Ben Patterson starb 2016

Fluxus-Frösche: Künstler schuf kurz vor seinem Tod Klanginstallation für d14

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Schwimmende Kunst: Im Küchengraben in der Karlsaue sind Teile der Arbeit „When The Elephants Fight, It’s The Frogs That Suffer“ von Ben Patterson im Wasser verankert. 

Kassel. Ben Pattersons Grafitti schmiert nicht. Ben Pattersons Graffiti quakt. Es lamentiert. Es brüllt, es summt und es flüstert.

Pattersons Kunst im öffentlichen Raum verlässt sich ganz auf Geräusche, die die alltägliche Erfahrung eines Ortes durcheinanderbringen. Für die documenta hat der 2016 verstorbene US-Amerikaner noch eine vielstimmige Soundinstallation im Kasseler Küchengraben und in den Gärten des Athener Museums für Byzantinische und Christliche Kunst geschaffen.

Stimmen aus dem Laub: Die Geräusche aus getarnten Lautsprechern beeindrucken auch tierische Besucher.

Unter dem Bandwurmtitel „When Elephants Fight, It’s The Frogs That Suffer“ (Wenn Elefanten kämpfen, leiden die Frösche) hat der Künstler einen opulenten Klangteppich ausgerollt: Quakende Frösche, menschliche Imitationen von quakenden Fröschen, Gesang, Gemurmel und immer wieder Fetzen aus Goethes „Faust“, Aristophanes’ „Die Frösche“ und einer Rede von Barack Obama. In Kassel tönt dieses schwüle, belustigende und ab und zu unheimliche Stimmengewirr rund um die Uhr aus wetterfesten Lautsprechern, die als schwarze Bojen im Wasser schaukeln und sich wie winterschlafende Tiere unter Laubhaufen am Wegrand verstecken. Pattersons Interesse am akustischen Graffiti stammt aus seiner Vergangenheit als Musiker. Der ausgebildete Komponist und Kontrabassist war Anfang der 60er-Jahre einer der Mitbegründer der Fluxus-Gruppe, die Musik als Experimentraum begriff und auf ihren Konzerten schon mal das Publikum anwies, an die Zahl sechs zu denken und wie ein Hund zu bellen.

Anders als seine nachhaltig berühmteren Fluxus-Kollegen wurde Patterson bisher nie auf der documenta ausgestellt. Auf der d14 mit ihrem Fokus auf die Klang-Avantgarde der Nachkriegszeit lässt sich sein Werk deshalb auch als eine – leider posthume  – Würdigung eines Übersehenen verstehen.

In Kassel ist seine Symphonie der quakenden Frösche nun zumindest nicht zu überhören. Ein besonderes Spektakel, das vielleicht auch dem Künstler gefallen hätte, lässt sich regelmäßig in den Abendstunden beobachten. Dann versammeln sich die im Küchengraben ansässigen Gänse und setzen den Lautsprecher-Klängen ihre ganz eigene Live-Schnatter-Performance entgegen.

Hintergrund: die Fluxus-Gruppe

Die „Fluxus-Group“ ist ein Künstler-Kollektiv, das in den frühen 60er-Jahren in New York entstand. Als einer der Gründungsväter gilt der Litauer George Maciunas, der 1963 das Fluxus-Manifest verfasste, in dem er die „Reinigung der Welt von toter Kunst“ verlangte. Die Fluxus-Gruppe, zu der beispielsweise Yoko Ono, Nam June Paik, George Brecht und auch die Deutschen Joseph Beuys und Wolf Vostell gezählt werden, setzte sich für eine Erweiterung des Kunstbegriffes ein und nahm Elemente der neuen Musik und des Theaters auf. Unter den Begriff des „Happening“ fielen Aufführungen jeglicher Art, bei denen auch das Publikum beteiligt wurde. Eine wichtige Rolle spielten außerdem die experimentellen Kompositionen von John Cage. Viele Mitglieder der Gruppe (unter anderem George Brecht, Yoko Ono, Ben Vautier) waren documenta-Teilnehmer. In diesem Jahr sind gezeichnete Karten von George Maciunas in der Neuen Galerie ausgestellt, wo auch die Beuys-Installation „The Pack“ dauerhaft zu sehen ist. 

Zur Person: Ben Patterson

Ben Patterson

Ben Patterson (1934-2016) wurde in Pittsburgh geboren und studierte Kontrabass und Komposition. Er gehörte zum Kern der New Yorker Fluxus-Gruppe, 1962 organisierte er mit George Maciunas das erste Fluxus-Festival in Wiesbaden. 1965 zog er sich aus dem Kunstbetrieb zurück, blieb aber in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung aktiv. 2016 starb er in Wiesbaden.

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