1. Startseite
  2. Kultur
  3. documenta

Antisemitismus in Indonesien: „Kaum jemand widerspricht dem Judenhass“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Matthias Lohr

Kommentare

Indonesian Muslims stage a demonstration in front of the Indian Embassy in Jakarta on June 17, 2022.
In keinem Land der Welt leben mehr Muslime als in Indonesien. Unser Bild zeigt eine Demonstration von Muslimen vor der indischen Botschaft in der Hauptstadt Jakarta. © ADITYA IRAWAN

Viele documenta-Künstler kommen aus Indonesien. Nicht einmal 200 Juden leben in dem muslimischen Land. Antisemitismus ist ein großes Problem, erklärt ARD-Korrespondent Holger Senzel.

Kassel/Singapur – Der aus Bad Wildungen stammende Holger Senzel berichtet seit sechs Jahren für die ARD aus Südostasien und damit auch aus Indonesien, dem Heimatland der Kuratorengruppe Ruangrupa, die die documenta fifteen verantwortet. Nach dem Antisemismus-Eklat um das Kunstwerk des ebenfalls aus Indonesien stammenden Kollektivs Taring Padi auf der Kasseler Kunstschau haben wir mit dem Korrespondenten über die Lage in dem Land gesprochen.

Über Ruangrupa und Taring Padi: „Die documenta-Debatte findet in Indonesien überhaupt nicht statt. In den asiatischen Medien ist sie nur eine Randnotiz. Ruangrupa kennt man hier nur in der Kunstszene. Und Taring Padi sind Underground-Künstler. Das Kollektiv wurde nach dem Ende der Suharto-Diktatur 1998 gegründet, unter der Millionen Menschen starben. Das hat Taring Padi geprägt. Ihr Werk „People’s Justice“ wurde in den vergangenen 20 Jahren an vielen Orten gezeigt – auch in Australien. Nirgendwo sorgten die antisemitischen Motive für Schlagzeilen. Die documenta hätte das Kunstwerk dennoch im Vorfeld einfach googeln und sich so viel Ärger ersparen können.“

Über Juden in Indonesien: „In keinem Land der Welt leben mehr Muslime als in Indonesien. Es gibt 200 Millionen Muslime, aber weniger als 200 Juden. Aus Angst vor Anfeindungen geben sie sich öffentlich nicht zu erkennen. Bis vor einigen Jahren war Indonesien bekannt für seine religiöse Toleranz. Das hat sich gewandelt. Radikal islamische Gruppierungen haben an Einfluss gewonnen. Präsident Joko Widodo musste einen Hardliner in die Regierung nehmen. Immer wieder kommt es zu Übergriffen auf christliche Kirchen. Zwar existiert in Jakarta eine Synagoge, aber kaum jemand widerspricht öffentlich dem Judenhass.“

Über Israel: „Israelische Staatsbürger dürften bis 2018 nicht nach Indonesien einreisen. Bis heute unterhalten die beiden Staaten keine diplomatischen Beziehungen. Die Israel-Boykottbewegung BDS erhält in Indonesien viel Unterstützung. Der Staat betont immer wieder, dass er an der Seite der Palästinenser steht.“

Über die Kolonialisierung: „Die ersten Juden kamen im 16. Jahrhundert durch die Kolonialisierung der Niederländer in das heutige Indonesien. Bis heute werden Juden mit der kolonialen Ausbeutung verbunden. In so einem gesellschaftlichen Klima gibt es kaum Sensibilität für Antisemitismus – auch nicht in der Kunstszene. Eine Galeristin sagte mir, dass sie mit Antisemitismus nichts anfangen könne, weil es nicht Teil der indonesischen Geschichte sei.“

Über ein Holocaust-Museum: „Anfang des Jahres wurde auf der Halbinsel Minahasa ein Holocaust-Museum eröffnet. Dagegen gab es landesweite Proteste. Nicht nur viele Muslime sagten: Das ist nicht unsere Geschichte. Stattdessen forderte man ein Museum, das die koloniale Ausbeutung Indonesiens zeigt.“

Auch interessant

Kommentare