Die Kunst und die Freiheit des Fragens - ein Kommentar zur d13

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Kassel. Journalisten und Kunstkritiker dürfen sie bereits sehen, ab Samstag ist die d13 auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Die documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev provoziert - und das ist gut so, meint unser Kommentator.

Vor 57 Jahren, in seiner Eröffnungsrede zur allerersten documenta, beschrieb Kurator Werner Haftmann die Lage, aus der Kunst gemacht wird, wie folgt: „Die Methode des modernen Denkens ist eine eigentümliche Koppelung aus hellwacher logischer Intelligenz und tiefer Intuition; ihr Antrieb eine riesige Freiheit und Voraussetzungslosigkeit im Fragen, denen als Gegenentwurf die Angst entspricht.“

Was Haftmann 1955 formulierte, trifft den Kern dessen, was auch documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev antreibt und was die 13. Weltkunstausstellung in Kassel dominieren wird: Wie Denken entsteht, was es bewirkt. Das Verhältnis von Wissenschaft und Kunst. Fragen danach, in welche Krisen und Konflikte Wissenschaft und Politik unsere Welt gebracht haben, die Befürchtung, dass sich der Kollaps unserer Erde nicht verhindern lassen könnte.

Kunst sieht CCB als „entwickelte Forschung“, als eine Form „intuitiven Wissens“, die eine ganz andere Sicht auf die Welt ermöglicht. Wir sollten dankbar sein, dass Künstler solche verblüffenden, irritierenden, auch abwegige Perspektiven einnehmen - in Freiheit, ohne Voraussetzung, furchtlos - und uns voll Neugier darauf einlassen.

Man mag manche von Christov-Bakargievs überspitzten Äußerungen bizarr finden - Stichwort: Wahlrecht für Erdbeeren. Doch angesichts von Genmanipulationen, Schwund der Artenvielfalt und Ausbeutung von Ressourcen stellt sie drängende Fragen: Wie die von ihr oft zitierten nicht-menschlichen Lebewesen sozusagen eine Stimme erhalten, wer ihr Anwalt sein soll. Gerade erst hat der Umweltrat an die „entscheidende Systemfrage des 21. Jahrhunderts“ erinnert: „In einer begrenzten Welt kann es kein unbegrenztes Wachstum geben.“ Das verhandelt die d13.

Werner Haftmann schilderte 1955 auch, dass die „Prämisse des humanistischen Menschenbildes“ durch die Psychoanalyse in Frage gestellt werde, indem der Mensch „nur Teil einer Natur“ sei, er durch „dunkle Ströme des Unbewussten“ bewegt werde. CCB denkt über Mensch und Natur noch radikaler. „Wir Menschen müssen lernen, weniger das Zentrum von allem zu sein“, fordert sie. Eine Provokation, die förderlich sein kann.

Von Mark-Christian von Busse

Fotos: d13: Das ist in der Neuen Galerie zu sehen

d13: Das ist in der Neuen Galerie zu sehen

Quelle: mydocumenta

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