Körper statt Körperbilder

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Kassel. Eine Kunstform setzt sich durch: Die Performance erobert zunehmend weitere Kulturwelten.

Seit einigen Jahren ist sie auf Theaterbühnen zu erleben, auch in Ausstellungen und Museen wird nun immer mehr performt. Auch auf der documenta. Darüber sprachen wir mit Gerald Siegmund, Professor für angewandte Theaterwissenschaft an der Universität Gießen, die beim Nachdenken über solche Mischformen aus Kunst und Theater deutschlandweit ganz vorn ist.

Was sind Performances und wo kommen die her?

Gerald Siegmund: Schon in den 50ern gab es in der Bildenden Kunst Arbeiten, die sich mit Körpern und mit Zeitlichkeit beschäftigt haben. Was ursprünglich zur Darstellenden Kunst gehörte. Früher hieß das dann auch mal Happening oder Body-Art.

Worum geht es dabei?

Siegmund: Darum, den Kunstbegriff zu erweitern. Thema ist aber auch, sich der Vermarktbarkeit zu widersetzen.

Und im Theater?

Siegmund: In der Darstellenden Kunst begann der Trend, als man aufhörte, lediglich literarische Texte zu inszenieren. Vielleicht ist das Anschaulichmachen von literarischen Texten heute nicht mehr das, was Theater allein ausmacht. Heute steht mehr das Live-Moment im Zentrum, und es sind häufig Menschen auf der Bühne, die keine Schauspieler sind, sondern Laien oder eben Performer.

Es gibt deshalb den Vorwurf, dass Performancekunst weniger professionell sei als andere Kunstformen – und damit in den aktuellen Trend passt, das Profitum generell abzulehnen, den man gerade überall beobachten kann – bis in die Politik.

Siegmund: In der Pauschalität würde ich das nicht teilen. Ich glaube, es können sich in der Szene nur die Leute halten, die sich Performance wie ein Handwerk angeeignet haben. Zum Beispiel Licht, Tontechnik oder Videoschnitt. Das kriegen die Leute bei uns eben auch vermittelt. Die Frage ist, ob die Performance womöglich eine interessantere Perspektive auf die Welt eröffnet als die herkömmlichen Kunstformen. Wollen wir denn wirklich noch diese abgehungerten Tanzmaschinen in den Tanzensembles sehen?

Während es im klassischen Theater darum geht, den Darsteller hinter der Figur verschwinden zu lassen, bleiben die Grenzen beim Performen verschwommen. Was ist sonst der Unterschied?

Siegmund: Natürlich erscheinen auch Laien auf der Bühne nicht als sie selbst. Man nimmt immer eine Haltung ein, ist immer in einer gewissen Distanz, auch wenn man man selbst sein soll. Bei Performancekünstlern wie Marina Abramovic taucht diese Frage nicht auf, die nimmt ihren Körper als Material.

Wie hängt der Trend mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen?

Siegmund: Die Performance ist sicher auch deshalb so angesagt, weil sie auch ein Reflex auf die sich verändernde Arbeitswelt ist. Die wird immer flexibler, Jobverhältnisse lockern sich. So betrachtet, können Künstler als Vorreiter der neoliberalen Gesellschaft gesehen werden: prekär und maximal flexibel. Wobei ich nicht sagen will, dass jede Kunst der Wirtschaft affirmativ in die Hand spielt.

Wie verändert sich ein Ausstellungsbesuch, wenn eine Performance aufgeführt wird?

Siegmund: Ich kann kommen und gehen, wie ich will. Ich kann mich dort bewegen. Das bedingt eine andere Art von Konzentration und Zeitlichkeit, als wenn ich im Theater fest auf einem Stuhl sitze. Dazu kommt: Durch eine Performance verändert sich ein Raum. Er wird in der Begegnung zwischen Performer und Publikum erst entwickelt – die Besucher entscheiden, wo sie sich hinstellen, wie nah sie den Künstlern kommen. So wird eine Beziehung zwischen Publikum und Akteuren ausgehandelt. Das kann sehr reizvoll sein.

Performances finden im Moment statt, das Live-Erlebnis soll eine besondere Wertigkeit erzeugen. Was kann eine gute Performance leisten?

Siegmund: Man lernt die soziale Situation wieder zu schätzen. Es sind Körper involviert, nicht Bilder von Körpern. Körper erzählen stets auch von Verletzlichkeit. Auch dadurch wird eine andere Beziehung hergestellt als beim handwerklich perfekten Schauspiel.

Ist denn die Ausführung hier nicht mehr perfekt?

Siegmund: Die perfekte Repräsentation von Welt ist offenbar nicht mehr so wichtig wie im späten 18. Jahrhundert, als sich das klassische Theater durchsetzte. Das gilt entsprechend für die Kunst.

Zudem sind Bilder im Internetzeitallter allgegenwärtig.

Siegmund: Richtig. Dagegen steht das Live-Erlebnis, eine Situation, in der mein Empfinden zusammenhängt mit dem der anderen. Übrigens bin ich überzeugt, dass sich der Markt diese vermeintlich unvermarktbare Kunstform doch noch einverleiben wird.

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