HNA-Kommentar

Diese Baustellen muss die documenta bewältigen

Kassel. Sabine Schormann ist neue Generaldirektorin der documenta. Wie geht es jetzt weiter mit der Weltkunstausstellung? Ein Kommentar von Kulturredakteur Mark-Christian von Busse. 

Vor ein paar Tagen hat der „Kölner Stadt-Anzeiger“ anlässlich der Art Cologne die Kunstmetropole am Rhein als künftigen Austragungsort der documenta ins Spiel gebracht, weil doch in Kassel „derzeit anscheinend fieberhaft daran gearbeitet wird, die Weltkunstausstellung auf Provinzniveau zu stutzen". Das ist natürlich Unfug.

Doch der Spott am Standort der wichtigsten deutschen Kunstmesse zeigt, dass in der Kommunikation nach dem Finanzdesaster der documenta 14 einiges schiefgelaufen ist. Viele Feuilletons kreiden dem Aufsichtsrat an, dass er Geschäftsführerin Annette Kulenkampff allein die Verantwortung für ein Defizit anlastet, das er selbst gewissermaßen in der Bewilligung des Athen-Konzepts bereits in Kauf genommen habe: Es habe eben keine zwei Ausstellungen zum Preis von einer geben können.

Wenn nun die Vertreter der Bundeskulturstiftung ankündigen, ihr Mandat niederlegen zu wollen – obwohl beide der documenta aufgrund ihrer Berufsbiografie eng verbunden sind –, ist das ein verheerendes Signal. Es zeigt, wie zerrüttet der Aufsichtsrat ist – eine Baustelle, auf die die neue, erfahrene und bestens vernetzte Hannoveraner Kulturmanagerin Sabine Schormann kaum Einfluss haben dürfte.

Dafür findet die 55-Jährige zahlreiche andere Baustellen in Kassel vor, die schnell energisches Handeln erfordern. Schormann weiß das natürlich auch. „Es gibt wahnsinnig viel zun tun“, sagte sie gestern mehrmals. Das Wichtigste: Bei der Einsetzung einer Findungskommission für die künstlerische Leitung der documenta 15 sind wertvolle Monate ins Land gegangen. Zwar sind Meldungen einer Verschiebung der d15, die manche Medien bereits herbeischreiben, verfrühter Alarmismus. Aber die Zeit drängt tatsächlich. Ob der neue documenta-Chef zum 1. Januar 2019 berufen werden kann, ist mehr als fraglich.

Viel Zeit ist auch verstrichen, seit vor sieben Monaten der Weggang von Fridericianum-Leiterin Susanne Pfeffer nach Frankfurt bekannt geworden ist. Angesichts der Vakanz ist zu befürchten, dass die Kunsthalle nach der Landgraf-Carl-Ausstellung über viele Monate keine Ausstellung zeigen wird. Das wäre ein Unding.      Und nicht zu vergessen: Für das künftige documenta-Institut müssen entscheidende Weichen gestellt werden.

Sabine Schormann will der documenta wieder „Ausstrahlungskraft“ geben. Dafür wird mehr nötig sein als ihr eigener Start, auch wenn der ein wichtiges Zeichen ist. Und es wird auch nicht reichen, die Geschäftsführerin in Generaldirektorin umzubenennen, um die documenta aufzuwerten.

Archivvideo von der documenta 14: 

Rubriklistenbild: © Pia Malmus

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