Ziel muss die Rettung der documenta sein

Kommentar zum Finanzchaos bei der documenta 14: Naiv und willenlos

Die Verantwortung für das finanzielle Desaster trägt in erster Linie die Geschäftsführung, sagt Chefredakteur Horst Seidenfaden zum Finanzchaos der documenta 14. 

Erfolg hat bekanntlich immer viele Mütter und Väter. Und in den Sonnenstrahlen einer erfolgreichen documenta haben sich gern jene gewärmt, die nun, am Rande des finanziellen Abgrunds der documenta GmbH, schnell auf Tauchstation gegangen sind.

Wer trägt die Verantwortung für das finanzielle Desaster? Natürlich die Geschäftsführung der documenta in erster Linie: Wenn Annette Kulenkampff noch im Juli verkündet, finanziell sei alles im Lot, im August dann ein Loch von sieben Millionen Euro klafft und die Insolvenz droht, dann ist das nicht nur ein Indiz, sondern ein Beweis dafür, dass da jemand die Dinge nicht im Blick und schon gar nicht im Griff hat.

Verantwortlich fürs Desaster? Der künstlerische Leiter natürlich ebenso. Es kann nicht sein, dass Adam Szymczyk eine Ausstellung in Athen konzipiert und sich auch nicht ansatzweise mit den besonderen Problemen vor Ort vertraut machte. In Athen ist das Millionenloch entstanden – und wer nicht im Blick hat, dass es dort möglicherweise im Sommer warm werden könnte, der geht unbedarft an ein solches Riesenprojekt heran. Szymczyk, Kulenkampff – und der engere Kreis drumrum: Wer so leichtfertig mit Steuergeldern im Namen der Kunst umgeht, handelt verantwortungslos. „Von Athen lernen“ – das Motto der documenta kann nicht bedeuten, dass man von der griechischen Hauptstadt den sorglosen Umgang im Schuldenmachen übernehmen sollte.

Bei der Suche nach den Verantwortlichen geraten aber auch die Mitglieder des Aufsichtsrates ins Visier: Allen voran Ex-OB Bertram Hilgen, ein vehementer Verfechter des Athen-Abenteuers. Von Aufsicht und Rat im Sinne einer absichernden, kontrollierenden Begleitung war da nichts zu hören und zu sehen. Der documenta-Aufsichtsrat ließ den Ritt ins zügellose Finanz-Abenteuer naiv und willenlos zu.

Nun gilt es, den Schaden zu begrenzen, zu beheben und nach vorn zu schauen. Die documenta als Weltereignis muss in ihrer Bedeutung schließlich für Kassel erhalten bleiben. Das bedeutet aber auch, dass man für eine documenta 15 professionelle Strukturen schaffen muss. Eine documenta kann nicht von einem Kernteam von acht Mitarbeitern gewuppt werden – und dieses Kernteam braucht einfach, was Rechtliches und Wirtschaft betrifft, mehr Fundament.

Und für die Glaubwürdigkeit bedarf es einer lückenlosen Aufklärung. Da ist es beinahe ein Glücksfall, dass es im Aufsichtsrat einen gibt, der für alles gar nichts kann: Christian Geselle ist erst seit Juli Aufsichtsratschef. Aufklärung des Skandals und Neuausrichtung der documenta – das sind seine Themen. Er kann ohne Vorbelastung ans Werk gehen. Denn über allem muss als Ziel die Rettung der documenta stehen.

Rubriklistenbild: © HNA

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