Das Kreuz der documenta: Religion und Spiritualität

Rosenkranz-Litanei: Thomas Bayrle zeigt „betende Motoren“ in der documenta-Halle. Foto: Fischer

Kassel. Ryan Ganders Luftzug erinnert Theologen an das sanfte Säuseln des Windes, in dem der Prophet Elia Gott erkannt hat. Kristina Buchs Anpflanzung lässt sie an den Schmetterling als Symbol der Auferstehung denken, die Tsetsefliegen von Pratchaya Phinthong an die ägyptischen Plagen, von denen die Bibel erzählt.

Andreas Mertin, der dreimal Begleitausstellungen der evangelischen Kirche zur documenta kuratiert hat, unternimmt auf seiner Webseite amertin.de einen theologischen Spaziergang über die d13, auf dem er jüdisch-christliche Traditionen erläutert. Sehnsucht nach Spiritualität, Wünsche nach Heilung von Traumata und Versöhnung, zeichenhaftes, auch barmherziges Handeln - diese Themen sind allgegenwärtig auf der d13.

Und das, obwohl die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev - die sich von Stephan Balkenhols Skulptur im St.-Elisabeth-Kirchturm „bedroht“ gefühlt hatte - „überhaupt keine Beziehung zur Religion und Theologie hat“, wie der documenta-Kenner und langjährige HNA-Ressortleiter Dirk Schwarze sagt.

Sie habe nichts gegen Religion, beteuerte „CCB“ in einem dpa-Interview, bevorzuge aber auch keine. Es gebe viele Kunstwerke, „die eine große Spiritualität haben“. Für Petra Bahr, Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, liegt hier der „blinde Fleck der documenta“: Das Verhältnis von Religion und Kunst sei an allen Ecken und Enden zu greifen, bleibe aber unbefragt. Aufklärerische Kritik komme nicht vor. Unter all den Wissenschaftlern und Denkern habe CCB keine Theologen und Religionsphilosophen eingeladen.

In einer Frauenzeitschrift hat Bahr gelesen, Thomas Bayrles Maschinengebete seien „besser als zehn Yogastunden“. Für Bahr ein Missverständnis. Denn der Eindruck des Meditativen werde ja ins Groteske, Ironische verwandelt. Gebetmaschinen nehmen den Menschen die Mühe ab: „Diese Position karikiert eher unsere Neigung, Maschinen unser Leben leben zu lassen, während wir zuschauen.“ Vielleicht sei die Sehnsucht nach fast religiöser Verwandlung des Alltags mittlerweile zu groß, die Kunst der letzte Ort, wo Menschen diese Sehnsucht erfüllt sehen können, spekuliert Bahr.

Kunst sei längst Religionsersatz, meint auch Kritiker Dirk Schwarze. Für den Kunstwissenschaftler Christian Saehrendt ist die d13 gar „illustrierter Wellness-Buddhismus“: Alles sei niederschwellig, „light“, „maybe“. Die Kunst biete säkulare Ethik für ein urbanes Bürgertum, das die Religion hinter sich gelassen habe. In der Kunst kehre die Moral durch die Hintertür zurück. Saehrendt erkennt in den d13-Leitmotiven Grundsätze des Dalai Lama: Wir sollen Egoismen überwinden, uns in andere versetzen, Achtsamkeit gegenüber anderen Lebewesen entwickeln. Die Einheit des Kosmos spüren.

Dass Steine sprechen, Felsen empfinden, Erdbeeren wählen, wie es CCB in ihren Vorab-Interviews äußerte - mit solch animistischen Thesen ist man im Bereich des Esoterischen.

Alles lebt, alles ist beseelt. Der Wiener Pfarrer Michael Chalupka machte das zum Thema einer Radioandacht. Er beschrieb die d13 als „Seelengarten“, und ihm fiel das Buch Hiob ein: „Frage doch das Vieh, das wird dich’s lehren, die Vögel unter dem Himmel, (...) die Sträucher der Erde, (...) die Fische im Meer werden dir’s erzählen. Wer erkennte nicht an dem allen, dass des Herrn Hand das gemacht hat, dass in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt.“

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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