Verortet in Kassel, mit Blick in die Welt: Was über Carolyn Christov-Bakargievs documenta 13 im Sommer 2012 bekannt ist

Konturen der Ausstellung sind sichtbar

Neugierig auf die documenta 13: Bei der Vorführung von Pierre Huyghes Film „The Host and the Cloud“ am Valentinstag gab es im Gloria-Kino Andrang. Dort wird nächsten Sommer wieder ein Filmprogramm gezeigt. Foto: Kasiewicz

Kassel. Welchen Charakter wird die documenta 13 haben? Was ist inzwischen über die Ausstellung bekannt, die vom 9. Juni bis 16. September 2012 in Kassel stattfinden wird? Wir geben einen Überblick.

Die documenta ist ein Labor.

Die ungewöhnlichen Führungen entsprechen dem experimentellen Charakter der documenta 13. „Wir wollen dem Trend der weltweiten Spektakel-Kultur etwas entgegensetzen“, sagt Julia Moritz, die die Vermittlungsabteilung leitet. Wer sich einer „dTOUR“ anschließt, wird Teil einer „Gemeinschaft, die etwas ausprobiert“, formuliert Pressesprecherin Kathrin Luz. Die Reflexion nimmt großen Stellenwert ein, es soll Raum geben für unterschiedliche Perspektiven.

Das gilt generell: Die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev - in ihrem Team „CCB“ genannt - hat Archäologen wie Zoologen in ihr Team geholt, die Themen reichen von der Ökologie bis zur historischen Künstler-Avantgarde.

Es geht ihr immer um die Wechselbeziehungen verschiedener Wissensbereiche, besonders von Kunst und Wissenschaft. „Vielleicht Vermittlung“ - im sperrigen Titel der Abteilung steckt eine Ergebnisoffenheit, die „CCBs“ Arbeitsweise prägt. Für ihr Team ist sie manchmal chaotisch, weil alle Ergebnisse immer wieder neu infrage gestellt werden.

Die documenta ist mehr als Bilder an Wänden.

„Die documenta wird sehr lebendig“, kündigt Moritz an, niemand werde „unterbeschäftigt und gelangweilt“ sein. Sie plant Künstlergespräche, Vorträge, Diskussionen, vielleicht ein Nachtprogramm mit Lyrik-lesungen und Performances. Im Gloria-Kino wird es Filme geben. Viele „activated projects“ verspricht Moritz –Kunst, die Besucher einbezieht. Möglichst viele Künstler sollen sich länger in Kassel aufhalten – und zum Beispiel abends als DJ auflegen.

Die documenta hat schon begonnen.

Christov-Bakargiev begreift alle bisherigen Aktivitäten als Teil der documenta 13 – die Webseite documenta.de, die den Weg zur Ausstellung dokumentiert und zum Quer-Klicken einlädt, gibt einen Eindruck. Zum Beispiel lädt die Künstlergruppe „AND AND AND“ weltweit zu Veranstaltungen ein - ob in Tiflis oder Tunis. Auch Kunst gab es schon zu sehen: etwa den in zwei Hälften geteilten Meteoriten „El Taco“ aus Argentinien im Portikus Frankfurt (von Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg). Und in der Aue wartet Giuseppe Penones Bronzebaum auf Gesellschaft durch andere Außenkunstwerke.

Die documenta versichert sich der Geschichte.

Und zwar ihrer eigenen wie der Kasseler Geschichte. Das ging los mit der Tagung mit allen documenta-Leitern im Museum Castello di Rivoli bei Turin, in dem Christov-Bakargiev zuletzt Direktorin war, und führt symbolisch über die Motive der Werbepostkarten bis zum Passwort im Pressebereich der Webseite. Anschaulich wird es in den Standorten, an denen die documenta 13 interessiert ist: Neben dem Bereich um den Kulturbahnhof und den Friedrichsplatz (Fridericianum, documenta-Halle, Neue Galerie) sind das der Weinbergbunker und 50er-Jahre-(Um-)Bauten: das ehemalige Hotel Hessenland, der Gesellschaftssaal im Hugenottenhaus (Friedrichsstraße), Kaskade-Kino. Von neun Standorten insgesamt spricht Julia Moritz.

Die documenta geht nach draußen.

Vermutlich werden Orangerie und die gesamte Karlsaue so weitläufig einbezogen wie noch nie. Die documenta wird ein enormes Laufpensum erfordern. Ein für Christov-Bakargiev besonders wichtiger Ort ist auch die Gedenkstätte Guxhagen-Breitenau. Alle Künstler, sagte sie in einem Interview, führt sie in dieses ehemalige Kloster und Konzentrationslager.

Die documenta erzeugt viel Theorie.

Dafür steht die Reihe „100 Notizen - 100 Gedanken“ (bei Hatje Cantz), in der 34 Bände erschienen sind. Auch hier geht es um einen Austausch verwandter Geister, Kunst, Wissenschaft, Geschichte und Poesie, um etwas Skizzenhaft-Vorläufiges, Experimentelles. documenta, das ist für Christov-Bakargiev „eine Form der Recherche und Untersuchung“. Bei all dem möchte sie wegkommen von einem Denken, das nur den Menschen sieht. Dass sie einen Hundekalender produziert hat, für den Künstler Fotos ihrer Vierbeiner beisteuerten (13 Euro, im Verlag der Buchhandlung Walther König) ist mehr als ein Gag.

Die documenta nimmt die Welt in den Blick.

Für Christov-Bakargiev ist das mehr als selbstverständlich. Zu den Künstlern, die bekannt sind, zählen neben früheren documenta-Teilnehmern wie William Kentridge aus Südafrika etwa Ayreen Anastas und Rene Gabri, die aus Palästina und dem Iran stammen. Ein bereits erschienenes Künstlerbuch, „Seeing Studies“, von Natascha Sadr Haghighian und Ashkan Sepahvand hat ein Schulbuch für den Kunstunterricht an iranischen weiterführenden Schulen zur Grundlage.

Auch „Collapse and Recovery“, Zerstörung und Wiederaufbau, das Leitmotiv für Christov-Bakargiev, lässt sich für die Kasseler Geschichte ebenso deklinieren wie für Afghanistan oder die Revolutionen in Nordafrika. Natürlich geht die documenta selbst auf Welttournee. Heute etwa stellt Christov-Bakargievs enge Vertraute Chus Martínez die Notizbücher bei der Biennale Thessaloniki vor.

Die documenta ist weiblich.

Ob Julia Moritz, Chus Martínez, Sprecherin Kathrin Luz, Projektleiterin Christine Litz, Bettina Funcke, die die Publikationen verantwortet, oder Eva Scharrer, im Team von Anfang an dabei – documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld ist (fast) allein unter Frauen.

Mehr zur documenta: http://zu.hna.de/pwFjx3

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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