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Kein Radfahrstreifen mehr am Steinweg: Radfahrer protestieren gegen Entscheidung

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Von: Matthias Lohr, Ulrike Pflüger-Scherb

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Protest auf dem Steinweg: Mehr als 100 Radler fuhren am Samstagmorgen auf dem Steinweg im Kreis. Anlass war die Entscheidung der Stadt, dass auf dem Radweg das Gefährt nur noch geschoben werden darf. Mit dabei war auch der SPD-Stadtverordnete Mario Lang (rechts).
Protest auf dem Steinweg: Mehr als 100 Radler fuhren am Samstagmorgen auf dem Steinweg im Kreis. Anlass war die Entscheidung der Stadt, dass auf dem Radweg das Gefährt nur noch geschoben werden darf. Mit dabei war auch der SPD-Stadtverordnete Mario Lang (rechts). © Pia Malmus

Gleich mehrere Demos sorgten am Samstag für Aufsehen. Dabei ging es nicht nur um den Antisemitismusstreit, sondern auch um die Verkehrswende in Kassel.

Kassel – Das Lauteste, das Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Samstag bei seinem Besuch hörte, war nicht Teil der documenta. Mehr als 100 Radfahrer protestierten während des Besuchs des Staatsoberhaupts gegen die Verkehrssituation auf dem Steinweg. Sie fuhren, wie es auch bei den regelmäßigen Critical-Mass-Fahrten vorkommen kann, im Kreis und klingelten laut.

Anlass war der Radweg, auf dem Radfahrer seit voriger Woche in Höhe des Fridericianums schieben müssen. Poller versperren den Weg. Einzige Alternative ist der sechsspurige Steinweg. Ursprünglich hätte es hier einen Verkehrsversuch mit einem Radstreifen auf der gesperrten rechten Fahrbahn geben sollen. Doch Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) kassierte den. Seitdem kritisieren vor allem Grüne den Rathaus-Chef.

Am Samstag riefen die Radfahrer: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns den Radweg klaut.“ Die Rufe übertönten alles andere. Neben Steinmeier und Oberbürgermeister Geselle, der mit seiner Frau Adriana und Tochter Emma gekommen war, nahmen auch die anderen Gäste den Protest wahr – darunter Staatsministerin Claudia Roth, Hessens Ministerpräsident Boris Rhein und seine Kunstministerin Angela Dorn.

Viele Zaungäste fanden den Protest den Protest kreativ, andere störten sich daran, darunter auch die Stadt. Ein Sprecher teilte mit, dass die freie Meinungsäußerung zu den Grundsätzen unserer demokratischen Gesellschaft gehöre: „Hier war es dem Anlass allerdings nicht angemessen. Wer nur gewillt ist, eine Veranstaltung zu stören, zeigt keinen Respekt vor unseren gemeinsamen Werten, sondern möchte nur provozieren.“

Mario Lang sieht das anders. Der SPD-Stadtverordnete war einer der Teilnehmer der Raddemo: „Es ging nicht darum, die Eröffnung mit Frank-Walter Steinmeier zu stören. Und es war auch kein Protest gegen Christian Geselle, sondern gegen die Verpollerung des Radwegs.“ Als Lang die Poller vorige Woche das erste Mal sah, wunderte er sich sehr und sagte: „Wir brauchen Lösungen, um die Situation zu verbessern.“

Die Stadt verweist darauf, dass die Schutzmaßnahme am Steinweg Teil des Sicherheitskonzepts der documenta und vom Land schriftlich angeordnet worden sei. Vorige Woche hatte sie noch mitgeteilt, das Konzept sei „das Ergebnis des ständigen Austausches zwischen Polizei und städtischen Ämtern“.

Laut dem Sprecher hält man es im Rathaus für zumutbar, für eine Strecke von 15 Metern abzusteigen und zu schieben. Auch diese Argumentation zeigt laut Gregor Anselmann von der Initiative Radentscheid die falsche Prioritätensetzung der Stadt: „Die documenta, die einen starken Fokus auf Nachhaltigkeit legt, wäre ein gutes Zeitfenster gewesen, um endlich mehr Platz für Rad- und Fußverkehr zur Verfügung zu stellen. Diese Gelegenheit wurde verpasst. Unter Geselle bleibt Kassel eine Autostadt. Wer ihn kennt, den wundert es nicht, dass er versucht, unsere Kritik zu delegitimieren anstatt darauf einzugehen.“ (Matthias Lohr und Ulrike Pflüger-Scherb)

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