Kleinkarierte Kunst: Wolfgang Thierse über die documenta

Redeten über die documenta: Kunsthochschulrektor Prof. Christian Philipp Müller (von links), Gastgeber Wolfgang Thierse, Oberbürgermeister Bertram Hilgen und documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld. Foto: Malmus

Kassel. Kommunikation auf der documenta, das hat Wolfgang Thierse während seines zweitägigen Besuchs in Kassel gelernt, ist eine Kunst für sich. Bei einer Gesprächsrunde benutzte der Sozialdemokrat das Wort „Führer“ und wurde sogleich belehrt, dass dies ein missverständlicher Begriff sei.

Thierse diskutierte im Gleis 1 mit documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld, Kunsthochschulrektor Christian Philipp Müller und Oberbürgermeister Bertram Hilgen. „Aber es heißt doch auch noch Führerschein“, konterte der Bundestagsvizepräsident nach seinen umstrittenen Worten.

Seit 14 Jahren führt der Berliner in der Reihe „Thierse trifft“ in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg Gespräche vor Publikum. Ganz altmodisch sei das und kein Talk, aber es funktioniert, wie sich beim Gastauftritt zur documenta vor 200 Besuchern im Kulturbahnhof zeigte, der vom SPD-Bezirk Hessen-Nord und dem Kulturforum der Kasseler Sozialdemokraten organisiert wurde.

Acht Stunden lang hatte sich der 68-Jährige zuvor die documenta angesehen. Er fand sie „hochinteressant“ und oft „sinnlich“, womit er nach den Äußerungen der Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev im Vorfeld über das Wahlrecht für Erdbeeren und Hunde nicht gerechnet hatte: „Sie hat bei mir so viel Skepsis geweckt, dass ich nur überrascht werden konnte.“

Den Geschäftsführer Leifeld lockte Thierse bei der Debatte um die von der d13-Leitung kritisierte Ausstellung von Stephan Balkenhol aus der Reserve. Kommunikativ habe er in dem Streit längst verloren, bekannte Leifeld: „Wir sind die kleinkarierten Typen, die die Kunst der anderen verhindern wollen.“ Trotzdem konnte er sich einen Seitenhieb auf Balkenhol nicht verkneifen. Manche Künstler, meinte Leifeld, würden ein Leben lang leiden, dass sie nicht zur documenta eingeladen werden – und dann könnten sie in einem katholischen Kirchturm ausstellen.

Bereits zum zweiten Mal auf einer documenta ist der Schweizer Müller vertreten, der erzählte, wie Christov-Bakargiev ihn von Spitzbergen aus per Skype anrief, um ihn einzuladen. Seine Mangold-Fähre und alle anderen Werke der 180 Teilnehmer werden in Kassel nicht von „promovierten Kunsthistorikern aus Berlin“ (Leifeld) erklärt, sondern von weltgewandten Begleitern wie dem ehemaligen Finanzminister Hans Eichel.

Thierse, der mit einer promovierten Kunsthistorikern verheiratet ist, hätte sich im Fridericianum trotzdem hin und wieder einen Führer gewünscht. Leifeld wollte ihm im Gleis 1 bei der Interpretation nicht helfen. „Schade“, sagte Thierse, „dann muss ich doch mit Hans Eichel telefonieren.“

Von Matthias Lohr

Quelle: mydocumenta

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