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Kritik aus Berlin an der documenta – aber Abgeordnete waren noch nicht da

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Von: Mark-Christian von Busse

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Das Bild zeigt den documenta-Standort Bootsverleih Ahoi in Kassel mit der „Schneckenfähre“ der Künstlerin Chang En-Man aus Taiwan. In Vordergrund ist ein Schwanen-Tretboot zu sehen.
Das Bild zeigt den documenta-Standort Bootsverleih Ahoi in Kassel mit der „Schneckenfähre“ der Künstlerin Chang En-Man aus Taiwan. © Dieter Schachtschneider

Politiker des Bundes haben die documenta scharf kritisiert. Besucht haben sie die Kunstausstellung in Kassel jedoch nicht – und wollen es auch nicht nachholen.

Kassel – Die Mitglieder des Bundestags, die sich im Kulturausschuss und im Plenum zur documenta geäußert haben, sind mit der Kunstschau hart ins Gericht gegangen. Allerdings haben die Abgeordneten selbst die documenta fifteen noch gar nicht besucht. Das hat eine Umfrage unserer Zeitung ergeben.

„Aus der wichtigsten Schau zeitgenössischer Kunst ist die ,Antisemita’ geworden“, sagte Gitta Connemann (CDU) im Bundestag: „Antisemitismus zieht sich wie ein roter Faden durch die documenta 15“. Connemann vertritt seit 2002 den Wahlkreis Unter-ems in Berlin. Die 58-Jährige aus Leer gehört dem Beirat des American Jewish Committee Berlin an.

Die Rechtsanwältin war Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Sie antwortete auf die Frage, ob sie sich einen Eindruck von der Ausstellung gemacht habe: „Mein Mann und ich hatten einen Besuch für August geplant. Wir sind beide Fans der documenta. Aber angesichts des Verhaltens der Organisatoren sehen wir jetzt davon ab.“

„Die antisemitischen Darstellungen und das Versagen der Verantwortlichen in Kassel haben mich letztlich von einem Besuch abrücken lassen“, teilt auch Marlene Schönberger (Bündnis 90/Die Grünen), 31-jährige Politikwissenschaftlerin aus Landshut, mit – obwohl das Konzept sie angesprochen habe. Antisemitismus sei eine globale Bedrohung, die in Deutschland auch nach 1945 eine Blutspur der Gewalt hinterlassen habe: „Da ist für mich eine klare Grenze überschritten.“ Ihr Parteifreund Erhard Grundl werde die documenta am 10. August besuchen, teilt sein Büro mit.

Auch Anikó Merten (FDP) fand im Parlament scharfe Worte für das Kasseler „Kontrolldesaster“ und das „desaströse Krisenmanagement“. Sie zitierte das Ruangrupa-Motto „Make friends, not art“ „Dass dieser Slogan aufgegangen ist und sich die Beteiligten der größten internationalen Kunstausstellung viele Freunde gemacht haben, wage ich zu bezweifeln.“ Und: „Alle ihre Teilnehmer werden die documenta beschädigt verlassen.“

Die Menschenwürde sei „hier kollektiv mit Füßen getreten“ worden. Merten ist Kunstwissenschaftlerin. Sie war an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig tätig, wo sie auch studiert hat. Die 40-Jährige will die d15 noch besuchen: Das sei seit ihrem Studium ihr „persönliches Pflichtprogramm“. Auch der aktuelle Skandal und ein voller Terminkalender „ändern nichts an diesem Ritual“.

Sie habe sich „sehr auf die documenta gefreut“, sagte Dorothee Bär (CSU) in der Aussprache: „Es ist sehr traurig, dass davon nichts übrig geblieben ist.“

Die weltweite Kunstwelt sei fassungslos, so Bär, der Taring-Padi-Skandal habe „unser Land nachhaltig beschädigt“. Die 44-jährige Politologin, in Bad Kissingen direkt gewählt, sprach von „Messeverantwortlichen“ und „Kunstmesse“. Ob sie die Ausstellung gesehen hat, das beantwortete Bär nicht.

Die SPD-Abgeordneten Simona Koß, Helge Lindh und Katrin Budde verweisen alle auf den seit Anfang des Jahres für den 12./13. September geplanten documenta-Besuch der Arbeitsgemeinschaft Kultur und Medien der SPD-Bundestagsfraktion. Lindh betont, bislang sei das auch wegen intensiver Sitzungswochen noch nicht zu realisieren gewesen. Trotzdem sei es richtig gewesen, schon vor der Sommerpause im Bundestag über die d15 zu diskutieren.

Jan Korte sei im Urlaub und könne nicht antworten, heißt es aus dem Büro des Linken-Abgeordneten. Auch Kortes Fraktionskollegin Petra Sitte hat nicht reagiert. Sie hatte den Begriff Antisemita, den der „Spiegel“-Kolumnist Sascha Lobo geprägt hat, „beängstigend“ genannt: „1500 Künstlerinnen und Künstler in Haftung zu nehmen, ist unsinnig, und es ist falsch.“ Marc Jongen (AfD) gab ebenfalls keine Auskunft.

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