Mein Lieblingskunstwerk: Die Maschinen des Künstlers Thomas Bayrle in der documenta-Halle

Mein Lieblingskunstwerk: Die Maschinen des Thomas Bayrle 

Thomas Bayrle

Man müsste eine Kniebank vor den einzelnen Objekten haben. Eine Kniebank oder einen solchen Klappstuhl, wie wir ihn als Kinder mitnahmen, wenn gewallfahrtet wurde. Die Kniebank hätte den Vorteil, dass man geraden Auges auf die aufgeschnittenen Maschinen von Thomas Bayrle schauen würde.

Auf dem Wallfahrtsstühlchen säße man eher zusammengekrümmt.Da aber diese Dinge nicht vorhanden sind, muss man versuchen, im Stehen zu meditieren und Zugang zur Frömmigkeit der Motoren zu finden.

Der Frankfurter Altmeister Thomas Bayrle (74) füllt die untere Etage der documenta-Halle. Unübersehbar ist sein „Flugzeug“, welches aus Tausenden kleiner Bildchen zum Ganzen wird. Unübersehbar ist auch sein Autobahn-Wandrelief „Carmageddon“ aus unzähligen Kartonelementen.

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Doch zu Füßen dieser Giganten faszinieren mich die acht aufgeschnittenen Motoren. Aus der Begeisterung für sichtbar gemachte Technik wird schnell stille Einkehr. Denn der Rhythmus der Motoren und das gebetsmühlenartige Murmeln aus den Lautsprechern fordern Ruhe und Gelassenheit, will man beides auf sich wirken lassen.

Die Scheibenwischer eines Mercedes wedeln hin und her und die Lautsprecher flüstern im Wischerrhythmus „Bitte für uns“. Der VW-Motor wird ebenso wie die Porsche-Maschine zum Rosenkranz oder der Motor eines französischen 2 CV zum Rosaire. Und der Sternmotor eines Flugzeuges zur Monstranz. Dazu kommt aus dem Lautsprecher eine mehrstimmige Rosenkranzandacht aus dem Kölner Dom mit dem immer wieder- kehrenden „Gegrüßet seist du, Ma-ria“. Den Motor einer Motoguzzi hat Bayrle „Prega per noi“ (Bitte für uns) genannt.

Rosenkränze, Andachten, Fürbitten, Motorengeräusche - Bayrle hat in einem Interview gesagt, dass sich Meditation und Maschinenwelt nicht ausschließen. Sie lägen nah beieinander, sie berührten sich.

Hält man inne vor seinen Objekten, versucht Nebengeräusche auszuschalten, dann verschmelzen Motoren und Gebetsgemurmel, und man schafft es zumindest für kurze Momente, innere Ruhe zu finden. Deswegen lohnt es sich, auf jeden Fall für mich, bei jedem documenta-Rundgang kurze Einkehr vor den frommen Maschinen zu halten.

Und irgendwie haben die Motoren ja auch etwas vom Leitmotiv dieser documenta, von Zusammenbruch und Wiederaufbau.

Alle Lieblingskunstwerke finden Sie auf www.mydocumenta.de

Von Peter Fritschler

Quelle: mydocumenta

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