Interview: Clemens von Wedemeyer über seinen d13-Film und das ehemalige Konzentrationslager Breitenau

„Kein Anspruch auf Wahrheit“

Befreiung auf der Leinwand: Einer der drei Breitenau-Filme von Clemens von Wedemeyer zeigt den Tag, als die Amerikaner 1945 das Konzentrationslager auflösen. Foto:  Malmus

Kassel. Ein Film ist zu wenig für Breitenau. Deshalb zeigt Clemens von Wedemeyer gleich drei Blicke auf den vielschichtigen Ort bei Guxhagen: Schüler beim Besuch der Gedenkstätte, das Konzentrationslager am Tag der Befreiung und die Einweisung eines Mädchens ins Erziehungsheim. Wir haben mit dem Künstler über seinen Film im Nordflügel des Kulturbahnhofs gesprochen.

Herr von Wedemeyer, in Ihrem documenta-Film zeigen Sie Jugendliche, die die Gedenkstätte Breitenau besuchen. Waren Sie selbst schon mit der Schule dort?

Clemens von Wedemeyer: Nein, solche Ausflüge haben wir damals nicht gemacht. Zum ersten Mal war ich 2009 mit der Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev dort. Es war ein starker Eindruck, aber es hat mich nicht gewundert, dass es so was in Deutschland gibt. Es ist vielleicht sogar so exemplarisch für deutsche Geschichte, dass ich dachte: Daraus kann ich etwas machen.

Die Idee für Ihren Film ist dort entstanden?

Von Wedemeyer: Ja. Ich habe mich schon öfter mit Orten beschäftigt, die eine verworrene und belastete Geschichte haben, deswegen war es nicht ganz abwegig. Ich habe aber lange gebraucht, bis ich wusste, was genau daraus wird.

Die documenta vertritt die Position, dass auch Orte traumatisiert sein können, also dass das Grauen in den Steinen in Breitenau steckt. Können Sie damit etwas anfangen?

Von Wedemeyer: Das wäre ja auch wieder eine Projektion derjenigen, die das behaupten. Wenn es in den Steinen sitzt, muss es dort durch Menschentat hineingekommen sein. Ich kann aber verstehen, woher die Position kommt, und finde sie interessant, weil sie zum Denken anregt.

Sie erzählen aus drei verschiedenen Perspektiven von Breitenau. Ihre Art, mit den vielen Dimensionen dieses Ortes umzugehen?

Von Wedemeyer: Das kann man so sehen. Aber für mich war es auch eine Frage, wie man das Medium Film so erweitern kann, dass man eine Multiperspektive bekommt. Deswegen werden in der Installation die Zeiten nebeneinander im Raum gezeigt, während sie im Kino durcheinandergeschnitten sind.

Auch der Kasseler Historiker Gunnar Richter beschäftigt sich mit Breitenau. Was ist der Unterschied zwischen dem geschichtlichen und dem künstlerischen Ansatz?

Von Wedemeyer: Mein Ansatz hat nicht den Anspruch, der Wahrheit zu dienen, sondern es geht darum, einen Möglichkeitsraum aufzubauen. Die beruht teilweise auf der Wahrheit, aber man darf sie nicht mit einer Dokumentation verwechseln. Bei mir geht es ums Sichtbarmachen von Vorstellungen.

Gunnar Richter erzählt , dass Jugendliche sehr interessiert auf die Gedenkstätte reagieren. In Ihrem Film wirken die Figuren gelangweilt. Warum?

Von Wedemeyer: Dieser Teil soll ja nicht die Jetzt-Zeit abbilden, sondern eher die Zeit, als ich in der Schule war. Diese Punk-Attitüde richtet sich nicht gegen die Gedenkstätte, die Protagonisten reagieren vielmehr auf die Vermittlung durch den Lehrer, die damals autoritärer war. Die Ablehnung geht in diesem Fall gegen die Institution Schule. Da ist es fast egal, was die Figuren sehen. Wenn die Gedenkstätte von Teilen der Besucher ablehnend gesehen wird, wird ja erst ihre Bedeutung deutlich; diese könnte auch beispielhaft für die Beschäftigung mit der Geschichte sein.

War es Ihnen wichtig, dass die Schauspieler aus der Region kommen?

Von Wedemeyer: Ja, wir haben mit der documenta verschiedene Castings organisiert und mit Schauspielschulen immer weitere Kreise um Kassel gelegt. Der Bezug zur Region rückt alles näher.

Wissen Sie, was nach der documenta mit dem Film passiert?

Von Wedemeyer: So weit ich weiß, soll er im Winter in der Neuen Galerie zu sehen sein. Ich freue mich, dass er in Kassel bleibt.

Von Saskia Trebing

Quelle: mydocumenta

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