Mein Lieblingskunstwerk: The Refusal of Time von William Kentridge

Ein faszinierender Raum: 28 Minuten dauert „The Refusal of Time“ in einer alten Lagerhalle im Nordflügel des Kulturbahnhofs. Foto: dpa

Nach wenigen Minuten beginnt das Herz zu rasen, der Kopf fühlt sich schwer an. Doch ein Zurück gibt es nicht – die Videoinstallation des südafrikanischen Künstlers William Kentridge im Nordflügel des Kasseler Kulturbahnhofs ist so atemberaubend, dass ich mich ihr nicht mehr entziehen kann.

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Obwohl die immer schneller tickenden Metronome schon in der Anfangsszene Übelkeit auslösen, schaffe ich es nicht, die dunkle Halle wieder zu verlassen. „The Refusal of Time“, die Verweigerung der Zeit, hat der 57-Jährige sein 28-minütiges Gesamtkunstwerk aus Film, Zeichnung und Tanz genannt.

Abwechselnd werden Stummfilm-Szenen, afrikanische Freudentänze, Papierfetzen, Messgeräte aller Art, Landkarten und englische Satzfragmente auf fünf Leinwände projiziert. Kentridge selbst ist als ruheloser Wanderer zu sehen. Zwischendurch taucht auch ein deutsches Wort auf: Torschlusspanik, die Angst vor der rasenden Zeit. Und die Befürchtung, die eigenen Träume mit steigendem Lebensalter nicht mehr verwirklichen zu können. Schallende Fanfaren, sanfte Choräle oder gespenstisch leise Stimmen kommen aus den Lautsprechern. „Hold your breath“ (halte die Luft an) oder „Undo, Unsay“ (trenne und widerrufe dich), flüstern sie.

Mitten im Raum wurde ein Holzgebilde platziert, das ständig in Bewegung ist und an eine Testapparatur für Schubladen oder Federkernbetten erinnert. „Der atmende Elefant“ nennt Kentridge das Konstrukt, mit dem er einen Bogen spannt zu dem Ansatz von documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev, Physik als künstlerische Grundlagenforschung zu begreifen. Bereits zum dritten Mal ist der Künstler, der in den 70er-Jahren durch Zeichnungen, Gemälde und Videos zu Apartheid, Kolonialismus und Totalitarismus bekannt wurde, auf der documenta zu Gast.

Filme, Schattenspiele und Klänge spielten mit den Jahren eine immer größere Rolle in seinen Werken. In Kassel hat sein Schaffen nun einen vorläufigen Höhepunkt erreicht: Zwei Jahre hat er nach eigenen Angaben an „The Refusal of Time“ gearbeitet, einen Komponisten, über 20 Sänger, Tänzer und Schauspieler sowie Peter Galison, Harvard-Professor für Wissenschaftsgeschichte und Physik, in die Multimedia-Oper eingebunden.

In deren Verlauf beruhigt sich der Kreislauf allmählich wieder. Der Zeit kann man sich zwar nicht verweigern. Mit einen Besuch des Kentridge-Spektakels kann man sie aber zumindest sinnvoll nutzen.

Alle Lieblingskunstwerke finden Sie auf der Seite www.mydocumenta.de

Von Sonja Broy

Quelle: mydocumenta

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