Deutschlandradio zieht Bilanz der dOCUMENTA (13) 

Debattierten miteinander: Christian Saehrendt (von links), Harald Kimpel und Wulf Herzogenrath. Foto: von Busse

Kassel. Ist die documenta noch die wichtigste Kunstausstellung der Welt? „Sie ist nur noch eine unter vielen“, sagte der Kasseler documenta-Historiker Harald Kimpel am Samstagabend bei der Aufzeichnung der Sendung „Fazit“ von Deutschlandradio Kultur im Kasseler Ständehaus.

„Originalitätsnot“ im Wettbewerb habe zu den verwunderlichen Äußerungen der d13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev geführt.

Die einzigartige, aber auch verrückte Aufgabe der documenta, autoritär zu definieren, was das Wesentliche der Gegenwartskunst sei, einen verbindlichen Kanon des Zeitgenössischen zu behaupten - sie sieht Kimpel seit der Documenta11 als „leider verspielt“. CCBs documenta, die auf eine überzeugende Bildsprache verzichte, vermittle allen Besuchern - etwa in Sachen Atomkraft und Saatgut - das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, ohne konkret handeln zu können.

Wie unterschiedlich die d13 beurteilt wird, machte der Beifall der über 100 Besucher bei der eineinhalbstündigen Aufzeichnung deutlich. Applaus gab es für Wulf Herzogenrath, den ehemaligen Leiter der Bremer Kunsthalle, der von einer „wirklich guten documenta“ sprach. Jede Ausstellung - und er kennt alle seit 1964, zweimal war er im Kuratoren-Team beteiligt - sei bisher „zu 90 Prozent verrissen worden“. Jetzt gebe es einen mentalen Wandel: Intellektuelle dürften nun auch mal Dinge gut finden.

Geklatscht wurde aber auch, als der aus Kassel stammende Kunstwissenschaftler Christian Saehrendt sich weigerte, Teil einer „Begeisterungsgemeinschaft“ und CCB-„Fangruppe“ zu sein, sich von ihrer „Wohlfühldocumenta“ einlullen zu lassen. Mit ihrer „Kuratoren-Selbstherrlichkeit“ sei hoffentlich eine Spitze erreicht. Er sprach von „Kunst-Diktatur“.

Herzogenrath bekam Beifall, als er CCBs „fabelhaften Mut“ lobte, im Fridericianum alle Erwartungen durch frische Luft „wegzupusten“. Nicht nur die Stimmung sei wunderbar, die d13 sei beispielhaft in Kassel verortet, setze sich mit Geschichte auseinander, begebe sich zudem in die Weite der Welt. Saehrendt erwiderte: „Kassel hat mit Kabul nichts gemein“, das „Kunst-Ufo“ der documenta sei dort genauso fremd wie die ISAF-Truppen.

Einen 55-minütigen Zusammenschnitt u.a. mit Interviews mit den Künstlerinnen Dora Garcia und Natascha Sadr Haghighian, die eine Klangperformance darbot, sowie Kuratorin Chus Martinez sendete DRadio Kultur in „Fazit“. Zum Nachhören und -lesen: www.dradio.de, Suchbegriffe Fazit, documenta.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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