vermutlich Zweitgrößte von insgesamt rund 20 solcher Lager auf dem Gebiet der Nazi-Rüstungsmetropole Kassel.

In der Nachkriegszeit wurden die Baracken am Mattenberg als Notunterkünfte für „Displaced Persons“ genutzt: Heimat- und Obdachlose, Flüchtlinge und Vertriebene wurden dort von den Alliierten einquartiert. Anfang der 1950er-Jahre ging das Gelände in städtisches Eigentum über. 1968 wurde das Lager aufgelöst. Die noch verbliebenen zehn Baracken wurden durch die Berufsfeuerwehr kontrolliert niedergebrannt, die Bewohner bekamen Sozialwohnungen zugewiesen.

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