Künstler bezichtigt documenta-Leiterin der Lüge

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Religiöses Fest in Kalkutta: Einen interreligiösen Dialog wollte Gregor Schneider initiieren.

Kassel. Gregor Schneider wollte in der Karlskirche eine Ausstellung präsentieren - doch dies wird nun endgültig nichts.

Die evangelische Landeskirche von Kurhessen-Waldeck habe sich „der Intervention der documenta gebeugt“, erklärte Bischof Prof. Dr. Martin Hein. Ein Interview mit dem Künstler.

Man habe auf die Ausstellung verzichtet, um „das Verhältnis zur documenta-Leitung nicht nachhaltig zu belasten“, sagte Hein. Die künstlerische Leiterin der documenta, Carolyn Christov-Bakargiev, indes hat eine Einflussnahme mehrmals bestritten. Der Künstler erhebt schwere Vorwürfe gegen die Kuratorin.

Sie sind immer noch enttäuscht über die Absage. Sind Sie eher traurig oder wütend?

Gregor Schneider: Das Verhalten der documenta-Chefin ist zynisch und beschämend. Sie hat massive Informationskontrolle betrieben. Das ist nichts anderes als Zensur. Sie hat Behauptungen aufgestellt, die nicht stimmen, um den Sachverhalt nicht aufklären zu müssen. Sie sagte im 3Sat-Interview, sie wisse nichts über Gregor Schneider. Sie lässt über die Pressestelle verbreiten, sie habe keinen Einfluss auf die Ausstellung ausgeübt, geschweige denn davon gewusst. Daran sieht man, mit welcher Arroganz die Kuratorin vorgeht. Wenn man einem Politiker nachweisen würde, dass er vor versammelter Öffentlichkeit gelogen hat, wäre das Grund für einen Rücktritt.

Einfluss genommen hat nachweislich documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld. Sind Sie sicher, dass Frau Christov-Bakargiev persönlich hinter dieser Intervention steht?

Schneider: Dass Leifeld per E-Mail massiv gedroht hat, wird bisher von der documenta-Chefin verschwiegen. Sie ist aber verantwortlich dafür. Die Anfrage der Kirche ging an die documenta-Leitung. Sich vor die versammelte internationale Presse hinzustellen und zu behaupten, sie hätte davon überhaupt nichts gewusst, nachdem sie sich massiv gegen Stephan Balkenhols Ausstellung geäußert hat, ist grotesk. Sie hat mit Erfolg versucht, sich von dieser lästigen Diskussion zu befreien. Dabei hatte die documenta selbst öffentlich gemacht, dass die evangelische Kirche auf eine Ausstellung verzichtet hat - nicht ich. Und plötzlich will die documenta-Chefin nichts von den Ausstellungsplänen gewusst haben?

Wie hat sich für Sie die Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche dargestellt?

Schneider: Man hat sich da erst mal mit einer neunköpfigen Jury sehr viel Mühe gemacht und mich eingeladen, für 70 000 Euro eine Ausstellung in der Karlskirche zu machen. Wohlgemerkt in der Karlskirche. Ergänzend habe ich vorgeschlagen, die Fassade zu verändern, auf dem Dach oder am Eingang, also auf dem Vorplatz etwas zu realisieren. Ich habe bewusst alles offen gehalten. Mit diesen Entwürfen hat die Landeskirche versucht, in einen Dialog mit der documenta zu treten. Da ging es bald um einen möglichen grundsätzlichen Bruch zwischen Kirche und documenta. Die Reaktion war so massiv, dass man vermutlich komplett überrascht war und den Weg des geringsten Widerstandes gegangen ist. Man hat gleich die komplette Ausstellung abgesagt, auch in der Kirche.

Hätten Sie auf eine Bespielung des Außenbereichs der Kirche verzichtet, sich also auf einen Kompromiss eingelassen?

Schneider: Es kam gar nicht mehr zu einer Diskussion innerhalb der Jury oder mit mir. Es wurden keine Alternativen mehr besprochen.

Hoffen Sie, die Ausstellung noch verwirklichen zu können?

Schneider: Ich habe angeregt, gerade jetzt die Kirche zu öffnen und Diskussionen zu führen über das Verhältnis von documenta, Kirche und städtischem Raum. Es kann doch nicht im Interesse der Kirche sein, jetzt unsichtbar zu sein. Hier geht es ja nicht um mich als Person, sondern das massive Vorgehen der documenta hat System. Ich fühle mich auch solidarisch mit Stephan Balkenhol. Auch die evangelische hätte sich solidarisch mit der katholischen Kirche erklären müssen. Wieso kann die Kirche als unabhängige Institution nicht ein eigenständiges Programm machen?

Haben Sie kein Verständnis dafür, dass die documenta umfangreich wie nie in den Stadtraum eingreift, vergessene Areale entdeckt, ein einheitliches kuratorisches Konzept vertritt und Verwechslungsgefahr durch andere Ausstellungen fürchtet?

Schneider: Nein, das sage ich Ihnen ganz klar. Bei Intoleranz gibt es keine Toleranz. Eine documenta kann nicht auch nur im Entferntesten bestimmen, was ganz unabhängig davon in einer Kirche geschieht. Das muss die documenta aushalten. Was hier passiert ist, ist ein Sieg der documenta, aber eine Niederlage der Kunst. Wenn man das zu Ende denkt, sind das letztendlich Allmachtsfantasien einer Kuratorin. Wie will man denn das durchsetzen? Wer kann denn den Anspruch erheben, der städtische Raum wäre kontrollierbar? Man muss aufpassen, dass die documenta-Künstler nicht zu Marionetten der Kuratorin werden.

Zur Person Gregor Schneider

Gregor Schneider Foto: picture-alliance

Gregor Schneider (43, geboren in Rheydt) gilt als einer der wichtigsten, aber auch umstrittensten deutschen Künstler der Gegenwart, der immer wieder in den Stadtraum eingreift. 2001 transportierte er sein „Haus ur“ samt Fenstern, Wänden, Durchgängen, Zellen und Fallen aus Rheydt nach Venedig. Es galt als bester Pavillon der Biennale, Schneider erhielt den „Goldenen Löwen“. Schneider ist Professor an der Universität der Künste Berlin.

Hintergrund: Das sagt Bernd Leifeld

In einem der HNA vorliegenden E-Mail-Austausch warnt documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld, dass sich die evangelische Kirche durch eine „Gegenveranstaltung“ in den „immer zahlreicher werdenden Kreis der ,Trittbrettfahrer’“ der documenta begebe, wenn sie sich mit einem großen Außenraumprojekt als Ausstellungsveranstalterin im Bereich der zeitgenössischen Kunst profilieren wolle. Eine bewusst herbeigeführte „Verwechslung“ sei „schädlich für das Unternehmen documenta“.

Hintergrund: Das plante Gregor Schneider

Geplant hatte Gregor Schneider einen interreligiösen Austausch. In Kalkutta hat er architektonische Elemente seines Hauses „ur“ für einen Tempel verwendet und mit örtlichen Künstlern Skulpturen gebaut. Bei einem mehrtägigen religiösen Volksfest wurden sie in spirituellen Handlungen zu Göttern und nach einer Prozession im Ganges versenkt. Der Künstler hat sie aus dem Fluss geholt, nach Deutschland gebracht und wollte sie in der Karlskirche zeigen.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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